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Der Orient · 1842-06-18 · 25 (18.6.1842) · p. Spalte 393-394

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
25 (18.6.1842)
Date
1842-06-18
Page
Spalte 393-394 (sequence 5)
Language
German
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393 Lalmudische Exegetik. Non M. Schwarzauer. 394 gegen die ein Widerspruch eines etwa erwachenden exegetischen Gewissens durchaus nicht geahnt, und selbst wenn es dunkel sich regte, alsbald zum Schweigen gebracht wurde." (!!) Wie ist es auch nur möglich, Männern den Anspruch auf Jnfallibilitäl zu vindmren, die eine solche maßlose Discussion bei ihren Lehren gestattend Welcher Religionslehrer hatte je einen Widerspruch geduldet, wenn er seine Worte für unfehlbar gegeben? Haben Moses und die Propheten eine Discusston erlaubt? Mit Nichten! Der muchwillige Sabbatstörer (Num. 15, 32—36) wurde gesteinigt. Für die einzige biblische, korachitische Opposition öffnete sich der Erde Schlund zu ihrem Verderben (Num. 16, 1 — 35). Die Talmudisten aber haben, wie wir bereits gesehen, den subjectivesten Deutungen Thor und Riegel geöffnet, sobald die Halacha dadurch nicht negirt wurde (LB. d. O. Nr. 17- S. 267). So wie sie auch sich gegenseitig keine unbedingte Autorität gegeben und geben konnten: „In dem Orte des R. Elasar fällte man Holz am Sabbat behufs der Kohlen-Bereitung für die Eisenwerke." „In dem Orte des R. Jose Galili aß man Gestügel in Milch gekocht." (Cholin 116 a.) u. a. a. O. Ja manche Lehrer konnten nicht immer den nothwendigen, heiligen Ernst Ihrer Schüler erhalten (Schabat 30 1>). Und bei solchen eigenmächtigen religiösen Handlungen sollte von 'den Talmudisten Jnfallibilitat beansprucht worden sein? Behaupte dies wer kann, unsere Logik will es uns nimmer gestatten! — Ganz unserer Ansicht von dem freiesten Gebrauche, den die Talmudisten vom Bibelrexte machten, scheint auch der gründlichste und zuverlässigste Kritiker der Neuzeit, Hr. Dr. Zunz zu sein, wenn derselbe S. 83. der g. Vortr. von der Hagada sagt, daß sie selbst da erscheine, „wo die Halacha zwar Hauptsache 'st, doch den Gedanken des Schrifttextes nicht dermaßen erschöpft, daß er nicht auch der freien Anwendung Spielraum gönnen sollte." Ferner II). 86. (es ist von den 32 Mlddoc der Barajta des R. Elleser b. Jose Galili die Rede) „Sie zeigen, mit welcher Freiheit man schon in der Mitte des zweiten Jahrhunderts zu Werke ging, um die Schwierigkeiten der heiligen Bücher zu ebnen und ihren Inhalt den spätern Ansichten unterzuordnen." Man glaube aber ja nicht, bei der Wichtigkeit, welche der Talmud dem Studium des Gesetzes beigelegt, und wenn er diese religiöse Geistesthatigkeit als Lebenszweck betrachtet, es sei ihm der einzige gewesen, oder er wolle einem beschaulichen, thatenlosen Leben das Wort reden, im Gegenlheil wird in der Mischna schon auf lebenskräftige Handlung gedrungen. „Nicht das Studium ist die Hauptsache, sondern die That." „Jede Gelehrsamkeit mit der nicht Thatigkeit verbunden, ihr Ende ist Nichtigkeit" (Abot) poiyn n “iDNH ib 'DD.npn mt>n rrnrn. „81. Huna sagte, wer nur mit dem Gesetze sich beschäftigt (ohne frommes Thatenleben) gleicht einem Gottlosen" (Aboda Sara 17,5). Nur insofern in ihm die feste Ueberzeugung waltet, daß ein richtiges Erkennen nothwendig auch zum rechten Handeln führen muß, insofern in jenem gerade die unabweisbare Aufforderung zu diesem enthalten — ist das Studium des Gesetzes Lebenszweck, und auch hier gilt in Wahrheit Nn xbw “pnc. Und wenn auch dem Talmud der Punkt und die Spitze und der Strich des Buchstaben und dieser selbst Bedeutung hat und zuweilen gesetzgebend wird, so sind sie es ihm gleichsam nur relativ, insofern dieser Buchstabe göttlichen Ursprungs geglaubt wurde: der einfache natürliche Sinn der sprachlichen Bedeutung galt ihm dennoch als der eigentlichste, rmr? '“i nn rby wn m nn irnnD pioo Dnncn -udin ^riDD nt. „R. Jehuda sagt: wer den Bibelvers buchstabelnd übersetzt, der ist ein Narr und der Paraphrast lästert und schmähet." (Kidduschin 49 a.) — Eben so wenig waren die Talmudisten bei allem Festhalten an den Satzungen eigentliche Buchstabenknechte, wofür sie das feindliche Christenrhum und eine gewisse ässig nachtretende jüdisch kritische Richtung so gern darstellt. Es war jenen bei allen höhern Aufgaben um den wahren, belebenden Geist zu thun. — „Und was kein Verstand der Verständigen sieht, .Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüih!" Wie der Forscher, der Natur, dem sie Mutter und theuerste Lebensgefährtin geworden, der von der Freundin sich nicht trennen, nicht ohne sie leben kann, in ihr einher wandert, lauter und bildender und erhebender und heiliger belehrt, als in der lebendigen Menschenwelt. Er steigt in die tiefsten Schachten der Erde und sie erzählt ihm ihre Lebensgeschichte, ihr Alter und ihre Revolutionen, was sie gegeben und empfangen von andern Neichen der Natur. — Von den Monaden bis zum Dhawala-Giri , von den Korallen bis zu den Polypen, von den Infusorien bis zu den Menschen, von den Cretins bis zu Spinoza und Kant, ist ihm nichts ohne Bedeutung, steht ihm Nichts isolirt; Alles weiset aus einander hin, trägt und verbindet und ergänzt sich. Eins ist um des Andern willen und Alles um des Einen willen da ........ denn Ein Geist durchwehet Alles; so athmete und lebte der Talmud ist in dem zweiten Buche der größten Offenbarung; in diesen heiligen, himmlischen Hallen gab jeder Laut ihm ein tausendstimmiges Echo wieder; ein jeder trug einen göttlich lodernden Sinai im Herzen; und was sie gewirket und gelehrt, von diesem Feuer war es erwärmt und erleuchtet. Dresden, im Sivcm 5602.

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