Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1842)
- Date
- 1842-06-25
- Page
- Seite 206 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360228--2524-3529434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 den wird, daß ferner Rabbiner herangebildet werden, die die Bildung der heutigen Zeit in sich ausgenommen haben, welche so das Mittel werden, sie aus dem Aberglauben und der religiösen Beschränktheit einer längst vergangenen Zeit herauszuziehen und sie damit den Vorstellungen christlicher Religiosität und Sitte zugänglich zu machen, ohne daß der jüdische Aberglaube in gänzlichen Unglauben und flachen Materialismus, wie dies bei den heutigen gebildeten Juden nur zu häufig der Fall ist, überschlägtdaß endlich eine gehörig beaufsichtigte religiöse Iudenbildung Ln den jüdischen Gemeinden Eingang finde. — Vorschläge, die auf Befriedigung des oben erwähnten Bedürfnisses hinzielm, lassen sich nicht füglich machen, ohne die Betheiligren selbst anzuhören. Wir beauftragen die -Herren Landräthe daher, einige aufgeklärte, durch Bildung und Sitte über ihre Glaubensgenossen hervorragende Juden mit ihren Ansichten und Wünschen über den vorstehend beregten Gegenstand zu hören und uns die wo möglich schriftlich abzugebende Aeußerung derselben vorzulegen. Sollte vielleicht in der einen oder anderen Korporation ein Rabbiner vorhanden sein, der gleiches Vertrauen verdient, so ist auch dessen gutachtliche Aeußerung uns einzureichm." — Ich werde Ihnen über die verschiedenartigen Gutachten, welche in Folge dieser höhern Orts geschehenen Anfrage von den Juden eingehen werden, zur Zeit das Wichrigste mitzutheilen nicht unterlassen. P. A. Lichtmih Schattenbildev aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Die deutsche Presse m ihrem Verhältnisse zu der noch schwebenden Angelegenheit der preußischen Inden. Noch am Schlüsse des vorigen Jahres schwelgten die preußischen Juden in süßen Zukunststräumen. Und sie blieben ungestört von denselben umfangen, als sich schon der ganze Horizont düster umwölkt hatte. Erst als die ersten-Blitze — ihnen war es, als kämen sie aus heiterem Himmel, so groß war ihre Ucberraschung — erst als die ersten Blitze dm Gesichtskreis weniger erhellten als vielmehr der Eontrast zwischen dem kurzen Lichte und dem auf dasselbe folgenden langen Dunkel grell hervortreten ließen,, als man aus weiter Ferne schon den Ruf erschallen hörte: Wachet, kämpfet, prote srir et, — erst da wich die Illusion und der Zauber dem nackten Bewußtsein unheilschwangerer Wirklichkeit. Die preußischen Juden — um in kalter, nüchterner Prosa zu reden — waren die letzten, welche das über ihren Häuptern drohende Ungewitter in seiner ganzen Furchtbarkeit erkannten. Erst als sie durch sernherkommende Signale — von Paris und Hamburg her verkündigte man zuerst den Sturm — gewarnt und aus der Lethargie emporgerütielt warm, eilten auch sie auf den Posten, den sie zu vertheidigen berufen sind. Und Ehre dem Ehre gebührt! An ihnen liegt wahrlich die Schuld nicht, wenn ihre Sache statt zu triumphirm unterliegen sollte. Aber — sie mögen siegen oder untergehen — gleichviel: sie stehen in der öffentlichen Meinung gerechfertigt da: ohne reservatio mentalis haben sie Bürger des Staates sein und Freude und Leid mit dem Vaterlande rheilen zu wollen erklärt und ohne jesuitische Ränke kann man ihnen die Ebenbürtigkeit, die ihnen jetzt der bessere Theil der Presse zuerkennt, nicht wieder abzusprechen wagen. Dieses Bewußtsein, daß sie, wenn auch nicht de facto, doch bereits in der Idee in die Reihen des bürgerlichen- und Staatsverbandes eingetreten sind und von den Coryphäcn und Organen der Intelligenz jede Aufrechthaltung einer Scheidewand als rechtswidrig und willkürlich anerkannt wird, —dieses Bewußtsein ist in ihnen zur Reife gekommen durch den lebhaften rastlosen Beistand, den ihnen die Presse schon seit dem Anfänge des Kampfes gewährt. Und nicht die jüdische allein — Gottlob, die Zeiten sind vorüber, da wir den Stachel gegen uns selbst kehrten und in unfern eignen Eingeweiden wühlten — auch die freisinnigen politischen Organe Deutschlands nehmen laut und wiederholt für uns Partei und wer sich aus Rücksichten oder Menschenfurcht nicht für uns zu erklären wagt, sieht wenigstens völliges Schweigen für Pflicht an. Jetzt noch von Judenhaß.in der Presse reden zu wollen — von dem Knurren schlechter Wochenblätter und seichter Intoleranztraktätlein nehmen wir am besten gar keine Notiz — wäre ungerecht und unverantwortlich. Es sind kaum sieben Monate her, als der Wunsch in mir aufstieg, durch erlaubte Mittel, ohne Bestechung, ohne Kriecherei, lediglich durch den Ernst der Gesinnung, durch klare Auseinandersetzung des Wesens der ächten Freisinnigkeit auf die Presse und durch diese für die Emancipation zu wirken. Ich bin von dem Werthe der Presse innig durchdrungen, und ich glaubte damals und glaube noch immer, daß.es vor Allem, darauf ankomme, unwiderleglich darzuthun, daß der Liberalismus vor keiner Consequenz zurückbeben dürfe, am wenigsten vor der durchaus unerläßlichen Unterdrückung persönlicher