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Der Orient · 1842-06-11 · 24 (11.6.1842) · p. Spalte 371-372

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
24 (11.6.1842)
Date
1842-06-11
Page
Spalte 371-372 (sequence 2)
Language
German
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372 371 Der Geist der talmud. Auslegung der Bibel, von Hirschfeld. Beurcheilt v. Cassel. schon eine oberflächliche Betrachtung des Buches rechtstetigt, wenn auch die ohne weitere Begründung ausposaunten Lobeserhebungen weder in den Augen des Publikums, noch in denen des Verfassers einen Werth haben können. Nur das können wir voraus im Allgemeinen sagen, das, gesetzt auch der Verfasser habe seine Ausgabe nicht gelöst-, der wissenschaftliche Sinn, der das Ganze durchdringt, Anerkennung schon und Aufmunterung verdient. Um ein näher eingehendes Urtheil zu fällen,, versuchen wir es, das Werk selbst genauer zu untersuchen, und wo möglich auch unfern Lesern ein Bild des hier Geleisteten zu verschaffen. Das hier angezeigte Buch: die halachische Exegese ppfytö OTTttl NNv) bildet den ersten Theil eines größern Werkes: „der Geist der talmudischen Auslegung der Bibel", dessen zweiter vielleicht bald erscheinender Theil die hagadische {Sjcegefe :t>ctcad)tcn sott. —- In dem Vorworte, aus dem wir gern eine Probe mitgetheilt hätten, wäre nicht Alles gleich vorzüglich und beachtungswerth, tritt der Verfasser mit starkem Selbstbewußtsein den Vorurtheilen entgegen, welche die jüdische Wissenschaft nicht minder, als das jüdische Leben überhaupt niederzudrücken versuchen. Mit kräftigen Worten auf dasselbe hinweisend, was wir oben über das Verhältniß der jüdischen zur christlichen Wissenschaft zu sagen Gelegenheit gehabt, fordert er im Gefühl des vollen Rechtes vom Staat wie von der Wissenschaft die Anerkennung des jüdischen Glaubens, die Gleichstellung desselben vom wissenschaftlichen Standpunkt aus mit dem christlichen, indem nur in einem solchen ehrenwerthen Kampfe der beiden Religionen die herrschende Religion erstarken und kräftig neu erblühen könne. - Eben so wird mit wenigen, aber inhaltsreichen Worten das alte Vorurteil, als sei die Kirche der Staat, niedergeschlagen, wobei freilich ein schmerzlicher Seitenblick auf den heutigen Zustand der jüdischen Theologie zeigt, wie wenig noch das Vorurtheil gewichen sei. — Die gewöhnlichen Bitten um Nachsicht und dergl. übergehen wir, und zwar mit desto mehr Recht, je weniger dieselben nöthig wareru Suchen wir uns jetzt, indem wir an die Beurteilung des Werkes selbst gehen, zuvörderst klar zu machen, welches das Material war, mit dessen Verarbeitung sich das Werk beschäftigt. Unsere Quelle hierzu ist vorzüglich die Einleitung S. 1 — 16. Nachdem der Begriff der Exegese im Allgemeinen richtig als „das Ermitteln , Aufsinden und Erkennen des Gedachten oder Geahnten" (S. 1) festgestellt worden, bewegt sich der Verf. auf den nächsten Seiten in Betrachtungen über die Möglichkeit, einer objectiven Wahrheit der Exegese — ein Gegenstand, auf den wir später noch einmal zurückkommen werden — und bestimmt zunächst als Aufgabe der talmudischen Exegese „zu ermitteln und zu bestimmen, was -von den Juden, während sie sich noch ihrer politischen Selbstständigkeit erfreuten, geschrieben und überliefert wurde" (S. 4), eine Bestimmung, die in sofern zu weit geht, als sie den größten Theil der Apokryphen, die doch auch während der politischen Selbstständigkeit der Juden geschrieben wurdest/ bbestsallS der talmudischen Exegese unterwirft. Diese Betrachtung und Bearbeitung d. h. Schr. durch den Talmud zieht sich nun freilich durch viele Jahrhunderte hindurch, sie ist wie jedes historische Ergebniß allmälig entstanden und hat also selbst wieder ihre Geschichte (S. 9); indeß hat sich der Verft, verlassen von den zu einer historischen Entwickelung dieser Exegese notwendigen Vorarbeiten > nur auf die Darstellung der exegetischen Prineipien des Talmud in ihrer höchsten Entwickelung beschränkt. Wir können deswegen den Verf. um so weniger tadeln, als wir hier nur das zu beurtheilen haben, was er geleistet in Verhältniß zu dem, was er hat leisten wollen. Auch dürfte es in der That eine der schwierigsten Aufgaben sein?, einer jeden der vielen Mischna's, Tosefta's, Barajta's, Hagada's, Memra's u. s. w. nur irgendwie ein bestimmtes Zeitalter zuzuweisen, da sogar, wenn der Name eines Tanna oder Emora angegeben ist, doch wegen des Gleichklanges so vieler Namen und der Unkritik inUeberlieferung derselben lx), noch die Zeit schr zweifelhaft bleibt, bei vielen aber auch , dieser schwache Anhalt uns verläßt. Auch hat sich der Vers, trotz seines obigen Eingeständnisses, wo es ihm möglich war, nicht versagt, auf die Entwickelung dieses oder jenes Prineips. hinzuweisen, und werden wir in Beziehung darauf bald ein Mehres zu sprechen habend). — In jener Zeitrichtung, in der sich eben die talmud. Exegese zu ihrer höchsten Höhe erhoben, „hatte sich das Individuum selbstständig und kräftig ausgebildet und unabhängig (?) von dem Gegenstände seine Ideen darüber sich geschaffen" (S. 10); eine Freiheit, die freilich eine sehr wesentliche Beschränkung dadurch erlitt, daß man eben diese Ideen in der h. Schr. wieder zu finden sich genöthigt sah, auch wenn sie nicht, wie häufig, erst von dieser geweckt worden. Auch verkennt der Vers, diese Einschränkung nicht (hätte aber eben deßwegen nicht so viel aus diese sehr schwankende Freiheit geben sollen) (S. .14); er erkennt in eben dieser Exegese einen thätigen Lebensprozeß, „der ewig sich selbst erneuerte und vergrößerte" (S. 10), indem eben jene Deutungsversuche neue Ansichten geltend machten, die man ebenfalls wiedersinden mußte. — Der Inhalt dessen nun , was der Talmud in der Bibel zu finden hatte, zerfällt bekanntlich in die zwei Theile, Halacha und Hagada; jene das Gesetz und der Gebrauch, diese alles Andere, was nicht in jener begriffen ist. Der Verf. meint mit Recht, diese Unterschiede wären schon sehr alt, hat aber zu unserem Bedauern unterlassen, dieses Alter näher zu bestimmen (S. 13); die Verweisung auf das Zunz'sche Werk Cap. 1t!. und IV. (S. 13. A. 2) hätte besser und bestimmter auf S. 42 Anm. a. 1). und c. und S. 57. A. b. geschehen sollen. Auch vermißt man ungern die Belege zu den 11) Man denke an die häufigen (sunt, qui dicant) und rb V)bW (6t dixerunt eam) im Talmud, mit welchen Formeln gewöhnlich Differenzen in Bezug auf die Namen von Gesetzlehrern angeführt werden. 12) Vgl. unten Anm. 66.

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