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Der Orient · 1842-05-14 · Heft 20 (14.5.1842) · p. Seite 154

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 20 (14.5.1842)
Date
1842-05-14
Page
Seite 154 (sequence 12)
Language
German
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- 154 - biblische Geschichte wird nur im Auszug mitgetheilt und rationalistisch erklärt, ohne daß man die Schüler mit der Quelle, der Bibel selbst, vertraut machte*), im Uebrigen aber bleibt es den- Kinderw freigesiellt, die Uebelstände zu beseitigen, die sich nicht selten zwischen' der Religion der Schule und der des elterlichen Hauses erheben. Au tugendhaften Menschen soll die Jugend herangebildetwerden, daß aber zu diesem Zwecke die Fesseln obsoleter Religionsbegriffe überflüssig erscheinen, hat sich hinreichend durch diese neue Methode bewährt. Die Religionskünstler, die von Sanchuniathon bis Luther an einer Glaubensmaschine zimmerten, begingen eben alle den einen Fehler, daß sie wähnten, das Ideal eines guten Menschen entspringe einzig und allein aus Dogmen und supernaturalistischen Gesetzen. Au spät nahm die Menschheit diesen Jrrthum wahr, wagte aber dennoch nicht, diese geläuterte Religionstheorie praktisch als Lehrmethode auszuüben > nur hier hat dieselbe zuerst ihre Jünger gefunden. Freilich könnte man noch einen Schritt weiter thun und selbst das hebr. Lesen und die bibl. Geschichte, welche.Dinge immer in abgekürzten'Stunden gelehrt werden, gänzlich aufgeben, was auch wirklich schon manche Eltern ausdrücklich bei der Aufnahme ihrer Kinder verlangt haben, auf welches Verlangen, wenn auch im Princip richtig, der Schulrath, äußerer Ursachen wegen, nicht eingehen konnte. Um auch für die Erbauung der Jugend, im Geiste des Unterrichts, zu sorgen, wird jeden Samstag und Feiertag (es versteht sich, mm an den ersten Feiertagen)' kn einem eigends "dazü erbauten Saale „Andacht gehalten", bestehend in Absingung eines Liedes, aus dem Johlsonischen Gesangbuch, unter Orgelbegleitung und Ablesung einer Predigt. Alle intelligenten Männer und Frauen der Gemeinde nehmen an diesem reformirtm Gottesdienst Theil, so daß, während der Andachtsstunde, alle Kaufläden geschloffen sind. Obschon der Raum dieses Saales nur für eine kleine Anzahl Zuhörer ursprünglich berechnet war, findet sich doch Raum genugdie hinzuströmende Menge der Gläubigen zu fassen, ein Wunderwovon ein ähnliches sich, nach ralmudischec Sage, bei den jerusalemischen Wallfahrten zugetragen haben soll. Die von den Lehrern, den HHn. Drn. Creizenach, Johlson und Jost gehaltenen, vortrefflichen Predigten sind sehr häufig weder dem Fassungsvermögen der Kinder angemessen, noch sämmtlichen erwachsenen Anwesenden verständlich , wenn sie, wie es sich von solchen Gelehrten wohl erwarten laßt, sich in das höhere historische und theologische Gebiet verirren. *) Das Institut des Hn. Dr. Weil hat das entgegengesetzte System im Religionsunterricht angenommen und die heil. Schrift wird dort der Jugend treu gegeben, so daß die-, selbe durch ein fleißiges, vernünftiges'Lesen, mit den faßlichern Schriften vertraut wird und die jüdische Literatur acht'en lernt. Eine rühmliche Ausnahme machen die Vorträge des Herrn Oberlehrers, Dr. Heß, die, ohne eine religiöse Farbe zu haben und einseitig nur für jüdische Zuhörer berechnet zu sein,, nur von Tugend und Laster, von Stürmen und Elementen, von Fluren und Auen in dem blumenreichsten Style abhandeln. Dieser Gelehrte besitzt noch außerdem die seltene Tugend der Selbstverläugnung, daß, wenn er zufällig eine ausgezeichnete Predigt vom Pastor Krummachev oder Dr. Salomon, von Zollikofer oder Schleiecmacher gelesen, er sich nicht enthalten kann, solche alsbald seinen andächtigen Zuhörern mitzutheilen. Dies hat freilich manchmal zu Mißgriffen Veranlassung gegeben. So hat ec einst am Ehanukah-Fest eine Predigt über.den Frühling und am 1. Januar eine Neujahrspredigt gehalten, nach deren Beendigung seine Freunde ihn mit dem üblichen „leschanah tobah!" beglückwünschten. War auch hierdurch einigermaßen die usuelle Form verletzt, so wurden doch Geist und Gemüth erhoben, und der Geist läßt sich bekanntlich von der äußern Form nicht meistern, und erkennt die kleinlichen Diatriden der menschlichen Jrrthümer nicht als das Kriterium seines Handelns an. Das Johlsonische Gesangbuch ist allzubekannt und verbreitet, als daß. wir zu dessen Lob noch etwas hmzuzufügen hätten. Minder bekannt sind, wie billig und gehörig, die von den Herren Doctoren Creizenach und Heß redigirten Gebete zum Gebrauch der Prediger, vor und nach der Predigt. Aus den verschiedenen kirchlichen Agenden znsammengetragen, haben sie weder einen poetischen noch einen kirchlichen Werth und nähern sich durch ihre ungekünstelte Sprache den einfachsten jüdischen Gebeten. Ein sonderbarer Vorfall ereignete sich bei der Herausgabe dieser Gebete, der zu so manchem Gespötte Veranlassung gab.. Die Hrn. Redaktoren hatten nämlich die gewählten Geberstücke aus christl. Agenden mit rother Kreide bezeichnet, und so zum Behuf des Abdruckes in die Ofsicm geschickt. Nun traf es sich aber, daß in mehreren Gebeten die Worte „unser Heiland Jesus Christus" u. dgl. vorkamen, die auch ebenso für diese jüdische Ausgabe abgedruckt' wurden. Nachdem dieses Gebetbüchlein bereits an alle Kinder verkauft war, wurde erst von einem derselben dieses wunderliche quid pro quo entdeckt, worauf denn natürlich der fatale Bogen neu aufgelegt werden mußte. Wenden wir uns von dem Streben nach Licht und Wahrheit, dem Charaktergepräge des aufgeklärten Theils unserer Gemeinde zu dem finstern Treiben eines kleinen Häufleins, das noch immer die Träume seiner „Weisen" für göttliche Inspiration, deren Vorschriften und Gesetze für ewig bindend hält, auf dessen Gemüth die Harfen- Klänge des „göttlichen Sängers" noch immer eine zauberische Macht ausüben, das vom Gebet Erhebung, von einer Predigt Erbauung erwartet und verlangt und das göttliche Gesetz als die alleinige Urquelle der Weisheit

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