Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1842)
- Date
- 1842-06-04
- Page
- Seite 182 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360225--2497-3529380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 182 - Bolksthümttche Aussätze «nd Deurtheilungen. Das Bürgerthum -er Juden. (Fortsetzung.) So viel steht fest, daß in den Juden eine sich selbst ergänzende Lebenskraft wuchert, die allen zerstörenden Elementen Trotz bietet, ja, daß sie der einzige Stamm sind, der, in solcher Zerstreuung lebend, nicht unterging, ja, immer an Kraft und Charaktereigenthümlichkeit in der Fremde zunahm. Der Quell der Geschichte, alles Geheimniß des Daseins ist die Individualität;und dennoch, wie schnell holen die Juden fremde Culturentwickelungen ein: Noch sind sie kein halbes Jahrhundert den Ghettos und polnischem Rabbinerzwang entlassen, so stehen sie schon an der Spitze der modernsten Zeiteinrichtungen l — Namentlich mit der Bestimmug des deutschen Ideenreichs, in welchem jeder Stamm seine eigenthümliche Gabe zum Phönix-Scheiterhaufen bringt, hat der jüdische Charakter einen wichtigen Zusammenhang. Auch haben fast alle europäischen Juden den Boden deutscher Bildung und Sprachkenntniß. Dies anzuerkennen, ist den Deutschen zu viel zugemuthethaben sie doch seit jeher in engherziger Begrenzung oder in knechtischer Nachahmung ihren großartig umfassenden Beruf verkannt! Es ist aber die ärgste uad bornirteste Blasphemie, Erscheinungen der Weltgeschichte, die nicht blos flüchtigen Meteoren gleichen, aus Antipathien von sich zu weisen, um das große Bild der göttlichen Schöpferkunst nach dem Gewebe von gesonderten Interessen zu durchkreuzen. — Wenn wirklich das Sclavenleben dem Judenthume viele Fehler egoistischer Beschränkung angeheftet hat, so ist die Deutung noch klarer, die selbst von diesem Flecken nicht verwischt wird! — Und den Geringsten, der die Kraft einer wirkenden Idee in sich fühlt, hat Gott zu seinem Sohne ausersehen und er soll sich nicht vertheidigen, sondern laut sagen: „ich bin der König der Juden", und würde er darüber gekreuzigt. Denn der Berufene duldet leicht die Schmach. — Woher kommt es aber, daß in Deutschland die erweislich verkehrtesten und unmöglichsten Vorwürfe dem Judenthume zugeschoben werden, — bald tragen sie Gans', bald Stahl's Namen an der Spitze, sie mögen Hegelei heißen oder junges Deutschland, — Aberglauben oder Rationalismus, Tyrannenmord oder Speichelleckerei?! — Niemand kann alle diese Punkte besser erleuchten, Niemand die Herschnisse der Humanität in ein besseres Licht setzen, als Gabriel Rieffer gethan, der gewiß unter den vorliegenden Umständen nur darum so unberücksichtigt geblieben, weil er die Forderungen der Vernunft nicht officiell aussprechen konnte. Zuletzt hielt man solchen Ansprüchen die Behauptung entgegen, daß sich die Juden auf ein abstraktes Menschenrecht stützten, das, zwar im Naturrecht begründet, in den gegebenen Staaten weder Raum noch Grenze fände, daß sie namentlich zu der christlichen und nationalen Basis der germanischen Staaten keine lebendige Beziehung hätten. — Ehedem dachte man bei den germanischen Verfassungen mehr an das nationale Moment der Jsolirung, bei den romanischen an das religiöse. Jetzt sind diese Unterschiede vermischter: — Frankreich hat die ganze Betrachtungsweise aufgegeben und das sonst bigotte Spanien folgt ihm nach. Die Niederlande waren aller Zeiten ein republikanischer Freihafen der Gewissen, England und vor allen Skandinavien vindiciren dem Staate eine streng protestantische Grundlage, und schließen alle übrigen Consessionen aus, um die eine geläutert zu erhalten, die dem freien Forschertriebe ihr Entstehen verdankt. Doch thut die Parthei der Whigs in Britanien diesem Principe Abbruch, indem sie schon zum größten materiellen Segen des Landes die Katholiken emancipirt hat, ohne damit der Tories Drohungen — mit papistischer Herrschaft und Pulververschwörungen — zu bewahrheiten, welche ein Seitenstück zur deutschen Judenfurcht abgegeben hatten. — Preußen nennt sich einen christlich germanischen, d. h. evangelischen Staat; und baut im Sinne gewisser wiederauftebender Theorien die Unterschiede mit erneuter Consequenz wieder auf, welche der Rationalismus des „philosophischen Säculum's" unter Friedrich dem Großen beinahe durchbrochen hatte. — Italien und die fromm katholischen Länder von Süddeutschland verdammen die Juden als Ketzer, nicht weil sie ihrer Sraatgrundtagtz widersprechen. Die übrigen Länder Europa's handeln theilweise ebenso aus unmotivirter Barbarei; und wenn die Türkei menschlich, ja vollständig gerecht zu sein verspricht, so hangt das mit der Gleichgiltigkeit des neuen Reformsystems gegen alle Religion zusammen. Somit sehen sich die niedrigsten und die höchsten Stufen äußerst ähnlich; denn ein Staat, der keine Individualität mehr an Andre zu verlieren hat, nimmt ebenso unbesorgt Fremde auf, als ein Staat, dessen Nationalität alles Fremde vertragen kann. Seitdem Jahn's Evangelien- und Narren fest nicht mehr im Schwang sind, beneidet Niemand China um seine Mauer. Dennoch urgirt man nicht selten die Nationalitätsfrage. Mag sich ein Staat, wie Norwegen, gleich einer Gemeinde abschließen, der, starr wie fein Boden, den alten Grundbesitz zur ersten Bedingung seiner gesammten und jeder einzelnen Existenz macht. Seine einfache Lebensweise wider-