Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1842)
- Date
- 1842-06-25
- Page
- Seite 203 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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203 nicht überall ausgerottet, und die Anhänger derselben haben neue, eben so schwacheArgumentationen gegen die völlige Gleichstellung der Inden und Christen aufzu finden gesucht. Daß gerade jetzt bei uns eine endliche Feststellung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden erfolgen soll, ist bekannt. Die vermuthlichen Bestimmungen des zu erwartenden Gesetzes, namentlich die Bildung gesonderter jüdischer Korporationen mit besonderen Rechten und Pflichten, die allgemeinen Befürchtungen, welche die Nachrichten hiervon bei Juden, und aufgeklärten Christen hervorgerufen, sind bereits durch die Zeitungen mitgetheilt. Eben so die Antwort des Ministers des Innern und der Polizri auf die Adresse der einzelnen jüdischen Gemeinden, in welcher derselbe zwar Anfangs ihre Befürchtungen in ziemlich unbestimmter Weise für ungegründet erklärt, gegen das Ende aber von besonderen Modificationen ihrer Berechtigungen im Vergleiche zu denen der Christen spricht, und so der Hoffnung auf eine endliche Gleichstellung entschieden entgegentritt. Wahrend also nach Beendigung der Befreiungskriege viele Juden blos dadurch schon bitter in ihren Hoffnungen getauscht wurden, daß man das Edikt vom 11. Marz 1812 nicht vervollständigte, gedenkt man jetzt, weit hinter das Edikt von 1812 zurückzugehen, durch Bildung gesonderter Korporationen das eben erstarkende Freundschaftsverhältniß zwischen, Juden und Christen wieder aufzuheben, eine neue Trennung hervorzucufen, und so dem Wiedererwachen alter Vorurtheile, namentlich bei den untersten Klassen, Raum zu geben. Wem fallen nicht bei Erwähnung dieser gesonderten Korporationen die verrufenen Judengäßchen des Mittelalters ein? Ein Aufsatz in der Staatszeitung „über Anzahl und Vercheilung der Juden in Preußen" zeigt namentlich gegen das Ende die entschiedene Tendenz, die erwähnten Gesetz-Ideen als zeitgemäß, für Juden und Christen gleich heilsam darzustellen. „Die sittliche Stellung der Judenschast hangt wesentlich davon ab, daß es ihr möglich bleibt, eigene Anstalten für den Elementarunterricht und für die Verpflegung der Armen und Kranken zu unterhalten. Das vermögen aber nur zahlreiche und wohlhabende Judengemeinden. Hiermit soll offenbar die Bildung gefondetter Judencorporationen als norhwendig dargestellt werden. Fragt man aber, welchen Umständen die in neuester Zeit immer zunehmende Verbrüderung zwischen Christen und Juden zugeschneben werden muß, so ist der einzige Grund dieser erfreulichen Erscheinung die gemeinsame Bildung. Gerade weil in den Schulen von Jugend aus jüdische und christliche Kinder einander nahe gerückt werden, weil sie hier einsehen lernen, daß ihre verschiedenen Glaubensdogmen kein Hindecmß freundlicher Verhältnisse sind, daß es keine gesonderte jüdische, sondern nur eine gemeinsame deutsche Bildung in unserm Vaterlande giebt, daß Juden und Christen gleich tief von dieser Bildung durchdrungen werden, und später in Wissenschaft und Kunst dieselben Ideale verfolgen, nur hiedurch sind jme traurigen Vorurtheile gegen die Juden großentheils zum Falle gebracht, und nur durch das Beibehalten gemeinsamer Bildungsanstalten laßt sich ein solches, unseren aufgeklärten Begriffen angemessenes Verhältnis; für die Zukunft sichern. Der Religionsunterricht ist in unseren Schulanstalten durchaus kein so vorwiegendes Element, daß nicht Anhänger verschiedener Religionsparteien in derselben Anstalt vereint sein könnten. Obgleich der jüdische Schüler in der Schule nicht gezwungen wird, am christlichen Religionsunterrichte Theit zu nehmen, so ist das Bedürfniß, sich mit den Lehren der christlichen Religion bekannt zu machen, für den gebildeten Juden so dringend, daß oft selbst strenggläubige Juden freiwillig an diesem Unterrichte Theil nehmen. Worin liegt also die NothwendiZkeit besonderer jüdischer Unterrichtsanstalten? — „Keine weise Negierung", heißt es in jenem Aussätze weiter, „könnte Anstand finden, eine Gleichstellung der Juden und Christen unbedingt auszusprechen, wenn hierdurch wirklich die kräftigste Entwickelung derselben gesichert, und wenn nicht die Juden durch ihre Religion selbst genöthigt wären, eine besondere Nationalität zu bewahren." Man hatte statt dessen sagen sollen: Keine weise Regierung kann Anstand finden, unter Umstanden wie die unstrigen eine Gleichstellung der Juden und Christen unbedingt auszusprechen! Denn wer kann nach den Befreiungskriegen noch von einer besonderen Nationalität der Juden sprechen? Würden die Juden mit allgemeiner Begeisterung für die deutsche Nationalität die Waffen ergriffen haben, wenn diese ihnen eine fremde, der ihrigen widersprechende gewesen wäre? Auch in diesem Aufsatze dient übrigens das alte Sprüchelchen von' der Abneigung oder Unfähigkeit der Juden zum Handwerke und zu körperlichen Arbeiten als kräftiges Argument gegen eine Gleichstellung derselben mit den Christen; nur ist dieser alte, abgenutzte Satz etwas modernisier. ,/Arbeitsscheu und Mangel an Ausdauer^, sagt der Verfasser, „ist freilich nicht der Grund jener Abneigung, sondern die jüdischen Religionsgesetze. An den christlichen Sonn- und Festtagen, die fast £ des Jahres ausmachen, dürfen die Juden natürlich ihre bürgerlichen Geschäfte nicht betreiben, ihre eigenen Sabbate und Festtage, fast wieder £ des Jahres, müssen sie auch feiern; sie verlieren also fast J des Jahres, und können sich natürlich Handwerken und andern Berufsarten nicht zuwenden, welche fortwährende körperliche Arbeiten erfordern." Daß dieser Uebelstand den Juden beim Handel, von dem sie sich doch sicherlich nicht haben zurückhalten lassen, ebenso hinderlich sein muß,'als bei anderen Geschäften, übersieht der Verfasser, und zieht hieraus den Schluß, daß, sobald die Verfassung es gestattete, die 26 *