Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-04-23 · Heft 17 (23.4.1842) · p. Seite 131

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 17 (23.4.1842)
Date
1842-04-23
Page
Seite 131 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360201-2360219--2435-3529265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

131 ten auf, und die Anrwort fiel nach dem Charakter der jeweiligen Zeitumstände verschieden aus. Als unsere Vorfahren unter schwerem Drucke seufzten, da lag wohl der Gedanke nahe, daß Israels Zerstreuung und Leiden die gerechte Strafe wäre für die Uebertretung seiner heiligen Gesetze, und dieser Gedanke leuchtete um so , mehr ein, als er in verschiedenen Aussprüchen Mosis und der Propheten (Levit. 33, 31 — 34; Deuteron.,4, 27; 28, 36 — 38; Ierem. 16, 13; Ezech. 12, 15 u. A.) seine Begründung findet. Es ist bekannt, daß jener Druck von Außen und der sehnsüchtige Wunsch, sich der Gottheit durch eine gewissenhafte Beobachtung ihrer heiligen Lehre wieder geneigt zu machen, auf daß Israel bald wieder von seinem heiligen Erbe, dem gelobten Lande, Besitz zu nehmen würdig wäre, eine intensiv innerliche Richtung erzeugte, welcher ein großer Lheil rabbinischer Vorschriften seine Entstehung verdankt. Neben dieser Ansicht findet sich übrigens schon im Talmud (Pesachim 67, 6,) der Satz: onty; iDDinw hd nioiNn p1? ne* rripn Dn.1, welchem ein sich anderwärts (Kidduschin 70 b., Iebamot 47, a.) findender Ausspruch nnDDD D’U D'ttip durchaus nicht widerspricht, indem letzterer sich nur gegen ein oberflächliches und äußerliches Bekenntniß ausspricht, welches vom Judenthum mit Recht verworfen wird. In neuerer Zeit erst, wo man eines Theils auf christlicher Seite so oft Israels Hoffnung einer einstigen Wiederkehr nach Palästina als Dem Patriotismus für unser jetziges Vaterland schnurstracks' entgegenstehend hat bezeichnen wollen — ein willkommener Einwand gegen Emancipationssprüche — andern Theils auf Seite der' Juden die Realisirung jener Hoffnung an Wahrscheinlichkeit verlor, schaffte sich die Ansicht immer mehr Raum : die Juden hätten als Träger der Offenbarung die weltgeschichtliche Aufgabe, unter alle Völker zerstreut, die ihren Ahnen auf Sinai offenbarte Einheit Gottes in ihrer Ursprung- , lichen Reinheit zu erhalten, und ein Leuchtthurm zu sein für alle Völker, bis in Erfüllung geht das Wort n^rr» wnn Dro “iriN.iDKft “TIN 'ru Unleugbar aber hat diese Frage nicht nur ihre theoretische Wichtigkeit, als Problem der Philosophie der Geschichte, sondern erhält auch eine praktische Bedeutung, indem eine verschiedene Lösung nochwendig verschiedene, in's rhatsa'chliche Leben eingreifende Consequenzen nach sich zieht. Um so mehr ist man berechtigt, von dem, der sich dieses Thema zum Vorwurfe einer Abhandlung nimmt, etwas tiefer eingehende, philosophisch begründete Gedanken zu erwarten. Wer aber in solcher Erwartung jene Zeilen des Herrn H. V. liest, den beschleicht gewiß ein höchst unangenehmes Gefühl, wenn er von der Hauptsache nur äußerst Weniges, und dieses un-! begründet, desto mehr aber allerlei unzusammenhängende Gedanken, horazische Missionäre, jüdische Christen, talmudische Alltagsphrasen u. dgl. mehr, in bunter Mannigfaltigkeit antrifft, so daß man bei der Beurtheilung jenes Aufsatzes, zu welcher nur der Gegenstand selbst das einzige Motiv sein kann, darauf angewiesen ist, einzeln dastehende Sätze einzeln zu besprechen, um aus deren Werth den des Ganzen ermessen zu können. — Nach einer etwas pompösen Einleitung, die fast wie ein Kopf zu einer ganz andern ' Figur aussieht, so daß man unwillkürlich an das Horazische humano i-apiti etc. .erinnert wird, beginnt die Abhandlung damit, den Atheismus durch die französische Revolution zu widerlegen. Weit entfernt, den Atheismus irgendwie in Schutz nehmen zu wollen, wohl erkennend all' die Scheusale, die sich in seinem Gefolge zeigen, fest überzeugt, daß sowie das Da- ' sein Gottes keines Beweises bedarf, so der Atheismus seine Widerlegung in sich selbst trägt, weit entfernt endlich, der dorr angeführten Behauptung des Talmud widersprechen zu «■ wollen, müssen wir dennoch behaupten, und mit uns Alle, die nicht bloß wie Herr V. „einen oberflächlichen Blick" in die Geschichte werfen, daß er das Beispiel der französischen Revolution schlecht gewählt hat, ja daß dieses sogar im gewissen Sinne gegen seine Behauptung zeugt. Denn die französische Revolution, was war sie anders als ein Jahrhunderte unter der Asche glimmender, und bei einem in's Ungeheure aufgehäusten Zündstoffe zur fürchterlich auflodernden Flamme ausschlagender Funke; was war sie anders, als ein Kampf des sich nun selbstständig fühlenden, dem Gängelbande entwachsenen Geistes gegen geistigen und moralischen Druck, gegen herabwürdigendes Feudalwesen und finstern Glaubenszwang? Aber die überstarke Freiheitsgewalt schlug in zügellose Willkühr, in Terrorismus aus, und der vom Convent decretirte, von der Mehrzahl der Nation jedoch mißfällig aufgenommene, sogenannte Vernunstdienst oder Atheismus war nichts als eine furchtbare Consequenz des Terrorismus und der gegen alles historisch Bestehende ankämpfenden Revolutionsidee, so daß der Terrorismus, welchen der Verfasser doch sicher mit „den schädlichen Folgen des Atheismus" bezeichnen will, nicht ein Kind des letztern, sondern vielmehr dessen Erzeuger war, und man sich daher höchlich wundern muß, wie es dem Verfasser nur hat entgehen können, daß der Unglaube der Revolution nur eine natürliche Reaction gegen die stabile Narrheck der Glaubensautoritat war, welche der Verfasser doch später in Schutz zu nehmen scheint. Nach einem nichtssagenden Worte über Polytheismus behauptet Herr V., daß es überflüssig wäre, den Monotheismus in seiner Vortrefflichkeit zu zeigen, denn diese sei fast allgemein anerkannt. Aber meint es Herr V. denn wirklich im Ernste, daß der Monotheismus fast allgemein anerkannt sei, weiß er denn nicht, daß der größere Th eil der Menschen auf unserem Erdenrunde von der großen Einheitsidee noch keine Ahnung hat, daß derselbe vielmehr einem krassen Polytheismus huldige, sind denn jene hundert Millionen Asiaten, jene Bewohner des innern Africa u. Andere, Bekenner des Monotheismus? sind es Juden, oder Christen, oder Muhamedaner? Wo ist hier die fast allgemeine Anerkennung? Ja unter den civilistrten Nationen, verbindet denn nicht das Christenthum mit dem Monotheismus einen Begriff, welcher der jüdischen Ansicht entgegen ist? Das Rad der Weltgeschichte wird noch gar lange fortrollen, bis des Verfassers Behauptung Wahrheit wird, heute ist sie noch Lüge, wenigstens Unwissenheit. Nachdem Herr V. Einiges, aber wahrlich nichts Neues, über die Bedeutung des israelitischen Volkes und eine Behauptung eines christlichen Gelehrten, auf die wir in Wahrheit stolz sein können, angeführt, kömmt er zu einem Satze, welcher hinlänglich beweist, wie wenig er seine Satze überdacht hat, und wie sie, einer Seifenblase gleich, bei der leisesten Berührung in ihr Nichts sich auflösen. „Bedenken wir," so lauten seine Worte, „daß alte positiven ge offenbarten Religionen ihre Hauptgrundsätze und ihre ganze Moral aus dem Iudenthume geschöpft haben u. s. w." Man müßte nothwendig behaupten, daß Herr V. nichts weniger als Jude ist, wenn aus dem Ganzen nicht so deutlich hervorginge, daß Unüberlegtheit ihm dergleichen Sätze dictirte. Denn auf jüdischem Standpunkte giebt es nur eine geoffenbarte Religion; in dieser Beziehung ist kein Pluralis möglich; und gesetzt, es gäbe verschiedene geoffenbarte Religionen, worin besteht denn ihre Offenbarung, wenn sie „ihre Hauptgrundsätze; und ihre ganze Moral", aus einer andern geoffenbarten Religion schöpfen wollten?. Das heißt doch dem Leser etwas viel zu denken übrig lassen! Wollte man auch des Verfassers Ausspruch auf Religionen, die sich für geoffenbarte halten, wie 17*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.