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Der Orient · 1842-05-28 · 22 (28.5.1842) · p. Spalte 341-342

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
22 (28.5.1842)
Date
1842-05-28
Page
Spalte 341-342 (sequence 3)
Language
German
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341 Der Geist der talmud. Auslegung der Bibel von Hirschfeld. 342 abzulegen anfangen, die Alten bekämpft, und in ihrer Entwicklungsgeschichte (?) des Judenthums auf ein Resultat mit denjenigen gekommen ist, welche die Geschichte der Juden bis Christus als Erziehungsgeschichte der Menschheit zu betrachten pflegen, auf einige Zeit zurückgetreten ist, vielleicht um diejenigen Pläne, für welche die Jetztheit nicht reif genug ist, für die Israeliten des zwanzigsten Jahrhunderts aufzusparen. Daß für das Talmudstudium, wenn wir dies als Mittelpunkt der Bestrebungen für jüdische Wissenschaft betrachten, jene Epoche nichts gewirkt, Läßt sich denken, da man nicht studirt, was man zum Scheiterhaufen verdammt. Wir können ihr auch hier wieder nur das negative Verdienst zuerkennen, daß sie mit ihren Angriffen auf die Orthodoxie die Vertreter derselben auf die Unnützlichkeit inhaltlosen Rituals aufmerksam gemacht und auf ein fruchtbareres und gegen Außen stärkenderes Studium der Grundquellen hingewiesen hat; wie es sich denn auch nicht verkennen läßt, daß mit der Auflösung einer Menge von Jeschibot, der Beschränkung derselben auf die größeren Städte, wo auch für sonstige Ausbildung der Lalmudjünger gesorgt ist, endlich durch Verminderung derjenigen, welche sich überhaupt diesem Studium widmen, für eine bessere Betreibung desselben selbst vom Standpunkt der Orthodoxen aus, wenn auch nicht mit ihrem Willen, gesorgt worden ist. — Und ist man zu der Einsicht gekommen, daß der Talmud für die weitere Fortbildung des Judenthums von der höchsten Wichtigkeit ist; daß, wenn die h. Schr. als die Basis der jüdischen Religion, einer ge o ffenbarte n betrachtet wird, im Talmud die Idee zu einem Entwickelungsgange des in jener enthaltenen religiösen Materials sich verwirklicht Hatz welches Moment dadurch nichts an seiner Wichtigkeit verliert, daß es lange verkannt und in eine einseitige Richtung Hingetrieben worden y ist dieß anerkannt, so ist es nicht minder dies, daß ein allseitiges Studium des Talmuds die höchste Aufgabe einer Zeit sein müsse, wo es sich darum handelt, eine Fortbildung des Judenthums aus diesem heraus zu bewerkstelligen. Und sehen wir uns um, was in dieser Beziehung in der Neuzeit schon geleistet worden ist, so fallen die Resultate nicht sehr günstig aus. Zwar den Maßstab dessen, was in halachischer Hinsicht geleistet worden, dürfen wir hier nicht anLegen, da es unbillig wäre, Leistungen, die sich auf viele Jahrhunderte stützen, mit denen von so vielen Jahren zu vergleichen. Eins nur möchten wir vor allem andern aus den halachischen Studien der Rabbinen in das Studium des Talmuds und in die jüdische Wissenschaft überhaupt herübergenommen wissen: jenen Ernst, jenen glühenden, sich selbst verzehrenden Eifer für ihren Gegenstand, jene gründliche Durchforschung der Quellen, jene Wahrheitsliebe, die nichts Höheres kennt, als die reine Herausstellung des Tatsächlichen z wogegen blinder Autoritätsglaube, unkritische Zusammenwürfelung der verschiedenartigsten Momente und Unwissenheit in profanen Wiffenschaften als allgemeine, spitzfindige Bemühungen aber, alle möglichen entweder.offen daliegenden oder aus Consequenzen zu ziehenden Widersprüche zu versöhnen, als ein aus zu weit getriebener Gründlichkeit entsprungener Fehler zu betrachten, und demgemäß zu vermeiden wären. Was nun aber die andern Zweige der talmudischen Wissenschaften im Einzelnen betrifft, so ist für Linguistik des Talmud-Idioms fast noch gar nichts gethan, obgleich es an chaldäischen Grammatiken nicht fehlt, welche de'n biblischen und targumischen Chaldaismus bearbeiten, aber die unbetretenen Pfade der talmudischen Zweige sorgsam umgehen. Die Lexicographie ist seit dem vor mehr als 1000 Jahren erschienenen Aruch nicht wesentlich fortgeschritten und hat inBuxtors, Musafia und Landau nur Supplenten dieses Werkes gefunden. Talmudische Geographie ist fast noch gar nicht, Geschichte nur stellenweise und lückenhaft behandeltz von der eigentlich sogenannten Alterthums-Wissenschaft des Talmuds scheint man kaum noch die Idee gefaßt zu haben, so wie man auch in Bezug auf die innere Seite dieser Alterthumswissenschaft, d. h. auf die talmudische Philosophie und Dogmatik sich beschränkt hat, in rabbinischen Anthologien schön klingende Aussprüche einzelner Männer zusammenzustellen; ein Ganzes, worin Denk-, Handlungs- und Lebensweise jener für das Judenthum so höchst einflußreichen Epoche zur Anschauung käme, wird überhaupt noch lange ein frommer Wunsch bleiben müssen. Mehr als von Juden ist in den letztgenannten Zweigen von christlichen Gelehrten gearbeitet worden, ein Umstand, dessen geringe bisherige Beachtung eine kleine Abschweifung von unserm Thema entschuldigen wird. Seit Reuchlin und Münster, den Schülern jüdischer Lehrer, haben christliche Gelehrte angefangen, nicht nur die heiligen Schriften der Juden in ihrer Ursprache zu studiren, sondern auch auf Kenntniß des nachbiblischen Judenthums Fleiß und Mühe zu verwenden, und zwar geschah dies in einer dreifachen Absicht, deren drei Strahlen doch zugleich in der einen Spitze des zu verherrlichenden dreieinigen Gottes zusammenliefen. Zuerst nämlich ist zum Verständnis; der neutestamentlichen Schriften eine genaue Kenntniß des jüdischen Alterthums erforderlich, da Jesus und seine Jünger, und nicht minder die Verfasser der evangelischen Schriften Juden waren, sich in jüdischen Ideen bewegten, jüdische Gebräuche übten, und jüdisches Wissen, so wie jüdischen Aberglauben von jüdischen Lehrern und Genossen eingesogen hatten. Demnach wurden denn Mischna und Gemara, Raschi und Jbn-Esra, Maimuni und die andern Gesetzlehrer fleißig studirt, und durch aufgefundene Parallelen die neutestamentlichen Erzählungen beleuchtet. An diesen Hauptzweck schloß sich dann der an, die Juden aus ihren eigenen Schriften zu bekehren Da nämlich Disputationen über messianische Stellen der Schrift, dieser ewigen Angel aller Streitigkeiten zwischen Juden und Christen, nicht viel fruchteten, außerdem christliche Bekehrer (vielleicht belehrt durch Apostaten) einsahen, daß aus den talmudischen Schriften heraus jenes Gift geschöpft werde, welches das Eindringen des Gnadenwortes unmöglich mache, so legten sie sich darauf, 22*

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