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Der Orient · 1842-05-28 · 22 (28.5.1842) · p. Spalte 343-344

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
22 (28.5.1842)
Date
1842-05-28
Page
Spalte 343-344 (sequence 4)
Language
German
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343 Der Geist der talmud. Auslegung der Bibel von Hirschfeld. 344 die Wahrheit, daß in Christo der Messias schon gekommen sei, und daß er alle prophetischen Weissagungen erfüllt, aus den talmudisehen Schriften zu erweisen. So fühlte denn die evangelische Glaubensgemeinde, wenn ihr vielleicht einmal der 2Crm vom Schwingen der Geißel, die ihr der Gott der Liebe über seine verstockten Kinder übergeben, ermüdet war, auch zuweilen,d'm Drang in sich, durch wohlmeinendes Wort und ernstlichen Rath den Verirrten auf den rechten Weg zu helfen. Da wurde denn ein ungemeiner Werth darauf gelegt, wenn in einem Talmud oder Midrasch oder gar in einem der spätesten (bekanntlich viel christliche Elemente enthaltenden) kabbalistischen Bücher Anklänge an neutestamentliche Ideen gefunden wurden. Freilich konnten dergleichen Anklänge nur eben von dem Gesichtspunkt aus beweisend sein, der die. -Wunderthaten Jesu, und überhaupt sein in den Evangelien geschildertes Leben für historisch beglaubt, und die Aussprüche Jesu und der Apostel für göttlich hält; streng genommen ein Zirkel im Beweisen. Denn sonst, wenn man den Xoyog des Iohanneischen Evangelium's in der 'rn SsHDiD derTargumim wiederkennt, so kann daraus nur geschlossen werden, daß der Verfasser jenes Evangelium's eben so von dem Einfluß der alexandrinisch-neuplatonischen Philosophie berührt worden war, wie der Largumist. Wenn Talmud und Rabbinen diese oder jene Stelle der Schrift auf den Messias deuten, und hierin mit den Evangelien zusammentreffen, so kann eben auch dies nur beweisen, daß die Evangelisten in jüdischen Ideen ausgewachsen. Für die Glaubwürdigkeit der evangelischen Erzählungen, also für die Messianität Jesu ist hiermit Nichts gewonnen; vielmehr bietet eben jene wörtliche Erfüllung bildlich gemeinter prophetischer Stellen einen der stärksten Beweisgründe gegen die historische Glaubwürdigkeit solcher Berichte, wie dies bekanntlich von David Strauß auf dem Grunde sonstiger für Ungeschichtlichkeit der neutestamentlichen Erzählungen sprechender Erscheinungen mit dem größten Erfolge nachgewiesen worden. Die Unkritik dieser Art von Beweisen wurde indessen damals weder von den Angreifenden noch von den Angegriffenen gefühlt. Von dm Angreifenden nicht, weil man noch nicht einmal an die natürliche, geschweige denn die mythische Auffassung der evangelischen Sagengeschichte dachte; von den Angegriffenen nicht, weil diese die Angriffe größtmtheils ignorirten (so vorzüglich in den letzten Jahrhunderten), und, wenn sie im Stande waren, die Angriffe zu verstehen, zwar in sich das dunkle Gefühl haben mochten, daß die Gegner Unrecht hätten, aber theils nicht die gehörige Fähigkeit, es sich zum Bewußtsein zu erheben, theils nicht dm Muth es auszusprechen, und in Gegenschriften zur Oeffentlichkeit zu bringen. Auf Seiten der Angreifenden war also nicht bloß ein Uebergewicht an positivem profanen Wissen, sondern auch ein noch positiveres an äußerer Gewalt, womit man, wenn man sich sonst nicht helfen konnte, dem Gegner dm Mund zuhielt. Nicht viel anders, als heute, wo zwar auch jeder Ignorant, und sei er auch Professor in Jena, sich nicht entblödet, Schmähungen gegen die jüdische Religion auszustoßen, wenn sie gleich für weiter Nichts zeugen, als für seinen boshaften Charakter oder für seine Unkenntniß des Judenthums, während eine Schmähung der christlichen Religion, wenn sie auch die enge Pforte der Censur überwunden, der gesetzmäßigen Ahnung nicht entgehen würde. Und so glauben wir denn, daß jene Bekchrungsversuche trotz ihres Aufwandes von Fleiß und Citaten, nicht viel mehr Erfolg geleistet haben werden, als die der neuesten Missionsgesellschaften trotz ihres Aufwandes an Geldkosten; ja wir sind sogar so frei zu meinen, daß von den damaligen 7lpostatcn dem größten Theile (wenn auch nicht) wie heute (Allen) durch ein Paar schöne Augen, oder durch ein nahrhaftes Amt, oder durch Furcht vor dem Henker oder der Verbannung u. fl w. der Schleier der alttestamentlichen Finsterniß von den Augen weggezogen worden; Beweggründe zum Uebertritte, die freilich nicht in dm Listen der Missionsgesellschaften zu figurirm die Ehre haben, und über die man auch nicht erbauliche, mit der gehörigen Portion von Träumen und Wundern zubereitete Traktätlein schreibt. —> An diese beiden Beweggründe zum Studium der talmudischen und rabbmischen Schriften schloß sich nur gelegentlich noch ein dritter an, nämlich die Aufsuchung von antichristlichen oder überhaupt ungöttlichen Stellen in jüdischen Schriften, um die Obrigkeiten zu belehren, welch' ein schreiendes Unrecht sie begingen, wenn sie den Juden erlaubten, die Luft, die doch Gott nur für die Christen geschaffen, auch einzuathmen. Hier war nun freilich dem Fanatismus, der Bosheit, der Rachsucht, dem Eigennutz, diesen Kindern des Religionshasses, Thür und Thor geöffnet. Noch heute dient gläubigen Christen, wenn sie einmal weniger gläubig zu werden fürchten, ein Werk zum unerschöpflichen Schatz von Judenhaß; ein Werk, das hier nur vor allen andern genannt zu werden braucht: Eisenmengers neu entdecktes Judmthum; ein Werk, das bei allen seinen absichtlichen Mißdeutungen, bei allen seinen aus Unwissenheit entstandenen Jrrthümern, bei allen seinen ohne die mindeste Kritik aus den verschiedensten Autoren und Zeiten zusammengewürfelten jüdischen d. h. in hebräischen Schriften befindlichen Sätzen in keiner Bibliothek eines christlichen Theologen fehlen darf, wenn es ihm nämlich darum zu thun ist,„das Judmthum kennen zu lernen"^). Aber auch solche Gelehrte, die sonst mit aufopferndem Fleiß und mit nicht geringer Lhatigkeit das jüdische Alterthum studLrten, benutzten ihre derartigen Kenntnisse zur Anfeindung des un- 4) Grade als wenn man sich über das Wesen des Christenthums aus einem Werke Raths erholen wollte, welches eine Zusammenleimung von willkührlich ausgewählten und aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen hier aus einem Kirchenvater, dort aus einer Predigt eines reformirten Pfarrers, hier aus einer unsinnigen Mönchsschrist, dort aus einer neumodischen Dogmatik u. fl w. wäre. Es dürfte grade nicht zu schwer, wenn auch noch nicht an der Zeit sein, ein „neuentdccktes Christenthum" zu schreiben, dessen sich gewiß jeder christlich gesinnte Christ schämen, ja es mit Abscheu von sich stoßen müßte.

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