Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-05-21 · Heft 21 (21.5.1842) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 21 (21.5.1842)
Date
1842-05-21
Page
Seite 166 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360201-2360223--2479-3529344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

166 demnach ihr Hauptaugenmerk dahin zu gehen, durch häufige Abänderung der angenommenen Ausdrucksweise die Aufmerksamkeit der Beter lebendig zu erhalten und ihre Andacht zu spornen, so kann doch jeder Fremde die große Abgespanntheit und Unlust wahrnehmen, die unter denselben vorherrschen. Wenn Einer, der demüthig an . die Offenbarung glaubt, diesen sogenannten Tempel besucht, so wird er noch größeres Leidwesen empfinden und schmerzlich berührt werden, zu finden, daß „Vorlesungen aus den Propheten" gar nicht in den dortigen Gottesdienst ausgenommen worden. Den Pentateuch haben sie in viel kleinere Abschnitte zertheilt, als die, welche gewöhnlich bei ihren Brüdern vorgelesen werden, so daß, anstatt ihn einmal des Jahres ganz durchzunehmen, wie in dem Sabbats-Gottesdienst der Synagoge geschieht, sie denselben alle 3 Jahre einmal zu Ende lesen. Dies jedoch ist nicht so ganz als eine Neuerung zu betrachten, da an manchen Plätzen in alten Zeiten ein ähnlicher Gebrauch unter den Juden herrschte. Auch läßt er sich noch entschuldigen damit, daß manche Abschnitte etwas lang sind und manchmal soviel wie 6 unsrer Capitel enthalten. Aber warum diese Verbannung der Propheten? Die in den gewöhnlichen Synagogen eingeführte Auswahl aus den Prophetenstellen ist zwar sehr unvollkommen, und giebt nur einen mangelhaften Begriff von dem ganzen Strome der Prophetie in ihrer heiligen Fülle. Trotz den vielen Auslassungen jedoch, und obschon viele Stellen, die wir natürlich sehr in der Auswahl anzutreffen gewünscht hätten, wie Iesaia 53, ganz übergangen sind, so bleibt es immer höchst wichtig, daß im Gottesdienst ein ausdrücklicher Hinweis auf die Propheten als die authorisirten Lehrer der Menschheit gemacht werde. Das ist sicher ein bedauernswerter Seelenzustand, der irgend Jemanden verleiten kann, einen hohlen gehaltlosen Vers einer modernisirten deutschen Hymne, ohne weitere Empfehlung, als die Glätte des Reims, der glühenden Sprache, der heiligen Schrift vorzuziehen. Sehen wir den sogenannten neuen Tempel an, so müssen wir notgedrungen ausrufen: „Ach! Israel, wie bist Du gefallen —- wie ist sie einer Wittwe , gleich geworden, die groß war unter den Nationen, und eine Fürstin unter den Ländern!" Gern gäben wir uns der Hoffnung hin, daß man die Verbannung der prophetischen Vorlesung nicht in ihrer Verwerfung der nationalen Hoffnungen Israels möchte zu suchen haben. In Wahrheit aber ist zu viel Grund vorhanden zu fürchten, daß der vorherrschende Geist des Unglaubens und des Jndifferentismus, der so viele rationalistische Juden verleitet hat, die ihrer Nation gewordenen göttlichen Verheißungen zu verachten, bei vielen der Veränderungen in den Gebeten des neuen Hamburger Tempels sehr beteiligt ist. Die „Britti scheu Juden" zu London, die auch ein reformirtes Gebetbuch, herausgegeben haben, haben sich so etwas nicht erlaubt. Sie halten zur Lesung der Propheten eben so gut an, als zu der des Pentateuchs. Wahrhaft betrübend ist es, daß die neuen Tempeliasicr zu Hamburg, so die- Propheten mit den Schriftstellern des Talmuds in eine Masse Zu stellen scheinen, und den Anhängern des Aberglaubens und der Tradition den Ruhm lassen, an Gottes Bundesverheißungen für die Zukunft zu glauben. Ohne, die Heftigkeit,- womit die Rabbinische Partei ihren Brüdern entgegentritt, oder die Zärtlichkeit, womit sich dieselbe an Jrrthümer festklammert, entschuldigen zu wollen, kann es uns doch nicht wundern, wenn dieselbe, da sie entschlossen ist, alle Nachforschungen zu vermeiden, damit das Licht nicht Hervorbreche und ihre krassen Jrrthümer beleuchte und bloßstelle, kürzlich ihrem Rachegrimm gegen das neue Lehrgebäude Luft gemacht hat. (Hieraus wurden, aus dem Orient, alle Aktenstücke in dieser Beziehung, mitgetheilt.) Einweihmrgsrede der West-London-Synagoge, am 27. Januar 1842, gehalten von Marks, Geistlichem der Gemeinde. Treue Uebersetzung aus dem englischen Original. Hamburg, Berendsohn. 24 S. 8. (Vor 6 Wochen bereits abgesetzt und nur wegen Mangel an Raum verschoben.) Seit mehreren Generationen pocht die moderne europäische Civilisation, dies geniale Kind des christianisch-germanischen Faust mit der heidnisch-griechischen Helena, an die Thüren und Fenster der Cyclopenburg des Judenthums. Eine Pforte nach der andern, ein Fenster nach dem andern offner sich, aber es ist noch kein völliger Tag emgedrungcn. In Deutschland, wo dieses Streben gerade in die Zeit der ausgreifendsten Schwankungen der allgemeinen Theologie und Philosophie siel und wo die Gesetze keine Sectirerei dulden, beschränkten sich die Reformversuche auf Einführung von Predigten und auf die Verschönerung-des Cultus, wobei mit Aengstlichkeit daran gehalten und mit mehcerem und minderem Glück bewiesen wird, man habe keine alte Autorität verletzt, während die deutsche Wissenschaft des Judenthums nach Landessitte dem Grase nicht erlaubt zu wachsen, ohne daß sie es deutlich höre und in Tabellen bringe. Nicht so in England, dem Lande der Entschiedenheit, wo neben dem Durst nach einer klaren lex scripta auch eine Anhänglichkeit an jedes Wort der Bibel vorherrscht, wie sie in unserm Vaterlande selbst bei den steifsten Orthodoxen vergebens gesucht wird«. Die englischen jüdischen Reformer beginnen ihr Werk mit demjenigen Schritte, zu welchem Luther sich erst nach der Leipziger Disputation entschloß: sie sagen sich förmlich los von der Tradition oder dem mündlichen Gesetz. Mischna und Talmud erklären sie für achtungswürdige CommenLare, für ehrenwerthe Rathgeber, aber als Gesetzbücher und als Werke göttlicher Inspiration wollen sie sie nicht mehr anerkennen. Die vorliegende Einweihungspredigt ist ihr Manifest.; Auf die Basis der zum Text benutzten Erzählung aus Josua j 22, wo ein 2ö Stammen jenseits des Jordans erbauett-c be-! sonderer Altar bei näherer Verständigung nicht weiter für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.