Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1842)
- Date
- 1842-04-30
- Page
- Seite 142 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Allerdings ist in wissenschaftlicher Hinsicht eine Untersuchung über die Entstehung und Fortbildung des jüdischen Gebets sehr willkommen; aber in einem Buche ^welches eine Aeitfrage behandelt und zudem noch für das Volk und für die Praxis geschrieben sein will, ist jede derartige Untersuchung störend, zwecklos und vom Ziele abführend. An deren Stelle müßte vielmehr mit klaren Worten und unumwunden ausgesprochen und dargethan werden, wie der jetzt bestehende Gottesdienst unerquicklich, unverständlich und unerbaulich sei <für zwei Drittel des gesummten jüdischen Volkes, für das^ganze weibliche Geschlecht und für die ganze junge Generation, die selbst durch das maximum vom Hebräischlernen, vermöge ihrer Stellung im und zum öffent- Lichen Leben, unmöglich zur alten Lebensanschauung zurückgebracht werden können, welche unseren Gebeten und unserm Gottesdienste zu Grunde liegt. Es müßte aber auch nicht bel diesem Ausspruch und Darthun allein stehen geblieben werden; nein in extenso hätte eine neue Geberordnung und eine neue durch und durch klar und allgemein verständliche Gebetformel ausgestellt.werden müssen, damit das große, für die Aufrechthaltung seines Glaubens begeisterte jüdische Publikum einen Stützpunkt habe zur Erledigung seiner bedeutenden Aeitfrage. „Aber Hr. Dr. Geiger wollte sich's bequem machen und wohl kennend die Hindernisse, welche verschied,enartige Elemente in den Gemeinden einem solchem Bestreben entgegenstellen, und die Schonung bedenkend, welche schwachen Gemüthern gegenüber Pflicht iss (S. 75)" stellt er unter der Hand den Hamburger Tempel als „ächten Ausdruck der Zeitbewegung" dar, und bürdet ihm die Schuld auf, bei der zweiten Auflage des Gebetbuches die Aeitfrage nicht gelöst zu ha-, ben, ohne zu bedenken, daß -auch die Hamburger Tempelgemeinde ihre „verschiedenartigen Elemente" habe und daß es jetzt die heiligste Pflicht der wiffenschastlichgebildeten Rabbiner sei, (hat kr ästig Hand an's Werk zu legen und den Gemeinden Israels zu zeigen, daß ihre religiösen Oberhäupter unverdrießlich, uneigennützig, ernstlich und fleißig an dem Neubau des Iudenthums arbeiten und bemüht sind, den alten Schutt hinweg zu räumen, damit „die Straße-zu unserm Gotte gebahnt werde". Auch Hr. Dr. Frankel, Rabbiner in Dresden, beging in seinem Gutachten denselhenFehler,welchen wir so eben gerügt. Er tadelte nämlich das Benehmen und die Handlungsweise Bernays's, kritisirte aus halb rationalem, halb orthodoxem Standpunkte das Gebetbuch und tadelte zuletzt das Kempelinstitut, ohne ein. Besseres, vorzuschlagen, in welchem das „Gemüth" eines zeitgemäß gebildeten Israeliten befriedigt würde. Nur Hr. Dr. Samuel H old - heim, Rabbiner in Schwerin, wußte, gleich, wie der Rabbiner Abraham Kohn in Hohenems das Hamburger-Tempelmstitut zu würdigen und die an ihn gerichtete, das neue Gebetbuch vetreffliche Frage richtig zu. beantworten. Sie wiesen Beideauf rationale Weise aus den Quellen des- Talmud und .der Rabbinern die "gesetzliche Zulässigkeit des neuen Gebetbuches nach, verschanzten es noch im Voraus gegen etwaige bös-, willige Angriffe, die es von Seiten seiner Gegner erleiden könnte, und von der Bedeutsamkeit des Hamburger Tempelstreites als Aeitfrage wohl durchdrungen, boten sie freudig die Hand zur Lösung derselben, ohne sich mit der Kritik eines nicht vorhandenen Gebetbuches abzuquälen. — Ich kann also bei aller Verehrung und Hochachtung, die ich gegen den Rabbiner Dr. Geiger habe, doch nicht umhin, ihn scharf zu tadeln, daß er in dem in Rede stehenden Schriftchm, trotz des darin vorwaltenden Freimuthes, doch die Lösung der wichtigsten Seit- und- Lebensfrage der heutigen Juden von sickfern hält und sie zu einer bloßen Aufgabe für den Tempel zu Hamburg macht. Der Tempel hat seine Mission erfüllt; erbrachte Leben in das von der Zeiten Druck erstarrte Israel; er gab ihm gebildete Geistliche und Lehrer, schaffte ihm Ruht und Ordnung im Gotteshause und befreiete das Leben vom drückenden Joche mittelalterlicher Gesetze. — Wollen nun diese Herren Geistlichen und Lehrer das Institut, das sie geboren, zuchtmeistern und ihm verwerfen, daß es sich , nicht mehr auf der Hohe der Zeit befände, um die Veredelung Israels zu schaffen; gut, so mögen sie aber gleichzeitig die Hand auf's Herz legen und sich mit Aufrichtigkeit fragen: Was sie denn für das jüdische Leben gethan? Ist es ihnen noch je eingefallen, durch die That zu beweisen, daß sie Beschwerlichkeiten aus dem. jüdischen Leben bannen wollen? Nein, nie und nimmer l Sit Gemeinden, wo diese Herren, seit Jahren wirken, geht noch Alles seinen alten Gang; selbst die Einrichtung von Schulen für die Jugend unterbleibt, wenn nicht die Regierung sie in's Leben ruft und an die Abstellung und Abschaffung selbst der schroffsten Mißbräuche wird nicht gedacht, denn man beschäftigt sich mit jüdischer Atterthums künde und Kritik alter Bibelübersetzungen. — Mt Recht heißt es hier: „Tadeln ist leicht, besser machen schwer"; doch vom Bessermachen schweige ich gern; mögen die Herren Tadler nur ihre Gemeinden zu der Höhe der Hamburger Tempelgemeinde heranbilden, dann will ich ihnen von ganzem Herzen das Bessere machen erlassen. Wenn sie aber auch dieses nicht thun, sondern Untersuchungen anstellen über Pijutim und dergleichen 2Mernhefte^ mehr, dann müssen sie sich bescheiden, als Laien in den Lagesinteressen aufzutreten, und sich nicht vermessen, über Institute, die. ihre Wurzel im Leben haben, mit breiter wissenschaftlicher Vornehmthuerei zu sprechen und jeden Ausspruch mit einem Notizläppchen zu behängen. Dieser Tadel, trifft nicht sowohl Hrn. Dr. Geiger, allein, als vielmehr noch eine Anzahl anderer wissenschaftlicher Rabbiner, die ich anderswo zu nennen Gelegenheit haben werde; Hr. Dr. G. steht nur in so fern höher, als er bestrebt ist, sich auch allmälig in den labyrinthischen Gängen des Lebens heimisch zu machen, um zur Einsicht zu gelangen: daß grau ist jede,Theorie, doch grün allein des Lehens goldenen Baum. H. I o l o w i c z<