Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1842)
- Date
- 1842-06-11
- Page
- Seite 186 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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186 lehrten, Künstler und höheren Gewerbsleute von den Kleinhändlern, Hausierern und den Ungebildeten ihres Glaubens überhaupt. Die natürliche undunabwendbare Scheidung, welche zwischen Gebildeten und Ungebildeten besteht, findetsich auch bei den Juden wieder. Eben so verschieden sind ihre politischen und bürgerlichen Interessen nach Stand und Gewerbe, und diejenigen unter den Juden, welche dem gleichen Berufe obliegen, stehen sich Häufig am schroffsten entgegen: ein Verhältnis, Ml-, ches auch bei christlichen Konkurrenten täglich hervortritt, und das nur durch eine Vereinigung des ganzen Grandes und Berufs gemildert und ausgesöhnt werden kann. Sollte aber endlich die politische Einigung in der kirchlichen Gemeinschaft begründet werden, so würde diese korporative Verfassung unfehlbar einen höchst betrübenden und unglückseligen Zwiespalt unter den jüdischen Staatsgenossen zum vollsten Ausbruch bringen. Vis jetzt war die jüdische Kirche eine vollkommen freie, d. h. sie überließ dem Gewissen ihrer Genossen die Ausübung ihrer zahlreichen und tief ins Leben eingreifenden Zeremonien und Rituale, sich damit begnügend, ihnen Gelegenheit zu bieten, sie üben zu können. Würden nun die Juden von der Staatsgefetzgebung mehr in einer korporativen Eigenschaft, denn als Individuen berücksichtigt, so könnte die Reaktion nach Innen nicht ausbleiben, und die freie Bewegung des Einzelnen innerhalb der Kirche, das Palladium ihrer bisherigen Existenz, wäre von beiden Seiten bedroht. Denn es ist Thatsache, daß die große Masse der Gebildeten unter den deutschen Juden mit einem großen Theile der Rituale, der Zeremonien und des Gottesdienstes der alten Synagoge nicht einverstanden ist, und entweder eine mehr oder weniger durchgreifende Reform wünscht oder beabsichtigt, oder sich selbst faktisch von dem ganzen Wesen der alten Kirche los gemacht hat, ohne bis jetzt ein neues Besseres an die Stelle gesetzt zu haben. Wollte man annehmen, dieser Theil der jüdischen Unterthanen neige sich dem Christenthum zu , so befände man sich in einem mach-; tigen Jrrthume; die Motive hierzu nachzuweisen, würde | zu weit führen: die sichere und unbestreitbare Thatsache; ist hier allein von Wichtigkeit. Die dem Judenthume,! als solchem, näher stehenden gebildeten Israeliten, sind zwar darüber einig, daß eine "Reform ihrer Kirche unabweislich sei, über die Grenzen und die Durchführung derselben aber herrschen die verschiedensten Ansichten unter ihnen. Sie betrachten ziemlich allgemein die gegenwärtige Zeit als eine Uebergangsperiode zu einem bessern kirchlichen Zustande, der sich um so friedlicher und ruhiger entwickeln werde, je weniger für jetzt die beiden extremen Meinungen zum direkten Streit gelangen, in unmittelbaren Konflikt gerachen. Denn, wie alle Extreme, so sind auch die beiden äußersten Ansichten im Judenthume, die kraß orthodoxe und die schroff radicale, entchieden intolerant; jede verachtet die andere, will die andere aus der Kirche verdrängen, verlangt für sich ausschließlich die Freiheit der Meinung und des Gewissens, und würde — fände sich Gelegenheit dazu — dahin streben, die andere zu unterdrücken. Die radikalen Heterodopen sind in diesem Stücke nicht viel besser noch freigesi'nnter als die Stockorthodoxen unter den Juden, und wenn beide bisher selten mit einander in Kampf geriethen, so lag Das. eines Theils an den versöhnenden Schritten der Mttelpartti, zum größten Theil aber an der freien Verfassung der jüdischen Kirche, welcher die in Ansichten Abweichenden nicht nöthigte, auf diesem Boden zusammen zu treffen. Ein solcher Konflikt würde aber nicht ausbleiben, wenn die rein kirchliche und deßhalb äußerlich freie Genossenschaft der Israeliten unter einander in eine politische umgewandelt würde, und die Juden genöthigt wären im Staate als Mitglieder einer eigenen, eigenthümlichen Korporation zu erscheinen. Dann müßte jede der beiden Ansichten sich zur Partei umbilden, ein entschiedenes Schisma im Judenthum entstehen, und die Staatsbehörden würden nicht nur von diesem Wesen und diesen Kämpfen unsäglich behelligt, sondern .die engsten und heiligsten Familienbande unter den Israeliten aus das Schwerste bedroht und gefährdet, und während die Juden sich jetzt meist durch die Achtung der Familienverhältnisse und durch Eintracht in ihrem Hauswesen bemerklich machen, wäre alsdann ein steter und heftiger Kampf und Streit in jedes jüdische Haus gebracht. Was wäre des Staates Vortheil dabei? Vollkommene bürgerliche Desonentirung einer Klasse von Staatsbürgern; Vernichtung ihrer häuslichen Ruhe; Herabdrangen der Gebildeten zu den Ungebildeten oder Hinaufschrauben der Ungebildeten zu jenen; oder wo das ja nicht wäre, gesetzliches Veranlassen zum Zusammenstehen der Juden in allem Handel und Betrieb, also fast gar eine Nöthigung wider ihre christlichen Mitbürger zusammen zu stehen; jedenfalls aber eine Abweisung von den mehr ehrenden als nutzbringenden bürgerlichen Berufszweigen; bei Entbindung von der Wehrpflicht, also bei allmählig immer mehr weichender Wehrhaftigkeit, eine praktische Anweisung für die ungebildeten Juden, sich durch Raffinerie und Rouerie des Geistes möglichst zu entschädigen. Da sagt uns die — allerdings sehr harte — Bestimmung des württembergischen Gesetzes noch mehr zu, welches dem zum königl. Militär gezogenen Hausierjuden nicht gestattet, gleich andern Staatsbürgern also auch sonstigen, seßhafte Gewerbe treibenden Israeliten , einen Ersatzmann zu stellen. Da kommt er doch wenigstens in eine Schule der Ehre und trägt ein ehrenwerthes Kleid. Solche Wirkungen will Preußens hochgesinnter, wahrhaft edler König entfernt nicht herbeiführen.; Offenbar ist auch zur Erforschung der öffentlichen Meinung das betreffende Rescript zur allgemeinen Kenntniß gebracht worden, damit nicht etwa ein Fehler von Seiten der Regierung eines Landes geschehe, welche sich