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Der Orient · 1842-06-04 · Heft 23 (4.6.1842) · p. Seite 179

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 23 (4.6.1842)
Date
1842-06-04
Page
Seite 179 (sequence 5)
Language
German
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179 der Zukunft anvertrauten Saat auch die Ernte für uns nicht verloren gehe. Darum vor Allem Eintracht unter uns selbst! Streiten wir jetzt nicht um die Formen der Gottesverehrung; preisen wir gemeinsam, gleichviel ob im Tempel oder in der Synagoge, den Schöpfer, daß er den größeren Theil Hamburgs rettete, daß er der Mehrzahl seiner Bewohner und auch unseren Glaubensgenossen Habe und Gut, Leben und Gesundheit erhielt. Freilich haben auch wir den Verlust zweier Synagogen, einer deutschen und der portugiesischen zu beklagen und Mancher unter unfern Glaubensgenossen irrt in dumpfer trostloser Verzweiflung, mühselig und beladen, ohne Gelegenheit zum selbst kärglichen Erwerbe umher; auch den Einkünften unserer Gemeinde dürfte manche Schmälerung bevorstehen und den Wohlthätigkeitsanstalten manche Spende, die bisher mit freudigem Herzen gegeben ward, jetzt mit blutendem entzogen werden müssen: aber alle diese Einbußen dünken uns unerheblich, wenn wir Eins aus den -Flammen gerettet haben: die Eintracht. Dann haben wir wahrlich das bessere Theil erwählt; die edlere Hälfte ist uns geblieben. Mit Flammenzügen möge es sich jeder unter uns tn seine Seele graben: Concor dia res paryae crescunt, discordia maximae dilabuntur. E. C. 00 Hamburg, 23. Mai. Es ist der schönste, segensreichste Vorzug des modernen Judenthums vor den stabilen Formen der noch am Alten hangenden Orthodoxie, daß es den mächtigen und erschütternden Eindrücken der Gegenwart sich ganz hingiebt, die Einflüsse der Umgebung ungeschwächt in sich aufnimmt und überhaupt, so weit die religiösen jüdischen Formen es zulassen, für Freud und Leid der christlichen Umgebung laut die Stimme erhebt und thatkraftig allenthalben eingreift. Daß große Brandunglück Hamburgs, obgleich es großenrheils nur die christliche Bevölkerung betroffen, hat hier, wie allwärts, auch die Juden tief zu mildthätigem Mitgefühl angeregt und mit reichlichem Maaße wird überall gespendet; aber es war vorauszusehen, daß der Hamburger neue Tempel, diese Warte der Gegenwart, von wo aus man weithin in die Zukunft des Judenthums schaut, es bei einer bloßen Werkthatigkeit und bei milden Gaben nicht würde bewenden lassen. Dem Beispiele fast aller (Einer machte eine Ausnahme) christlichen Prediger Hamburgs folgend, haben die trefflichen und ausgezeichneten Prediger des neuen Hamburger Tempels an heiliger Stätte ihre Stimme erhoben und den Strom ihrer Gefühle in beredter und begeisterter Sprache hinbrausen lassen. Am Sabbat vor dem Wochenfeste, den 14. Mai hielt Dr. N. Frankfurter eine ausgezeichnete, tiefergreifende an Form und Inhalt, durch hohe Würde und tiefreligiöse Haltung musterhafte Predigt, über die schönen Worte Jes. 54, 7. 8. „In einem kleinen Augenblick Hab' ich dich verlassen, und mit großer Erbarmung nehme ich dich wieder auf. In hartem Grimme habe ich mein Antlitz verhüllt einen Augenblick vox dir; aber mit ewiger Liebe erbarm' ich mich dein." Ein Gleiches that unser ausgezeichneter Kanzelredner Dr. Gott hold Salomon am Feste der Gesetzgebung. Die Wahl des Textes Ex. 19, 18: „Und der Berg Sinai rauchte überall, weil sich Gott auf ihn herabließ in Feuer und der Rauch stieg auf wie der Rauch eines brennenden Ofens und der ganze Berg war sehr erschüttert", worin sowohl die Gesetzgebung als auch das große Brandunglück symbolisirt wurde, bewährt den bekannten Meister der jüdischen Homiletik, und Dr. Salomon ist an allen Orten, wo sich das geläuterte Wort unter Israel von der Kanzel herab vernehmen läßt, bekannt genug, als daß über die Fülle seiner Sprache, seine hinreißende fast dithyrambische Ausdrucksweise Etwas zu sagen nöthig wäre. Nur eine Stelle erlaube ich mir hierher zu setzen, weil sie gleichsam das was wir in Hamburg hoffen und erwarten, in verhüllter Sprache bezeichnet. „Nur im Angesichte des Unglücks wird es klar und anschaulich, was der Mensch dem Menschen ist; klar und anschaulich, daß alle Scheidewände, die die Menschen in ihrer Menschenmäkelei zwischen sich und ihres Gleichen gezogen, nichtig sind und einstürzen; im Angesichte des Unglücks flieht der Secten- und Kastengeist, flieht der Geldstolz, flieht der Wahn als wolle das besondere Religionsbekenntmß den Menschen vom Menschen absondern. Im Angesicht des Unglücks, da giebt es weder eine herrschende, noch eine gedrückte Kirche: da herrscht die Menschlichkeit, die die erste Religion war und die letzte bleiben wird — und wer g ed rückt sich fühlt, ist dein Bruder; jedes Haus wird zur Kirche, jedes Herz zum Altar, jeder Mensch zum Priester! — Wollt ihr denn aber mit eurer Menschlichkeit, mit euerer Menschenliebe immer zögern und warten, ihr Menschenkinder! bis das Unglück euch heimsucht und ausregt? Wollt ihr euch nicht allesammr mit Liebe umfassen, wenn euch die heitern Tage des Glückes zulächeln? Müssen die irdischen Flammen euch erst erwärmen, ihr kalten Seelen? Jst's denn nicht beseligender, auf einer blühenden blumenreichen Höhe dem Gott der Liebe ein Loblied zu jauchzen, als auf einem ausgebrannten Vulkan dem Gott der Gerechtigkeit ein Trauerlied zu jammern? — — So ruft die S ti mme Gottes aus dem Feuer. Hört sie, Israeliten und Nicht-Israeliten! und werdet besser, das heißt liebevoller!"— Ich will nur noch erwähnen , daß die beiden ausgezeichneten Predigten gedruckt wurden und jede für 4 Schilling, ohne die Milde der Menschenfreunde zu beschranken, zum Besten der durch die Feuersbrunst Verunglückten verkauft wurden und noch werden und sind durch jede Buchhandlung zu beziehen.*) *) Die Predigt vom 11. Mai führt den .Mel; Gott mit uns! Worte der Beruhigung nach dem großen Brande, wel- 23 *

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