Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1842)
- Date
- 1842-05-14
- Page
- Seite 156 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Gesellschaft, Männer, denen man im Uebrigen Züchtung nicht versagt, und die in einem besondern Ansehen bei ihrer Partei stehen Aber gerade deshalb mußte eine besondere Strenge geübt werden, damit jede Opposition niedergedrückt und die öffentliche Meinung dem Einflüsse mißbrauchter religiöser Sitten und veralteten Herkommens entzogen werde. Leider ging dieser Vorfall ohne wirksamen Einfluß vorüber und diente mehr dazu, die Gemüther zu erbittern, als den Zustand der Gahrung niederzuhalten. Um einen Vereinigungspunkt, selbst in geselliger Hinsicht, für die Männer eines Glaubens und einer Sitte zu gründen, wurde eine Lesegesellschaft, genannt „zur Erholung" errichtet, und zu dieser Reunion ein Lokal in der schönsten Lage der Stadt gemiethet. Die Mitglieder sollen sogar mit dem Vorsatz umgehen, sich dem allgemeinen Menschheitsbunde anzuschließen und in maurerischem Geiste zu arbeiten, wodurch sie, als Hauptzweck, sich nur den Zutritt zu den andern hiesigen jüdischen Logen erwerben wollen, die sie irrthümlich als den verzehrenden Altar jedes positiven Glaubens und als den Feuerheerd, aus dem Awangsmaßregeln gegen jüdische Institutionen und Gesetze geschmiedet werden, betrachten. Wenn diese Partei wüßte, daß in dem. der Loge zur ausgehenden Morgenröthe ausgestellten Constitutionspatent besonders ausgegeben ist, „daß ihnen alle Streitigkeiten über politische und religiöse Gegenstände streng untersagt seien," so würden sie einem Institute nicht das ausbürden wollen, was nur die Zeit hervorgerufen-hat. Fvlrnkfuvt a. Mai. Schon im Jahre 1833 schrieb ein bekannter Kampfer für Gewissensfreiheit: „Preußen möchte wohl der einzige Deutsche Staat sein, in welchem dem System der Ausschließung, welches in/einigen Beziehungen die Willkühr der Regierung mehr als das Gesetz den Juden gegenüber festhält, ein Gedanke der Religiösttat, ein unverhülltes Streben nach Verbreitung des positiven Christenthums zum Grunde liegt." Wahrend nun in der neuesten Zeit so manche traurige Symptome diesen Satz zu bewahrheiten scheinen, so ist es um so erfreulicher, zu vernehmen, wie die erleuchtete Würtemberg. Regierung sich über eine Schrift äußerte, die, so zu sagen, gerade gegen jene Tendenz gerichtet ist. -— Herr Löwenstein hatte nämlich der Würtemberg. Regierung ein Exemplar seiner neuesten Schrift: „Ueberzeugungen eines Israeliten" zugesendet, und von derselben nachstehendes Rescript erhalten: Euer Wohlgeboren haben die Aufmerksamkeit gehabt, dem Ministerium .des Innern ein Exemplar der von Ihnen verfaßten Schrift: „Ueberzeugungen eines Israeliten gegenüber dem Proselytenthum" als Geschenk zu übersenden. Ohne Zweifel gingen Euer Wohlgebornen hierbei davon aus, daß die Würtembergische Regierung den Grundsatz befolge, Jeden in seiner eigenen Weise selig werden zu lassen, und daß darum eine Vertheidigung des Glaubens Ihrer Vater gegen die Zumuthungen aufdringlicher Bekehrungssucht diesem Ministerium nicht mißfallen könne. Höherem Aufträge zufolge beehrt sich der Unterzeichnete, Euer Wohlgeboren den Empfang Ihrer Schrift mit geziemendem Danke anzuzeigen, indem er im Uebrigen die Versicherung seiner vollkommenen Hochachtung ausdrückt. Stuttgart, den 18. April 1842. Seiner Wohlgebocen Der Kanzleidirektor des ■ dem Hrn. Lippmann Hirsch K. Ministeriums des Innern. Lö wen stein Regierungsrath in Frankfurt a. M. (Wb) Eamerer. Eine derartige Aeußerung von oben herab ist unfern Zeiten allzu erfreulich und wichtig, als daß ich Sie, Herr Red. nicht ersuchen müßte, dieses Mimsterialschreiben Ihren Lesern mitzutheilen. K—m. Berlin, 16. April. Zum ersten Male ist ein Jude, der Dr. Rieß, ein hiesiger, geachteter Physiker, zum Mitglied der Akademie gewählt worden. Man sagt, daß dieß besonders auf Antrieb Alexander v. Humboldts geschehen ist, welcher sich überhaupt zur Abwehr des vielbesprochenen Entwurfes zu einem neuen Judengesetze auf's Höchste thätig bewiesen hat. Es circulirt hier ein Brief von ihm an den Minister Stolberg, der ausdrücklich in der Absicht geschrieben ist, daß er verbreitet werde, und auch wir daher hier mitzutheilen keinen Anstand nehmen. „Ich hoffe, schreibt Humboldt, daß Vieles (in dem Entwurf, den die Zeitungen mittheilten) sehr falsch und hämisch ausgefaßt ist; wäre es nicht, so halte ich die beabsichtigte Einrichtung nach meiner innersten Ueberzeugung für höchst aufregend, mit allen Grundsätzen wahrhafter Staatsklugheit streitend, zu den bösartigsten Interpretationen der Motive .veranlassend, Rechte raubend, die durch ein menschlicheres Gesetz des Vaters bereits erworben sind, und der Milde unseres jetzigen Monarchen entgegen. Es ist eine gefahrvolle. Anmaßung der schwachen Menschheit, die uralten Decrete Gottes auslegen zu wollen; die Geschichte finsterer Jahrhunderte lehrt, zu welchen Abwegen solche Deutungen Muth geben. Die Besorgniß, mir zu schaden, muß Sie nicht abhalten, von diesen Zeilen Gebrauch zu machen, man muß vor Allem den Muth einer Meinung haben." Diesen Brief sandte-Humboldt abschriftlich an Einen unserer geachtetsten israelitischen Mitbürger mit den Worten: „Sie sehen, mein Theurer, aus der Anlage, daß meine etwas ungestüme Vertheidigung des ewig bedrängten Volkes nicht ganz-erfolglos bleiben wird. Man wird etwas scheu werden, und damit ist sehr geholfen, wie durch des edlen Stolberg Mitwirkung." Wenn Alexander von Humboldt bei allen unseren Fragen sich gleich thatig erweiset, so hat die Mitwelt ihm auch in seiner Stel-