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Der Orient · 1842-05-21 · Heft 21 (21.5.1842) · p. Seite 163

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 21 (21.5.1842)
Date
1842-05-21
Page
Seite 163 (sequence 5)
Language
German
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0 - 163 - an diesen alten Schlendrian gewöhnt, so spricht sich doch in ihr eine gewisse Hinneigung zum Besseren in Witzen, Anekdoten und Bonmots aus. So fragt einer (natürlich in. unserer Hauptsynagoge, wo viele Aufseher und Thürsteher nicht um Ruhe zu erhalten, sondern Scandat zu machen angestellt wurden) seinen trillernden Nachbar: „was kostet ein Berliner Lecho daudi?" Nu, wie viel? „Er kostet 83 Thlr.". Wie so? „unser Chor, welcher aus 8 Mann besteht, erhalt 83 Thlr. wöchentlich, also jeder '717 rn1? wird um diesen Preis erkauft.. Scheint der Gesang auch zu theuer vom Vorstande bezahlt, wird erwLedert, so giebt uns Herr .... (ein Vorsteher) declamarorische Unterhaltungen und erbauliche Reden mit zierlichen Worten dafür gratis." — Sollte es wirklich sich bestätigen, daß dieser Chor 83 Thlr. wöchentlich oder 4150 Thlr. jährlich kostet, so bedauern wir die Vorsteher, welche durch Vergeudung des Geldes für Trillern und Jodeln eine Schuld aüf sich laden, die nimmer gerechtfertigt werden kann. So viel Geld für Nichts; so viel Geld, und dafür keine ordentliche Synagoge, keinen Prediger, keinen Rabbiner. Unsere große Synagoge, eine alte, gebrechliche Mutter, mit ihren 15 bis 20 Zwergtöchtcrn, fordert laut zum Bau einer neuen Synagoge auf, die ihre Kinder um sich versammeln, und liebreich umfassen soll. Schon verbreitete sich ein Gerücht, es solle in der neuen Friedrichsstraße ein Gotteshaus errichtet werden, credat —;— ego non. — Ein junger Theologe, der jetzt untreu seiner frühern Meinung die Vorsteher zu vertheidigen sucht, soll jüngst beim Culmsminister Audienz gehabt, und in dieser Audienzstunde Vorschläge über die Regulirung der jüdischen Angelegenheiten in Preußen eingereicht haben. Dieser Dr. F. sucht des Ministers Worte, wie die Audienz selbst geheim zu halten, doch fordert er seine Bekannten brieflich und mündlich auf, dergleichen Vorschläge abzufassen und einzureichen- Wozu solche Heimlichthuerei?-B. Posen, 9. Mai. Die Wahl des Candidaten Herrn Gebhardt von hier zum Rabbiner in Wreszen hat, wenngleich sie bis jetzt noch nicht bestätigt ist, hier große Sensation gemacht. Eine Gemeinde, so groß und so strenggläubig, nahe an der polnischen Grenze, entschließt sich und macht darauf Ansprüche, einen Rabbiner zu besitzen, der den Ansprüchen der Gegenwart genügt. Das ist schon anstaunenswerth und würde noch vor einem Jahre in daß Reich der Fabel gewiesen worden sein. Aber da war' in der Bekanntmachung doch mindestens die Bedingung gestellt, es müsse der Candidat ein Befähigungs-Zeugniß von dem hiesigen Rabbiner Qufzuweisen haben', und das schien einem Jeden eine mMersteigliche Kluft, weil bekanntlich, dieser Geistliche auf seine Haue oder besser seine Seele zu sehr bedacht ist, als daß er überhaupt ein solches Ieugniß von sich gäbe. Daß indessen eine Gemeinde oder eine Anzahl Männer, eine Majorität unter mehren Minoritäten in Betracht dieses Umstandes sich so weit hinwegsetzen und gar einen studirten Rabbiner wählen würde, daß bei den vielen Candidaten aus der alten Schule, worunter Männer sind, die bereits öffentliche Aemter als Rabbiner in bedeuten-, den Gemeinden bekleiden, keiner nur irgend eines Anhanges sich zu erfreuen hatte, die Stimmen unter lauter Männern des Fortschrittes getheilt, und die Mehrzahl gerade einem Studirten zusiel, ist eine Thatsache, die warlich mit Recht Alle und Jede in Staunen setzen mußte, und die Finsterlinge mit Schrecken erfüllte, die Freisinnigen mit Freude. Cs ist ein untrügliches Zeichen des Fortschrittes dieser Provinz. Wohl ist nicht zu leugnen, daß Herr Gebhardt während der ganzen Dauer seines Hierseins ein so streng religiöses Leben geführt hat, daß er sich sicher die Zuneigung aller Strenggläubigen erworben hat, ja daß er sogar in Aeußerungen Opposition auf Neuerer machte und sie heftig tadelte; wohl muß man jederseits ihm zugestehen, daß er im talmudischen Wissen Niemand etwas nachgiebt und fleißig den rabbinifchen Studien obliegt; er hat ganz nach alter Manier frühzeitig sich mit den Folianten talmudischer Satzungen beschäftigt und viele Jahre bei dem berühmten Talmudisten und Lehrer des Talmuds an dem ehemaligen Seminar, Simon Hirschfeld sel. And. seine gründlichen Studien gemacht; aber nichts desto weniger ist diese seine Wahl ein ungeheuerer folgenreicher Schritt, der die Aufmerksamkeit eines Jeden auf sich zu ziehen berechtigt ist. Er war ja immer einmal Student, ist jetzt Doctor, hat feine gründlichen Studien gemacht und giebt sich als einen Mann, der die Zeit versteht und ihre wahre Frömmigkeit zu würdigen weiß, mit einem Worte, er ist ein Mann, wie ihn die alten Rabbiner nicht haben mögen, wenn nicht irgend ein Interesse zu seinen Gunsten spricht. Man intriguirte gegen ihn, und er wird dennoch hoffentlich Sieger bleiben. Gewiß, es kam allen ganz unerwartet, und selbst seine besten Freunde rechneten auf keinen Erfolg. Und die ihn unterstützten, die bei den Wahlen alle erdenklichen Anstrengungen machten, sie zum Bessern hinzuleiten, wagten doch nicht eine so große Bewegung offen zu begünstigen. In der That, .der allzugroße Schritt'macht dm stillen Beobachter zittern, die retrograden Bewegungen, die einer solchen Anstrengung folgen, pflegen nicht erfreulicher Art zu sein, und friedenverheißender und vielleicht erfolgreicher wäre die Wahl eines gebildeten als eines studirten Rabbiners gewesen. Indessen wir wollen uns um die Zukunft nicht kümmern, Rath und Beistand wird zur Behauptung nicht fehlen, und uns mag die Wahl einstweilen als Factum zur Freude berechtigen über den gedeihlichen Fortschritt, in unserer Provinz. Es ist dieses auch nicht ein einzelstehmdes Factum, wie Wreszen, so weiß ich noch 6 bis 7 andere Gemeinden unserer Pro-. 21 *

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