Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 23 (4.6.1842)
- Date
- 1842-06-04
- Page
- Spalte 361-362 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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361 Liturgisches. De. Frättkels Entgegnung auf Dr. Salomons Sendschreiben. 362 hohen Vorbilde anregt, daß sich ihm das Nachbild wenn auch nur entfernt nahe. Diese Idee greift unmittelbar ins Leben ein und hat unstreitig viel Kräftigeres als die Resignation, die Alles dem Himmel anheimstellt : sie hat aber auch mehr Berührungspunkte mit dem Leben und stehet ihm näher als die Idee des „Priesterreiches". Die Resignation stimmt zwar wahrhaft fromme Gemüthcr zu inniger Hingebung, erhebt aber nicht den Geist zur Thatkraft, zum begeisterten und energischen Wirken: bei weniger tiefen Gemüthern erzeugt sie einen Stumpfsinn, der jeden geistigen Aufschwung hemmend auch das Anrecht aus Freiheit aufgibt. Unsere Väter kannten nur Resignation: den Blick von der Gegenwart, die ihnen unsägliche Leiden bot, abwendend harrten sie einer Zukunft entgegen, die ihnen! rheils über den Grenzen des Irdischen hinaus, im Jenseits, j lag 5 thcils das Gebiet jeder irdischen Wirklichkeit überschritt,! da sie die Erlösung und die Wiedergeburt dxs Landes mit den phantasiereichsten Gebilden ausschmückten, so wie über-; Haupt der Mensch, sobald er sich der Wirklichkeit entwöhnt, die subjectivsten und abentheuerlichsten Vorstellungen hegt. Auch als die trüben leidenvollen Zeiten allmälig sich aufzuhellen ansingen, erwachte nicht der Geist aus seinen überspannten, nur auf übernatürlichem Wege zu erfüllenden Erwartungen; kein Entschluß wie der eines Pen, eines Raleigh konnte in der Seele der die Gegenwart ganz Aufgebenden, von der Zukunft das Außerordentlichste Erwartenden aufkommen. Und nicht die Leiden allein, auch der geistige Druck, unter welchem der Jude schmachtete, seine Verbannung aus den Hörsälen der Wissenschaft, sein Ausgeschlossensein von Handwerk und Ackerbau hatten ihn zum unpraetischen Menschen gemacht: und so starb der Muth der Freiheit in ihm völlig aus. — Als endlich durch den Umschwung der Zeiten der Jude am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts sich dem Leben wieder näherte, da mußten jene phantastischen Hoffnungen vor der Wirklichkeit, zu der er nun herantrat, schwinden; aber'er ging nun zu dem jenseitigen Ende über. Die Idee wurde von der Realität ganz verdrängt; die durch die Gegenwart hervorgeruftnen Sonderintereffen wurden als Ausgangs - und Endpunkt bezeichnet, vor denen jede Thei'nahme an dem Allgemeinen schwand. Die Leiden der gedrückten Brüder mahnten: und man ries die Idee des „Priestern iches" der „Wettreligion" des „Reiches Gottes" zu Hilfe, die, so mächtig sie auch auf das für sie empfängliche Gemüth wirkt, so trefflich sie auch von der Kanzel verkündigt erscheint, mehr apathisches und negatives Element als Lebenskräftiges enthält. Sie enthält apathisches Element: denn ihr liegt Resignation, da wir als Träger und 'Verbreiter des Priesterreiches die betrübendsten Schicksale erdulden sollen, zu Grunde; und ist diese Resignation auch heroischer als jene frühere thatenlose, verdammt sie uns nicht zur bloßen Passivität, sondern weist uns die hohe Mission - durch ünsetn beharrlichen Glauben Licht zu verbreiten, an, so setzt sie dem Leben doch mehr einen frommen Quietismus als das Leben Förderndes und Kräftigendes entgegen. Aber diese Resignation ist auch negativ; sie löset die letzten Elemente des einheitlichen Strebens auf, da sie nach ihrer Tiefe nur von Wenigen erfaßt werden kann: Mancher führt sie im Münde als schöne Redensart, um jedes liefern Eingehens sich zu überheben und seine Thaten- und Theilnahmlosigkeit zu übertünchen: die Meisten begreifen diese Idee nicht, sie ist ihnen ein hohler Begriff, an den sie sich nicht zu halten vermögen. Dem Leben werde Leben geboten: es werde die Idee genährt, durch die der Jude sich als Mensch begreifen lerne, sich nicht ausgcbe, nicht in religiöse und geistige Stumpfheit verfalle; die Idee, welche ihn mit dem Gedanken vertraut mache, dort wo . er getreten und gemißhandelt wird, nicht Alles von anderswoher zu erwarten, sondern für sich selbst etwas zu thun; nicht in Verrath und Untreue gegen sein Geburtsland, aber im Streben nach einem Lande, wo sein Name ihm nicht Unterdrückung zuziehet. Und weil wir mit unfern Brüdern, die um des Namens „Iude^ willen unterdrückt sind, leiben, darum weisen wir den Gedanken an Erlösung nicht zurück; wir haben ein Vaterland gefunden, jenen fehlt es: mögen sie ein selbstständiges erlangen. Wir haben ein Vaterland gefunden und hängen an ihm; aber die Zeit macht zuweilen Rückschritte: befragen wir Hannover, Hamburg, Bremen, Lübeck am Ende des ersten und Anfänge des zweiten Iahrzehendö dieses Jahrhunderts, und heute: und sollte — was Gott verhüte — die Zeit noch weiter zurückgehen, so möge ein Vaterland uns aufnehmen, wo unser Name frei sei. Wir haben ein Vaterland, das wir nicht verlassen wollen: einst waren nur ein selbstständiges Volk; Religion und Geschichte sprechen davon: wer kann uns den stolzen erhebenden Wunsch, daß unser Name einst wieder selbstständig hervortrete, verargen? An das Land unserer Väter knüpfen uns heilige Erinnerungen: der Wunsch es wieder zu erlangen ist uns, die eineHeimath gefunden, nur eine Idee, ein Schwelgen in früherer Zeit, bei nüchterner Betrachtung geben wir das Verlangen nach ihrer Verwirklichung auf. Aber den Glauben trifft noch oft Schmach; ach, welche verjährte Vorurtheile, die wir vor dem Geiste unserer Zeit längst geschwunden glaubten, wurden zu unserer tiefsten Betrübniß bei einem Vorfälle, der das Mitgefühl aller Edlen für uns in Anspruch nahm, gegen ihn wach! Und dürfen wir in unserm aufgeklärten Vaterlande darauf rechnen, daß endlich unserm Glauben völlige Anerkennung zu Theil und jedes noch herrschendeVorurtheilwerde zerstreut werden, so scheint in jenen Gegenden, wo Fanatismus und Derketzerungssucht sich noch ganz der Geister bemächtigen und ihre Wuth an dem Juden — der durch keine äußere Macht vertreten ist — und seinem Glauben nuslafferr, die Erfüllung einer solchen Erwartung noch in ewigkeitlicher Ferne. Sollte nicht von dieser Seite der fromme Wunsch nach Selbstständigkeit manchen Grund haben? — Auch sagen uns anderseits die Kämpfe unserer Tage, daß im Gebiete des Geistes noch viel errungen werden müsse, daß wir uns noch nicht zu der Vollkommenheit der