Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1842)
- Date
- 1842-05-07
- Page
- Seite 151 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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151 auch ihr uraltes Familien- und Erbrecht festgehalten und richten sich in der Mehrzahl wohl bis auf den heutigen Lag nach demselben. Natürlich kommen auch unter ihnen Streitigkeiten in diesen Materien vor. Auffallender Weise hat aber das Gesetz, welches ihnen jene Vergünstigung ertheilte, nicht auch zu gleicher Zeit darüber etwas verordnet, von wem und wie bei vorkommenden Rechtshändeln die Gerechtigkeit geübt werden solle. Daß dieser Punkt ganz unbeachtet geblieben sein sollte, läßt sich nicht vermuthen. Wahrscheinlich hat man, da bei den Juden die Rechtsgelehrsamkeit einen Theil der theologischen Wiffenschaft ausmacht, stillschweigend vorausgesetzt, daß von den geistlichen-Vorstehern der Gemeinde, den Rabbis, auch das Richteramt werde gepflegt werden. Ob dies je der Fall gewesen, namentlich in ausschließlicher Weise, hat mit Sicherheit nicht ermittelt werden können. Dagegen ist es gewiß, daß an das Altonaer, mit vollständiger obrigkeitlicher Gewalt versehene und für die dortigen Juden förmlich inst-allirte Jüdische Gericht viele Privatstreitigkeiten der in Hamburg wohnenden Mitglieder der Gemeinde gebracht worden sind: obgleich es diesen ausdrücklich verboten war, sich der dortigen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen. Denn das religiöse Band, unter dessen Androhung man die Verklagten vorlud, wirkte mächtiger als das Wort der weltlichen Macht. (Fortsetzung folgt.) Reflexionen und. Andeutungen über ein noch unbearbeitetes literarhistorisches Thema. (Aus der Hamburger Neuen Zeitung No. 92.) Die auch von einem Berliner Correspondenten gemeldete Wahl des Dr. Rieß in die preußische Akademie der Wissenschaften hat mir wiederum eine in der deutschen Literatur vorhandene Lücke ins Gedächtniß zurückgerufen, welche ich, wenn Zeit und Kräfte dazu ausreichend befunden worden wären, wohl bereits annähernd auszufüllen versucht hätte. Es scheint mir nämlich eine eben so interessante als dankenswerthe Aufgabe zu seyn, die bisherigen Leistungen der deutschen Juden in Kunst und Wiffenschaft zusammenzustellen. Weit entfernt, dadurch eine neue Sonderung und Abgcänzung begründet, oder eine religiöse Gemeinschaft auf Kosten der übrigen gepriesen, oder gar die eigentümliche Weise hervorgehoben wissen zu wollen, wie sich der Geist des Judenthums in den Productionen seiner Bekenner manifestirt und welchen Einfluß die ererbte Lehre auf, die Gestaltung des von ihnen bis jetzt durchgemachten geistigen Processes gehabt haben könnte — halte ich es vielmehr für passend und zeitgemäß, bei jener Monographie vorzugsweise den Gesichtspunct festzuhalten, welche Stelle jenen Leistungen , in der deutschen Wissenschaft überhaupt, einzuraumen sei und in wie weit die Religion, die Philosophie, der Zeitgeist, die Legislation des Staates und der Gesammtfortschritt der Humanität, Eultur und Intelligenz aus jene einzelnen Bausteine zum Tempel deutscher Wissenschaft influirt haben mögen. — In der, übrigens vielfach anregenden und belehrenden Geschichte der Israeliten von Dr. Jost, die von anerkannten christlichen Historikern als ein Werk acht-deutschen Fleißes und gründlicher, gewissenhafter, wenn auch nicht überall zu festen Resultaten gelangter Forschung bezeichnet wurde, findet sich jene Materie fast gar nicht behandelt. — Das Wirken und Schaffen jüdischer Aerzte zwar har schow seit Jahrhunderten in hohem Rufe gestanden und unseres Wissens war die Stimme aus Lübeck, die sich im vorigen Jahre so feindselig gegen die Juden überhaupt erhob, die erste und einzige, welche auch in dieser Beziehung diffentiren und sich mit der öffentlichen Meinung und der faktischen Wahrheit in Opposition setzen zu müssen meinte. In dem Heiligthum der Plastik und Tonkunst sind ferner die Juden, obwohl es ihnen erst vor Kurzem geöffnet worden, bereits heimisch, und an ihrer Befähigung zu mathematischen Studien und zur praktischen und theoretischen Entwickelung des höheren Rechnens hat wohl noch Niemand gezweifelt. Es ließen sich, wenn es uns darum zu thun wäre, schon hier beträchtliche Belege für diese Behauptung geben, und um so zahlreichere und schlagendere, je mehr uns in dieser Beziehung die Literaturgeschichte berechtigt zu seyn scheint, auch die erst in vorgerücktem Alter zum Ehristenthum übergetretenen, also mit den Anfängern und elementarischen Bedingungen zu ihrer Reife noch völlig hierherzuzählenden Denker, in dieses Gebiet herüberzuziehen. Männer, wie der Königsberger Professor Jaeobi (seinen Petersburger Namensvetter geselle ich lieber den Naturforschern bei), Scheck, die unlängst in Berlin verstorbenen Mose.r und Basch, der Breslauer E. M. Hahn (Uebersetzer des Lacroix, Civi(-Jngenieur im vormaligen Königreiche Westphalen und fruchtbarer Schriftsteller), der gleichfalls verstorbene Meier Hirsch, der unter der jetzigen Negierung zum Capitain beförderte Berliner Burg, der gefeierte Schriftsteller im arithmetischen Fache Dr. Unger in Erfurt, der auch alsTheolog bekannte Dr. Cre.u zenach, Vater des Dichters und Kritikers in Frankfurt am Main, und viele Andere, die einen mehr pädagogischen Wirkungskreis ausfüllen, legen vollgültiges Zeugniß dafür ab, daß die Juden ihr Scherflein zu den großartigen Fortschritten der reinen, wie der angewandten, der niedren, wie der höheren mathematischen Wissenschaften beigetragen haben. Dagegen sind sie allerdings, wenn auch wehr der Quantität als der Qualität nach, Neulinge auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der classischen Philologie. (Beschluß folgt.)