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Der Orient · 1842-06-18 · 25 (18.6.1842) · p. Spalte 391-392

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
25 (18.6.1842)
Date
1842-06-18
Page
Spalte 391-392 (sequence 4)
Language
German
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391 Lalmudische Exegetik. Bon M. Schwarzauer. 392 gänzlich überflüssige) Bibelexegese, oder gar als allein gültige zu geben, war es ihrem gläubigen Gemüthe und denen welchen es gelehrt wurde, schon hinlänglich bewahrheitet — wenn das Gesetzobjekt nur irgend eine innere oder äußere Verwandtschaft mit dem Alles zu fassen befähigten, göttlichen Bibel Worte hatte. Man darf ja nur den Geist und die Motive dieser Talmud-Dlscussion, wie sie heute noch treu und lebendig bei dem jetzigen gläubigen Talmudisten waltet, sich vergegenwärtigen und anschaulich machen, und man wird finden, daß sie bei ihren Discussionen eben so entfernt von „Scherz und Spiel" als vom eigentlichen Forschen nach der Sinneswahrheit des Bibeltextes sind, sondern die Religion und die Beschäftigung mit alten ihren Vorschriften ist ihnen Lebensbestimmung. Wenn nur die Absicht lauter (NOL^) war, da galt die Geistesthätigkeit mit religiösen Lehren, ohne Rücksicht wie jene mit der allgemeinen Logik übereinstimme — denn eine gewisse war allerdings nothwendig, aber auch diese religiös bestimmt— für das Gott gefälligste Werk. War ja ein großer Theil der Gegenstände dieser Discussionen schon längst aus dem Leben derer geschwunden, welche sie verhandelt; ja oft betrifft es Dinge der Vergangenheit, welche nicht einmal Einfluß auf irgend etwaige zukünftige Zustände haben konnten, wie wir schon oben nachgewiesen haben. Das mündliche Gesetz wurde wie ein Zaun um das schriftliche betrachtet. Nicht ein Zaun, künstlich gebaut aus fremden Materialien, vielmehr ein lebendiger, unsichtbar hervorsproffend und sortwachsend aus den tiefen Wurzeln der im Innern des Gartens stehenden Pflanzung, gezeugt und erhalten von einer und derselben Schöpferkraft. D^n D’Ti'pn n:n nn nr „dieses wie jenes sind Worte des lebendigen Gottes" (Chagiga 3 b). „Das Studium des Gesetzes übertrifft Alles" (Peah 1. Kidduschin 40 a)*, „es ist vorzüglicher als die That, denn das Studium führt ja erst zu dieser" (Kidduschin 40 b) > „es ist verdienstlicher denn Opfer" (Megilla 5. Schabbat 30 a. Menachot 110); „es behütet die Menschenseele" (Menachot 99.); „es befördert die Erfüllung der Wünsche" (Aboda Sara 19) > „die Gottheit umgiebt den Studirenden" (Tamid); „es rettet von der Sünde, vom Tode" (Menachot 110. Sota 21); „das jenseitige einstige Gericht fordert zuerst Rechenschaft hierüber" (Kidduschin 40 b. Megila >71. Sanhedrin 7); „es heilet Schmerzen und schützet vor bösen Nachrichten" (Berachot 5 und 14); „es ist mehr als Menschenleben retten2) und den Tempel bauen" (Megilla.16); „es wird empfohlen und geschehe es auch aus unedler 2) Um böswilligen Mißdeutungen zu begegnen, sei hier bemerkt, daß diese und ähnliche Stellen durchaus nicht wörtlich zu verstehen seien/ Denn nach dem Talmud giebt es kein Gesetz — ausgenommen: Mord, Götzendienst und Absicht (Sota 22. Horajot 11), weil es doch endlich zur edlen führt"; „ein Heide, der das Gesetz studirt, gleichet einem hohen Priester" (Aboda Sara 19). Und so gläubig ausgerüstet, durch und durch von diesem Gedanken ergriffen und von jeder andern geistigen Thatigkeit abgeschlossen, entstand diese Deutungsweise.' Ist dem Reinen Alles rein, so ist jenes dem gläubigen Gemüthe göttlichen Ursprungs, wenn die Absicht es geheiligt. „Man dachte und lehne und war des Lohnes gewiß." (tyrn •W bpi — Joma 1. 5 und 99 1). Sotha 44. Sebachim 45.) Richten wir nun einen Blick auf die Resultate, welche dieser kindliche Glaube herbeigeführt, vergleichend mit dem Urtheile, welches Hr. Dr. G. von deren Werthe gegeben, so wird man beinahe zu der Vermuthung versucht, ein ungünstiges Voructheil gegen die Objects- Tendenz, habe die richtige Mitte einer gewissenhaften Kritik überschreiten lassen. R. Jischmaöl erklärte die ganze Bibel durch trev und R. Akiba durch .üjnoi nm (Schebuot 26 a), R. Acha b. Chanina sagte: „es ist bekannt und offenbar vor dem der da sprach: „Es werde!" daß zur Zeit des R. Meic diesem Niemand gleich war und warum wurde demungeachtet die Halachah nicht nach ihm bestimmt? weil seine Genossen das Resultat feiner Meinung nicht ergründen konnten, denn er erklärte mit Gründen das Unreine für rein und das greine für unrein" (Erubin 13). „Einen Schüler hatte R. Meir, der Sumchus (Symmachus) hieß, der lehrte für jeden unreinen Gegenstand 48 Gründe, daß er rein sei; und ein Anderer lehrte wieder ein (pp) kriechendes Thier für rein aus 150 Gründen" (Embin 13). „R. Ekiba deutete behufs irgend einer Gefetzbestimmung so oft das Wörtchen TIN in der Bibel vorkommt" (Menachot 99. Pesachim 22. Kidduschin 27 und 57. Nasir 66. Schebuot 26. Baba Kama 41. Vechocot 6). „Seine Locken herabrollend (Hohes Lied 5, 11), das lehrt, daß man deuten kann jede Spitze und jedes Strichelchen der Buchstaben" (Megilla 88. Erubin 21). „Die Nabbinen sagen, so oft die Zahl der Buchstaben größer ist wie die der Punkte, werden jene gedeutet, sind diese zahlreicher wie jene, so werden die Punkte gedeutet" (Pesachim 36). Und von dieser kindlich frommen Geistesthatigkeit schließt Hr. Dr. Geiger in seiner Skizze S. 80.: „Somit ist es uns klar geworden, daß die Gemara ihre Deutungs- und Ableitungsmethode als vollkommen richtige Exegese betrachtet, und zwar als die einzige, neben welcher keine andere hergeht, Blutschande, durch, deren Übertretung der ganze moralische Werth des Menschen aufgehoben wird — das nicht aufhöre, ein solches zu sein, wenn es Menschenleben gilt! Die Deutung om nftw Dm im „leben sollst du durch sie" (die Gesetze) und nicht sterben," ist bekannt.

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