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Der Orient · 1842-05-28 · Heft 22 (28.5.1842) · p. Seite 176

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 22 (28.5.1842)
Date
1842-05-28
Page
Seite 176 (sequence 15)
Language
German
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- 176 - trachtung, und vor allen eine streng christliche Weltanschauung, die wohl in den gedankenschweren Wechselbeziehungen zwischen Kirche und Staat am liebsten einen fast puritanischen Absolutismus behauptete; — ob aber die Juden darin vertreten sind, so viel milde Gönner sie auch finden mögen? — Die letzt verflossenen Jahrzehnte brachten die lebhaftesten Debatten über die bürgerliche Gleichstellung der Juden, aber erschöpfend ist der Gegenstand nicht behandelt worden, und am wenigsten mit richtiger Strategik, denn man schlug sich auf verschiedenen Feldern. Während die Juden sich auf eine christliche Liebe beriefen, deren weltumfassende Tendenz ihrer Beschränktheit oft zur Beschämung vorgerückt worden war, und an die unveräußerlichen Rechte einer Menschlichkeit erinnerten, vor deren Richterstuhl Jeder gleich sei, und nur das Volle, höchste in die Wagschalen fiele, entnahmen die Gegner ihre Gründe gewissen Kupferpfennig-Bilanzen, und zogen die Fragen einer ungroßmüthigen Politik in's Spiel, welche nur kleinliche Partikutar-Vortheile, am wenigsten aber das Interesse einer Idee kennt. — In der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts wiederholte sich der Fluch jener Reichsversammlungen, in denen Jeder nur seinen Vortheil vertrat, und in einheitloser Verwirrung stets den Andern paralysiere. Vor diesem Nachtheile der nach Standen, statt nach Geistern gemessenen Vertretung, daß das Unrecht so stark ist, als das Recht, und das Menschliche an sich keinen Stimmführer findet, hat sich jeder föderalistisch gespaltene Staat zu hüten. — Sicherlich werden die nächsten Resultate über solchen Befürchtungen stehen; -aber, z> B., die etwas kleinmüthigen Verhandlungen der sächsischen Kammern über Emancipation veranlaßten den Spott der Böswilligkeit, daß sich dreißig Millionen Deutsche vor ein paar mal hundert Tausend Juden fürchten, Furcht hätten vor der Furcht. — Diesem Totaleüwruck hat manche noble Persönlichkeit, z. B. einiger protestantischen Geistlichen in Deutschland, den Ruhm der ehrenvollen Ausnahme abgerungen. — Zwar hörte man früher schon im Namen deutscher Fürsten die Versicherung aussprechen, daß nur die Unpopularitat der Juden sie von wirksamer Begünstigung und Erweiterung ihrer Rechte ab schrecke; dagegen fürchteten die guten Freunde des Throns und Altars von dem überwiegenden Einfluß, den der Ehrgeiz der Juden und ihr ungebunden vordringenoeö Wesen gewinnen würde; — der Pöbel hingegen .nannte sie geizig und feig. Und während die mäßigere Hälfte der Liberalen vom Gesichtspunkte der Gewissensfreiheit aus „der israelitischen Religionspartei" das vollste Staatsdürgerrecht garantirte, verjagten die deutschen Radicalen sie von dem heiligen Boden des Vaterlandes, der durch „den Stamm der Hebräer" nicht geschändet werden dürfe, und verlangten für die Befähigung zum Ministerium, wie zur Thorschreiberstelle, den unverfälschten Stammbaum eines Abkömmlings von Tuiseon, dem Sohne Teut's. — So hatten die Juden zwischen Sandbänken zu laviren: Verlag von C. L. Fritz sch womit sie sich bei Hofe verantworteten, das erregte den Verdacht der Burschenschaft; bis endlich diese ganze Misere in den Hep-Hep-Emeuten zum Durchbruch kam. — Hep bedeutet : Hebräer, Edelleute, Potentaten; folglich fing man mit den Schwachen am sichersten an. Es blieb einstweilen bei dem Anfänge, wiewohl viele Regierungen, damals in ihren Grundsätzen über Nationalität noch nicht gehörig sixirt, mit der rüstigen Gegenwehr zögerten, die mannigfach durch die nothgedrungene Entschlossenheit der Befehdeten überflüssig ward. Leute, die auf den Befreiungskrig pochten, hatten hiermit die Versprechungen für den Eifer verwischt, womit die Juden die Erlaubnis;, für ihr Stiefvaterland zu sterben, benutzt hatten. Die Julirevolution, das Princip der Restauration stürzend, mahnte wieder dringend an die Menschenrechte der Dissenters,- und während gebildete Staaten, wie Hessen und Baden, sich ernstlich mit der Verbesserung jüdischer Zustände befaßten, geschah es anderer Orten, daß der unruhige Pöbel der Unzufriedenheit mit seiner Verwaltung in Ausschweifungen gegen die Juden Lust machte; zum Beispiel in Hamburg. Der deutsche Jude ist der Tisch, auf den das geärgerte Volk schlägt, der Blitzableiter für seinen Unwillen. — Gewiß muß der feurigste Patriotismus zugeben, daß uns hierin das Gerechtigkeitsgefühl des französischen Volks beschämt, bei dem eine Bluthochzeit wenigstens nicht den Regungen der Freiheitsliebe entwuchs^— Ferne sei es, Vorgänge aufzuzählen, die, mahnend wie die damastener Blütscenen, gen Himmel rufen l — Das Märtyrerthum verlangt keine Entschädigung; wir sprechen weder das Mitleid an, noch woge um Recht gebettelt sein! — Der Trotz, dm man uns zum Verbrechen macht, baut freilich nur auf die Vernunft der Gegner. Der Leidende, Unterdrückte muß auf einen zukünftigen Erlöser vertrauen; wer großen Gewalten zu widerstehen hat, der glaubt an eine hohe Sendung. Dieser Glaube, der selbst von pietistischen Bekehrern in dem Sinne genährt ward, als hätten die Juden einst die Reinheit des Christenthums durch eine einfachere Verehrung herzustellen, die ihre Formen nicht der Macht entlehnte, — dieser Glaube schlug in die spekulative Sage um, daß wir zu einer positiven Gewissensfreiheit vrädestmirt seien, in deren Tempel sich noch einmal , alle Religionen begegnen würden. Die in alle Welt Zerstreu- | ren hoffen alle Völker zusammen zu führen, alle Differenzen zu versöhnen. Demnach entwickelte sich die nationale Abschließung des alten Judenthums zu einer kosmopolitischen Weihe, die schon von den Propheten als der verdienten Buße göttliches Leiden gerveiffagt ward. Nicht an die nationale Jndividualisirung knüpft sich diese Zukunstsidee, nur an eine Existenz des Judenthums, das mit der Vollendung seines Gedankens sich durch Vermischung von selbst auflost. Nicht zukünftige Größe, nicht Staatmbildungen, sondern rühmlichen Untergang bereitet ihm die Vorsehung! — (Beschluß folgte Druck von I. H. Nagels

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