Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1842)
- Date
- 1842-05-28
- Page
- Seite 175 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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175 ohne irgend eine positive dogmatische Grundlage ist nichts gewonnen. Die Kanzel sott nicht durch Polemik, viel weniger durch Persönlichkeiten entwürdigt und entweiht werden; aber auch die charakteristischen'Züge, der eigenthümliche Inhalt der besondern Lehre darf nicht verwischt, nicht zu allgemeinen, nichtssagenden, hohlen Phrasen versponnen werden. — Daß diese Regeln bis jetzt in der jüdischen Homiletik an allen Orten, zu allen Zeiten, von allen Predigern beobachtet worden — wer könnte es unbedingt bejahen? — Die jüdische Homiletik — ich rede hier nur von derjenigen, die mir einem rein deutschen Gewände sich umgeben hat — ist noch nicht den Kinderjahren entwachsen, noch oft wild, leidenschaftlich, hartnäckig, stürmisch-fordernd, oft grollend und schmollend; ja sie wird noch neben der christlichen als Stiefkind betrachtet, dem man allerdings oft seinen Willen läßt, um das man sich nicht sonderlich bekümmert, das man in der Regel vornehm ignorirt, um es bei Gelegenheit für alte, selbstverschuldete Sünden zu strafen. — Es herrscht mit einem Worte noch viele Willkür in der jüdischen Homiletik; und so wie die jüdische Presse allerdings sich freier bewegt als die allgemeine politische oder selbst die christlich-wissenschaftliche, so sind auch die Schranken der jüd. Kanzelberedtsamkeit bei Weitem nicht so eng gezogen, als die der christlichen. Wir haben nicht nöthig, uns in eine bestimmte Summe von Formeln einzuzwängen; es ist keine allgemein gültige Theorie für uns vorhanden und ich wüßte auch nicht, wer die Autorität oder die Kraft besäße, eine solche unter uns zu schaffen, und, falls gar jene Requisite vorhanden, wer sich ihnen unterordnen und sie als maaßgebcnd anerkennen würde. — Aber wie in unserer Presse, so thut uns auf den jüdischen Kanzeln Selbstbeschränkung noth; Jeder lege sich selbst das Gesetz auf, nichts gegen das in Atter Gemüth Wurzelnde, gegen das allgemein für heilig und unantastbar Geltende, gegen das Gewissen, gegen den Anstand, gegen den Genius unserer Muttersprache und gegen die unsrer Mitmenschen, auch den Andersdenkenden, ja selbst den feindlich Gesinnten gegenüber gebührende Rücksicht zu reden. Was man aber auösprechen will, das sage man frei, offen, unumwunden; keine versteckten Anspielungen, keine witzigen Redensarten, die die Unterhaltung im Leben würzen, aber nie an heiliger Stätte, auch wenn sie nur ein stummes Lächeln der Zuhörer oder die Selbstgefälligkeit des Redners blicken lassen, ihren Platz finden mögen. Vor Allem nichts Hämisches, kein Spott, keine persönliche Verletzung; der Stachel wendet sich sonst gegen den, der ihn gegen Andere zu richten beabsichtigte. Aber auch keine unsaubere Redensart; selbst der Tadel gegen Gebrechen und Sünden muß strenge sein, aber nicht ins Gräßliche, Widerwärtige, Earrikirte fallen. Auch die sogenannten termini teehnici, welche, oft angewandt, leicht in Plattitüden ausarten, müssen in sehr beschränkter Dosis und mit möglichster Vermeidung jenes fremdländischen Idioms angewandt werden. Selbst vor der Einstreuung einiger weniger, zumal verkürzter oder aus dem Zusammenhänge gerissener Bibelverse muß gewarnt werden. Wenden wir diese allgemeinen Vorschriften auf unsere Zeit und auf bestimmte Kreise des jüdischen Lebens an, so werden wir, und mit uns selbst unsere der strengsten Rechtgläubigkeit huldigenden Mtbrüder, eingestehen müssen, daß in dieser Sphäre der israelitische Tempel in Hamburg in einer, über alle Parteigezä'nke erhabenen, durchaus allseitiger Anerkennung würdigen Weise gewirkt hat. Auf Namen wie Salomon und Kley darf die Gesammtheit der deutschen Juden stolz sein, auch wenn Viele in Bezug auf die Verbindlichkeit der Tradition und die Notwendigkeit der Beibehaltung oder Abschaffung ritueller Formen noch so sehr von ihnen divergiren und dissentiren. Und das Beispiel dieser Männer hat über einen sehr weiten Raum hin wackere, beredte, innige Repräsentanten jüdischer Kanzelberedsamkeit erweckt. Hr. Dr. Holdheim will in ihre Fußstapfen treten. Und obgleich die uns vorliegende Trauerrede den banalen Redensarten, zu denen auch die aufrichtigste Trauer — wenn sie sich nicht bloß in Thrä'nen und in kummervoller Miene aussprechen will — heutzutage ihre Zuflucht nehmen muß, nicht ganz ausweichen konnte, ist doch die den Hauptinhalt ausmachende Parallele nicht mißlungen, die Sprache korrekter als sonst und dem behandelten Gegenstände angemessen zu nennen. Hamburg, Mai, 1842. E. (5. Das BrrrgerthZrm bet Juöerr. §£!,pjtg, 22. Febr. In den so eben erschienenen „Studien der innern Politik (von Heinc. Bernh. Oppenheim. Grünberg, 1842, bei W. Levysohn)" kommt unter den fünf Aufsätzen, aus welchen das Büchlein besteht*), auch ein „das Bürgerthum der Juden" überschriebener vor, welcher, bei dem Streben dieses Blattes, Alles über Juden und Judenthum in allgemeinen Werken Aerstreuete zur Besprechung und zum Bewußtsein der Juden zu bringen, hier nicht übergangen werden darf. Ich theile daher diesen Aufsatz zur Anempfehlung dieses in vieler Beziehung interessanten Büchleins mit, wünschend, daß meine Glaubensgenossen diesem jungen Gelehrten ihres Glaubens, den die Universität zu Heidelberg als Privcttdocenten so eben angestellt, eine 'Aufmerksamkeit schenken möchte. „Einer Verheißung der Bundesacte gemäß, vielleicht auch in Folge näher liegender Anregungen, soll das Verhältniß der jüdischen Unterthanen zum preußischen Staate einer neuen Prüfung unterworfen werden, in jener glänzenden Versammlung, in der so manche lebendige Geistesrichtung ihre Träger sieht, die historische Schule, wie die philosophische Naturbe- *) Diese find: Ueber das Wesen des Volksthümlichen. Das Bürgerthum der Juden. Geschichte der arbeitenden und der bürgerlichen Klassen. Zur Geschichte der Zurechnung. Ueber Strafen und Strafanstalten.