Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1842)
- Date
- 1842-06-11
- Page
- Seite 190 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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190 zur christlichen Gemeinde eines Strauß, eines Paulus oder Neanders? — Wahrlich, das Christenthum ist in sich gespaltener als nach außen! — Und gerade, wenn die alte Welt einen mit der Religion innig vermischten Staat aufwies, das Mittelalter ihn der Kirche unterordnete, so liegt in dem modernen Staate schon die Idee seiner religiösen Basis so klar ausgesprochen, daß ein praktisches Staarsbekenntniß, vom Leven selbst gegeben, jedes andere fast überflüssig macht. Jeder, der an dem /heutigen- Staate Theil nehmen will und kann, widerspricht unmöglich seinen innersten Tendenzen. Wohl gehören die letzten Staatenbildungen einer. christlichen Weltordnung an: Sie wurzeln darin und können nicht heraus, selbst wenn sie wollten. Ihre, christliche Grundlage behaupten sie auch unbewußt', denn sie sind von einer christlichen Atmosphäre bis in die weiteste Ferne umgeben. Ist doch unsere ganze Bildung seit achtzehn Jahrhunderten auf das Christenthum gepflanzt! — Aber sind die Juden unserer Zeit etwa unchristlich? — Indem sie dieser Bildung angehören, denselben Moralsystemengehorchen und in dieser Cultur nicht ferne von den Gipfeln stehen, könnten sie die Schichten von 1800 Jahren unterminiren? — Sollte ihr ernster Wille der Cultur selbst entfremdet sein, die einzig und allein den dauernden Werth der Staatsinstitute bewährt? — Nein, nur dem.Charakter entsprießt das Bildungsvermögen. — Und wenn gerne zugegeben wird, daß sich im Laufe der Zeiten der Charakter des Iudenthums mehr noch verändert hat, als der der Juden, wer wollte da noch eigensinnig an antiquarischen Untersuchungen über die frühere Bedeutung der Worte kleben, da es das.einzige historische Verdienst ist, sich dem Strome der Zeiten zu überlassen! — Wohl gehört Muth dazu, mit vollen Segeln "nur nach dem Compaß erhabener Prinzipien zu segeln; — durch! — was rechts, was links -- wie ein Cato auf Carthago's Zerstörung bestand! — Dieser Muth, der historische, wird immer seltener. Denn wer sich mit der Freiheit im' Reich der Träume tröstet, oder in dem freien Reich der Geister lebt, die ihre reale Umgebung nicht einmal bezwingen können, der ist ein Verräther an seinem eignen heiligen Willen! — Es ist ein eitles und vergebliches Streben, allen Menschen ein ungestörtes Wohlsein angedeihen zu lassen; diese materielle Richtung ist verkehrt und unsinnig, ob sie vom St.Simonismuö ausgehe, oder sich in Regierungsmaßregeln äußere. Aber für Alle das letzte, höchste Recht zu verfolgen, als die einzige Möglichkeit allgemeinen Wohls, das ist der Wegweiser der Weltgeschicke: Durch Alle und für Alle! — Die Langsamkeit historischer Entwickelung ist nur berechtigt, fo lange die Wahrheit der Zukunft noch nicht deutlich erkannt und klar ausgesprochen vorliegt! — Dann aber ist keine Uebereilung mehr möglich, kein Zögern erlaubt! Und darum halten wir die vorliegende Frage für einen Probstem des deutschen Liberalismus, weil es die einzige ist, die ohne materielle Vortheile für die Liberalen durchgekämpft werden soll. Hier bewährt sich jenes sturmgeborne Wort der Wahrheit, vor dem auch die Truggespenster der Revolution in ihr Nichts zurücksielen: Vous voulez cti-e libres, et vous ne savez etre justes! Wenn nur die Wahrheit fruchtbringend ist, so macht nur Gerechtigkeit frei. — Und damit vergleiche man das Verfahren der liberalen ostpreußischen Stände, die eine Petition um Gewährung ständischer Wahlrechte.an die Juden kurz zurückwiesen, während in England das Volk bei seinen städtischen Wahlen, die dort gewiß tief genug eingreifen, die förderliche Entscheidung der Parlamente vorwegnahm. — Man halte daneben, daß die Sächsische Negierung aus dem unverbrüchlichen Status eines französischen Bürgers den Juden heraus entdeckt, während Herr von Streckfuß seine frühere ungünstige Ansicht, die er auf die angeblich fremde Nationalität gebaut hatte, nun aus moralischen Ueberzeugungen zurücknimmt. — Wenn selbst ein Kämpe, wie Arnold Rüge, in seinem Buche: „Preußen und die Reaction", das zur Fahne der Geistesfreiheit schwort, sich gegen die Gleichstellung der Confessionen erklärt, so kommt man unwillkürlich auf die Vorstellung, als wäre mit dem Christenthum eine Art Besitzstand gemeint: ChristlicheAemter, Gewerbe, christliche Aecker sogar, aber wo bleibt die christliche Liebe? — Die auf Lessing fußen, haben nicht das Recht, jene Aufklärung, die seinen Namen trägt, eine einseitige zu schelten, so lange ihr nicht im vollsten Sinne genug gethan. Ehe diese Kategorien erfüllt sind, kann füglich nicht weiter gegangen werden. Oder sollen die steinernen Monumente für Deutschlands große Männer immerfort nur andeuten, daß ihres kühn aufstrebenden Geistes Begehren 'gewaltsam niedergedrückt worden! — Werden wir stets die heiligsten Tendenzen ermüdet verlassen, ehe sie durchgefochten sind und inconsequent aufgeben, was zu behaupten nicht mehr originell erscheint?! — Wie vor der preußischen Reform von 1812 stets mit dem thätigen Haß der Handwerker gegen die neue Concurrenz der Iudenschast gedroht worden, der nie eingetroffen ist, — so ungefähr zeigt sich jetzt die Opposition der Gelehrten und Beamten gegen den unchristlichen Andrang. — Karl Gutzkow, der in socialen Controversen für demokratisch galt, und in politischen manchmal, z. B. auch wegen freier Presse, das System ängstlicher Rücksichten annahm, hat in einem Aufsätze über Steinheim's Besprechung der Holst em'schen Debatten auf den deutschen Particularismus in Familie und Staat hingewiesen, — der immerhin eine andere Lösung solcher Fragen verlangt, als die abstractere Einheit des französischen Reichs. Dieser Particularismus fällt allerdings schon äußerlich unangenehm in die Augen durch den Ungeheuern Umfang von Gesetzen und Verordnungen über die Verhältnisse der Juden, wie ihn z. B. Heinemann's Sammlung aufweist. — Natürlich, die Zugeständnisse, die einer „tolerirterr Secte" gemacht werden, müssen aus lauter kleinen Einzelheiten be-