Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 18 (30.4.1842)
- Date
- 1842-04-30
- Page
- Spalte 281-282 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9894039-9894067--2116-3529293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
281. 282 Lalmudische Exegetik. Von M. Schwarzauer. stattet, solche Stellen naher heran zu bringen, welche der Mischna das Aeugniß der freisinnigsten Auffassung des Bibel-Textes, der sich der modernste Prediger nicht zu schämen braucht, giebt und wieder das hellste Licht wirft auf ihre unmaßgebliche Exegese bei der Gesetzbestimmung überhaupt. Rosch haschcma 3, 8. ') heißt es: „Und es geschah, so wie Mosche seine Hand erhob, siegte Israel ob, und so wie er seine Hand ruhen ließ, siegte Amalek ob." (Ex. 17, 11.)» Können denn die Hände Mosche's den Krieg stiften oder vernichten? Dieses kann Dir demnach keine andere Lehre geben, als: so lange die Israeliten in die Höhe blickten und ihre Herzen den Vater im Himmel verehrten, da siegten sie; wo nicht, da fielen sie. Dem ähnlich heißt es (Num. 21, 8.): Und der Ewige sprach zu Mosche: Mache Dir eine Schlange, und setze sie auf eine Stange, und es geschehe, wer gebissen wird, der sehe sie an, und er bleibe leben. Kann denn die Schlange tobten oder beleben? Nur, so lange die Israeliten in die Höhe richten den Blick und ihre Herzen den Vater im Himmel verehrten, da genasen, wo nicht, so verwesten sie." Hier haben wir nun den schlagendsten Beweis von der freisinnigsten allegorischen Auffassung der Bibel neben dem Bestreben der „Buchstäblichkeit" der Mischna. Den klarsten Spiegel, wie sie eben ihre zeitgemäßen Ideen und Gesetzbestimmungen dem Bibeltexte angemessen zu machen suchte, ohne darum im entferntesten daran zu denken: daß dies die einzig richtige Erklarungsweise sei. Denn obgleich es im folgenden Vers (Ex. 17, 12) heißt: „da die Hände Mosche's schwer wurden, nahmen sie einen Stein und legten den unter ihn, und er setzte sich darauf, und Ahron und Chur faßten seine Hände, hier einer und dort einer, und seine Hände blieben aufrecht bis Sonnenuntergang;" woraus klar hervorgeht, die heilige Schrift will uns hier ein buchstäbliches Wunder berichten; so fragt die Mischnah dennoch: „Können denn die Hände Mosche Krieg stiften oder schlichten?", mit welcher Frage sie gleichsam das biblische Wunder negiren zu wollen scheint!! und den Sieg oder den Fall Israels im Kriege mit Amalek ganz natürlich dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer göttlichen Begeisterung vindicirt! Dasselbe gilt auch von dem zweiten Wunder. Denn obgleich aus Num. 21, 8. 9. auf's bündigste die Buchstäblichkeit des Wunders hervorgeht, so wirft die Mischna dennoch die Frage. auf: „Kann denn die Schlange tobten oder beleben?", womit ebenfalls dieses Wunder mehr als in Frage gestellt wird (was nimmermehr die Absicht der Mischna gewesen sein kann!). — Jedenfalls geht so viel für jeden nur denkenden Leser hervor, daß unsere „Water der Welt" eine eben so mannigfaltige und freisinnige Bibel-Exegese 7) Auf welche Stelle auch schon unser Verfasser hinweist. gekannt und anerkannt haben, wie die Rabbinen unserer Zeit. Hr. Dr. Geiger sagt (S. 67) „daß m Ableitung aus einer Bibelstelle und dieß auch abgesehen davon bezeichne, wie Beraßot 1, 5; Schekalim l, 4; 6, 6; Joma 8, 9; Jebamot IO, 3 z Kethubot4, 6 z Sota 5, 1 —5 z Chullin b, 5; vgl. Peßachim 10, 4und Megilla2, 2; — Joma 1, 6z und Chagiga 2, 1— aber die Bedeutung: auf ungewöhnliche Weise Erklären, habe dieses Wort erst dann angenommen , als bereits ein Bewußtsein über den Zwiespalt solcher Deutungen mit dem natürlichen Schriftsinne vorhanden war." Allein da uns Hr. Dr. G. nirgends nachweist, wann und wo „dieses Bewußtsein über den Zwiespalt solcher Deutungen" erwacht und wieder eingeschlafm sei — was wir vor Allem wohl hätten erwarten können — so ist uns auch die Möglichkeit genommen, den Gegenbeweis zu führen. Weit wir nicht wissen können, in welche Tag- oder Nacht-Periode der Mischnaischen Bibel- Exegese die heranzubringenden Stellen Hr. Dr. G. versetzen würde. — Unsers Erachtens hat man die biblische Bedeutung des Wortes vm im Talmud nie außer Acht gelassen und jene glauben wir am besten so zu desiniren: das Bestreben selbst etwas zu erkennen — forschen (ohne Unterschied des Objects der Erkenntniß)-und andern das Erkannte lehren; demgemäß nannte man das Subject jarn, das Object ntcrn und das Local, worin es geschah, amon rpD. Von diesem Ausdrucke der Mischna, die doch wohl zunächst noch im Besitze der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes war, gehet demnach^ nicht der geringste Beweis für die Ansicht des Herrn De.» G. hervor. Am klarsten ist es ausgesprochen, daß rn eine ungewöhnliche Erklärung und von dem Sinne des Wortlautes unterschieden ist. Jebamot 2, 6. ff. 'V) *b not' NtsniD ]ro inn Bevor wir uns nun mit Hrn. Dr. G. zu der Gemara wenden, um deren Stimme über unfern Gegenstand zu vernehmen, halten wir es für am Orte, unsere gewonnene Überzeugung von dem Verhältnisse der talmudisch - exegetischen Anschauungsweise zu dem Deutungsverfahren, welches der Talmud zur Ableitung seiner Gesetzbestimmungen aus der Bibel anwendet, auszusprechen. 1) Der Talmud betrachtet die ganze Bibel als theils von Gott selbst dem Mosche wörtlich gegeben, theils durch den heiligen Geist dm Propheten inspirirt, -Demnach hatte 2) dieses göttliche Werk nicht nur seinen sprachgemaßen natürlichen Sinn, sondern es mußte auch jedes Wort, jeder Buchstabe, -und durch Wortgleichheiten verwandte Gesetze, eine Belehrung, eine Gefttzbestimmung in sich fassen. 3) Ein göttliches Gesetzbuch mußte nicht nur den Menschen und deren Verhältnissen Einer Zeit genügen.