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Der Orient · 1842-04-23 · Heft 17 (23.4.1842) · p. Seite 130

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 17 (23.4.1842)
Date
1842-04-23
Page
Seite 130 (sequence 3)
Language
German
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130 bestattet werden; er hatte den Willen hinterlassen, daß seiner Leiche zwei Dajanim folgen und dieselben dafür so viel Thaler (68) erhalten sollten als sein hebräischer Name dem Aahlenwerthe nach betragt. Der Oberrabbiner Tiktin bestimmte zwei solche Männer, und der Umstand, daß die Freunde und Gönner des Dr. G. diesen mit zu den Zweien zuzählten und für ihn eine Summe Geldes natürlich auch beanspruchten und auch erhielten, regte die Gemüther auf. Noch mehr aber fühlten sie sich beleidigt, als der Hc. Dr. G. in seinem Ornate kam, und einer der Vorsteher, bemerkend, daß eine noch elegantere Equipage zugegen war, als die, in welcher derHr. Dr. G. saß, dieser nach einigem Zureden seinen Wagen verließ und durch einen, behenden Satz in den andern vom Vorsteher bezeichneten sprang. Ich selbst wunderte mich nicht wenig über die kleinliche Eitelkeit des Rabbiners, aber bei andern weniger ruhigen Gemüthern, fachte dieser Firlefanz einen nicht geringen Grimm an. Jedoch kam der Zug ungestört am Begräbnißplatze an. Der Oberrabbiner Tiktin stellte sich vor die Leiche und sprach einige wenige aber passende Worte: daß es km Nisan nicht erlaubt sei eine Leichenrede zu halten^ ec wolle auch nur kurz bedeuten, daß der Verstorbene, obgleich er früher unbemittelt und in spatem Jahren sich Vermögen erworben, doch ein echt religiöser Jude blieb, und sich streng band an die heiligen Lehren und Gesetze rc. Nach Beendigung dieser Worte sollte ein naher Verwandter des Seligen, ein miD aus einem nicht weit von Breslau gelegenen Städtchen, der durch einen expresien Boten von dem Tode seines Angehörigen in Kenntniß gesetzt worden und hierher geeilt war, einige Worte reden; da aber trat der Dr. Geiger, von seinen Freunden dazu bewogen und ausgemuntert hervor, um seine Rede zu halten. Dieser Umstand war das Zeichen zu einem pöbelhaften Tumulte, wie er nirgends und gewiß nicht an heiliger Statte hätte vorfallen dürfen. Es ward wild durcheinander geschrieen, der Hr. Dr. Geiger (Tiktin hatte sich bereits entfernt) sing einige Male an mit seiner Rede, konnte aber nicht zu Worte kommen, und als ein unbedeutender und ungebildeter junger Kaufmannsdiener im Geschäft eines Anhängers Geigers zornentbrannt ausrief: Die orthodoxen Juden müssen alle gehängt werden! wurde man gar handgemein, und es würde ohne Zweifel blutige Köpfe gesetzt haben, wäre die Polizei nicht dazwischen getreten. Man ging höchst unruhig auseinander, und schon am folgenden Tage erließ der Vorstand, aus lauter Freunden Geigers bestehend, folgendes Schreiben an den Oberrabbiner Tiktin: „Ew. Ehrwürden haben den seit mehreren Jahren vielfach an Sie ergangenen Aufforderungen, den Ihnen obliegenden Pflichten, im ganzen Umfange zu genügen, nicht nur keine Folge gegeben, sondern denselben zu unserem steten Bedauern die höchste Renitenz entgegen gesetzt. Ew. Ehcwürden haben sich ferner bemüht, anstatt, der Ausübung Ihrer geistlichen Obliegenheit gemäß, den Frieden in der Gemeinde zu erhalten, denselben vielmehr zu untergraben, durch Ihre öffentlichen Vorträge den Samen der Zwietracht auszustreuen, den Frieden in der Gemeinde zu stören, Partheiungen in derselben gefließentlich herbeizuführen, und hierdurch endlich einen Zustand der Zerrissenheit zu erzeugen, der in seinen Folgen der Gemeinde nur Schmach bereitend und entwürdigend sein kann und Ereignisse herbeiführen muß, wie sich ein solches gestern in dem pöbelhaften Ausbruche des Zelotismus an geweihter Statte kund gegeben. Der Unterzeichnete Vorstand in Ausübung seiner Pflicht und im Bewußtsein, Nichts unversucht Massen zu haben, Sie von Ihrem bisherigen Verfahren abzuleiten, sieht sich in die betrübende Nothwendigkeit versetzt, um Ihrer nachtheiligen Wirksamkeit Schranken zu setzen, Sie hiermit von heute ab, von allen Ihren amtlichen Funktionen zu suspendicen, und Sie gleichzeitig für alle Folgen verantwortlich zu machen, falls Sie diesem Beschluß entgegen handeln sollten. Breslau, 4. April 1842. Das Ober- Vocsteher-Collegium der hiesigen iscael. Gemeinde. Gez. Jon. Fränkel, Josph. Prinz, Jonas Lewy, L. Milch, H. I. Lewy, M. Schreiber, B. Primker, Haym. Lassel. M. Friedländer, E. Haymann, I. Lande, L. Jasser, Wilh. Bloch, A. Rawicz." Daß dieses Schreiben ganz ohne Bedeutung und wie Hauch ist, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen; es liegt nicht in der Macht eines Vorstandes, einen Rabbiner mir nichts dir nichts abzusetzen; auch die Gemeinde hat ein Wort mit hineinzureden, und der Breslauer Vorstand, der noch durch ein besonderes Statut gebunden ist, hat gewiß eine solche unumschränkte Macht nicht. Aber noch mehr, dieser Vorfall hat selbst bei vielen Freunden Geigers einen unangenehmen Eindruck gemacht, einen Mann wie Tiktin, der schon einige zwanzig Jahre hier fungirt, und bis zur Anstellung Geigers, Alles ganz allein geführt hat, nie Anlaß zur Unzufriedenheit gab, einen solchen Mann, und noch dazu durch einen so rücksichtslosen Brief auf eine gar nicht zu entschuldigende Weise seines Amtes zu entbinden, bei einer Gelegenheit, wo es si'h mit ziemlicher Sicherheit Herausstellen dürste, daß das Unrecht nicht auf Tiktin's, sondern auf Seilender Partei Geigers leider sei; das war selbst den Gönnern Geigers zuviel. Es sind deßhalb bereits Schritte gegen das unbefugte und rücksichtslose Verfahren der Vorsteher gethan, und ich werde nicht anstehen, Sie ehestens von deren Erfolg in Kenntniß zu setzen. —s—- Niederwerrn im März 1842. In Ihrem werthgeschätzren Blatte II. Iahrg. Nr. 51 u. 52 (welche Blätter uns zufälligerweise erst jetzt zu Gesichte kamen) befindet sich ein von München aus datirter, mit H. V. Unterzeichneter Aussatz, dessen Inhalt, da er eine wichtige Frage betrifft, näher besprochen zu werden verdient. Die Frage, warum wurde Israel in alle Welt zerstreut? drängte sich wohl zu allen Zei-

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