Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 24 (11.6.1842)
- Date
- 1842-06-11
- Page
- Spalte 377-378 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9894039-9894078--2170-3529405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
377 Liturgisches. Dr» Frankels Entgegnung auf Dr. Salomons Sendschreiben. 378 f'V. kennt ^), welches man in dem sefardischen Machsor als für den Sühnetag bestimmt findet, der wird leicht den himmelweiten Unterschied' merken, der zwischen jenem und unserem Liede ist, und daß unmöglich beide von einem und demselben Verfasser herrühren können. Auch das Versmaaß in scheint gegen Maimuni zu sprechen. Wir wissen, daß Maimuni dergleichen Hymnen nicht liebte und noch weniger anfertigte, auch sein eben erwähntes Lied wirklich ohne hp&ft oder Versmaaß abgefaßt ist, während unser Hymnus ein regelmäßiges Versmaaß hat. — (Fortsetzung folgt.) Erwiderung auf das von Herrn Dr. Salomott, Prediger am neuen israelitischen Tempel zu Hamburg, an mich gerichtete Sendschreiben. (Schluß.) Ich will hier noch auf die höchst sonderbare Polemik des Hrn. S. aufmerksam machen. Er sagt bei dieser Gelegenheit (S. 41), ich ignorire die deutschen Originalgebete, macht schon früher (S. 36) nur dieses zum Vorwurfe- und doch führt er selbst (S. 30. 53) meine Aeußerung (Orient S. 63) an: „das neue Gebetbuch enthalte des Trefflichen und wahrhaft Erhebenden viel und gibt sich in ihm an mehren Seiten eine tiefe, hinreißende Gemütlichkeit kund." Wie trefflich weiß Herr S., da wo es ihm nützt, meine Aeußerung anzuführen und sie in einem andern Falle zu umgehen! — Herr S. fragt (S. 37): „ob mir das fTDTn, die Tobten fei er im neuen Gebetbuche, entgangen sei?" Nein! ich hatte sie im Sinne, als ich von der tiefen Gemüthlichkeit dieses Gebetbuches sprach - „warum ich sie nicht heraushob?" Die Frage dürste umzukehren seyn: warum sollte ich gerade sie herausheben, da doch auch andere Stücke von nicht geringerer Gemüthlichkeit zeugen und mein Tadel, wie jeder Leser des Gutachtens erkennt, sich nur auf die Anordnung der hebräischen Gebete im neuen Gebetbuche erstreckt? — Aber ich will auch unverhohlen gestehen, daß so tief mich dieses NDM rran ergriff, mir andererseits seine Breite, wodurch es mehr einer Reflexion als einem Gebete sich nähert, da es den theologischen, teleologischen und moralischen Beweis, wie ihn manche philosophische Lehrbücher geben, in sich aufnimmt, einen störenden Eindruck hervorzubringen schien. 12. Herr S. erzählt (S. 45 ff.) die Entstehung des Tempels zu Hamburg, will, daß in ihm sich nicht separatistische Elemente finden, und schließt auf meine Bemerkung „daß *) Zu Anfang der Strophen findet sich auch akrostichisch sein Name. der Tempel zu Hamburg bis jetzt noch keine Nachahmer gefunden", mit den Worten: „dieses liegt einzig und allein an dem geistlichen Stolze unserer neuen und neuesten Rabbiner" (S. 51). Diese Beschuldigung zeugt von einer Befangenheit, die bei Herrn S. um so befremdender ist, als ihm doch wohl die Erfahrung sagen mußte (und Herr S. kommt im Sendschreiben oft darauf zurück), daß.Reformationen durch Rücksichten auf die Gemeinden, Rücksichten auf ihre Bildungsstufe und ihre religiösen Bedürfnisse bestimmt werden. Wohl müssen die Nabbinen über dem Stoffe stehen, ihre Einsicht soll der der Gemeinden vorangeeilt sein, wenigstens dürfen sie nicht hinter deren Verlangen nach Licht Zurückbleiben; aber dieses ist die hohe Aufgabe des Volkslehrers, daß er vermittelnd zwischen die Gemeinde und den ihr noch fernen Fortschritt trete, sich zu der Gemeinde herablasse und sie schone, aber in dieser Schonung sie durch Belehrung zu sich erhebe. Auch der Liberalismus ist mitunter terroristisch: und wird der Fortschritt mit Hohn und Spott gegen das Bestehende gepredigt, so zeugt er von einem um so verdammlichern Fanatismus, als man im Namen des von Vorurtheilen und Einseitigkeiten sich befreienden Geistes auftreten will. In Sachen des Glaubens schonungslos verletzen und verwunden, ist nicht der Ausfluß einer höhern Einsicht, sondern des mit Gewalt sich Bahn machenden Terrorismus, der seine Meinung gewaltsam auf den Thron setzt. Die Gemeinden sind nicht wegen der Rabbiner, sondern die Rabbiner wegen der Gemeinden da: diese erst spät auf den Staat gemachte Anwendung wurde in Israel von jeher erkannt (>~iyn ptt pN DN): der Rabbiner muß daher seine Gemeinde würdigen, erkennen, auf welcher Stufe sie stehe und welcher Bildungsgang für sie der angemessenste sei. Und hängt nicht auch von solcher Berücksichtigung allein das Gedeihen des Fortschrittes ab? Erscheint die religiöse Reform als ein Aufgedrungenes, dann faßt sie nicht Wurzel, wird sie und der sie predigt mit Widerwillen zurückgewiesen; und nicht vermag das Machtgebot der Regierung oder der theilweise Anhang der Gemeinde der Reform Eingang zu verschaffen, wenn sie nicht den Weg zum Gemüthe zu finden weiß, wenn sie nicht das Gemüth für sich gewinnt, daß sich ihm der Fortschritt als ein aus ihm sich entwickelndes Element, das es mit Liebe pflegt und großziehet, manifestirt. Und welchen Nachtheil bietet nicht auch von anderer Seite der schonungslose Fortschritt dar! Der Friede weicht, es bricht Zwiespalt aus, ein verzehrender Haß trennt-die Gemeindeglieder, daß sie gegenseitig sich anfeinden und verfolgen: vermag auch die heilsamste Reform für solchen Zustand ..Ersatz zu geben, kann die Synagoge sich durch den größten Fortschritt die Achtung verschaffen, die sie durch ein Zerwürfniß verliert, wobei es oft an Anschwärzung und Verdrängung nicht fehlt, der Streit mit feuriger Zunge sich bis vor das weltliche Tribunal hinschlängelt, dort Juden gegen Juden, Religionsgenoffen gegen Religionsgenoffen mit blinder Wuth streiten, das religiöse Zerwürsniß in Parteikampf und leident