Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1842)
- Date
- 1842-04-16
- Page
- Seite 122 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360218--2425-3529246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 wildert und ihnen eine frohe Aussicht auf eine bessere Zukunft in sittlicher, intellektuellerund materieller Hinsicht geöffnet. Daher die Vorliebe selbst derjenigen Ettern für sie, die dem strengeren Ritus huldigen; daher die steigende Frequenz derselben; daher die Anerkennung, welche derbei weitem größten Theil der aus ihr hervorgegangenen Zöglinge in seinen nunmehrigen Wirkungskreise erfährt. Die Schule hat sich nie für vollkommen gehalten und ihre Leistungen sind von Seiten ihrer Direktoren und Lehrer kaum in dem ganzen Umfange dem Publikum dargestellt worden, wie sie es verdienten. — Endlich muß ich noch den Rath berühren, den der Hr. Einsender in Betreff der Gründung einer jüdischen Realschule giebt. Eine dritte Armenschule brauchen wir nicht, zumal eine solche, die nur eine neue Auflage der Talmud Tora wäre, an der kein Jude erster Lehrer sein darf. Zu einer Realschule für Kinder wohlhabender Eltern bedarf es keiner Beisteuern von Seiten der Reichen. Vollends unbegreiflich ist, wie der Hr. Einsender Hrn. Bernays, der sein literarisches Jncognito gar nicht und sein amtliches nur ungern und in höchst seltenen Fallen aufgiebt, an die Spitze einer solchen Realschule gestellt und ihm die Oberleitung derselben anvertraut wissen will. Wußte denn der Hr. Einsender nicht, daß eine hiesige Privatcmstalt nahe daran war, eine solche Gemeinde-Realschule zu werden und daß die Ausführung dieses Planes hauptsächlich an dem, wie uns scheint, durchaus unmotivirten Rücktritte des Herrn Bernays von dem früher von ihm angenommenen Ephorate über dieselbe scheiterte? Tübingen, 30. März. Auf der Hochschule zu Tübingen befinden sich gegenwärtig 11 jüdische Studirende, wovon einer dem Auslande angehört. Davon widmen sich „drei" der mosaischen Theologie, „zwei" der Mediän, „fünf" der Jurisprudenz und „zwei" der Philologie. Meist talentvolle junge Leute, die dem Staate und dem Zudenthume Ehre bringen werden. Wöchentlich zweimal versammeln sie sich in einem eigens dazu bestimmten Locale, um über jüdische Literatur und Interessen sich zu besprechen. — Hier liegen auch die jüdischen Zeitschriften und noch andere fürs Judenthum wichtige'literarische Erscheinungen aus, die sie aus eignen Mitteln anschaffen. Wie tief stehen einer solchen für das geistige Leben der Juden sich interessirenden Jugend gegenüber unsere Reichen und Reichsten! — Sehr wünschenswert!) wäre es aber, daß die israelitische Oberkirchenbehörde, die das religiöse und wissenschaftliche Streben der Israeliten Würtembergs zu heben trachtet, auch eine jüdisch theologische Bibliothek, wie sie das evangelische Seminar und das katholische Eonvict schon haben, begründen möchte — damit den unbemittelten jüdischen Studirenden auf der Hochschule die jüdische Literatur zugänglich wäre. Am Hamburger jüdisch liturgischen Streit nimmt man in Würtemberg lebhaften Antheil, doch steht uns jene Liturgie nicht so sehr entgegen, weil unsre durch die Fürsorge unsrer hochpreißlichen Oberkirchenbehörde seit Jahren schon verbessert worden; auch nimmt man besonders lebhaftes Interesse an dem von unserm Landsmann Dr. Frankfurter deshalb erschienenen Schcistchen. Man hoffte jedoch stets auf ein Votum des Herrn Redacteurs dieses Blattes, das aber bis jetzt noch ausgeblieben. *) A. Leipzig, 7. April. Mit gespannter Aufmerksamkeit bin ich namentlich in der jüngsten Zeit dem regelmäßigen Hamburger Correspondenten der Allg. Zeit/ des Judenthums, dem Herrn Moses Haarbleicher, wie ich aus sicherer Quelle weiß, gefolgt. Wenn ich schon Anstoß an seiner ihn nach zwei- Seiten hin ziehenden Beschäftigung als Gemeindesecretar und Mitredatteur des Gebetbuches nahm, wenn mir schon in dieser Beziehung seine Stellung keine deutlich ausgeprägte, prägnante und offen sich zu erkennen gebende schien, so haben sich meine Bedenklichkeiten in den letzten Tagen noch gemehrt, so daß ich jetzt gar nicht weiß, wohin ich ihn thun soll, ob in die Synagoge, ob in den Tempel. Der Herr Haarbleicher hat es nämlich der Mühe werth erachtet, die von, dem Hrn. Dr. Woolf Marks in der sogenannten West London Synagogue gehaltene Einweihungsrede ins deutsche zu übersetzen und drucken zu lassen. Ich frage nun den Uebersetzer auf Ehre und Gewissen, welches eigentlich seine Meinung ist? Billigt er diese Einweihungsrede, lobt er sie und bekennt er sich zu ihrem Inhalte blos deshalb, weil sie zur Beseitigung und Abstellung mancher Mißbräuche in der Synagoge auffo-rdert, nun wie verträgt sich das mit der wahrhaft empörenden Recension in Nr. 12 der Allg. Zeit, des Judenthums?/denn er-und Niemand anders ist nach der allgemeinen „Volksstimme " der Tempeljude, und wenn solche Jünger durch die Orgel und die Gebete des Tempels gebildet werden, so hat Herr Bernays wohl so unrecht nicht, wenn er sagt, daß die Tempelbesucher keine wahrhaften Juden sind. Was hat denn die in sehr guter Absicht geschriebene Broschüre „die Synagoge" anders gewollt, als Mißbräuche abschaffen? Hat sie eine solche Behandlungsweise verdient, wie Herr H. ihr zutheilt? — Und auf der andern Seite, gefällt dem Ueberffetzer in jener Rede vielleicht die Aufhebung der doppelten Festtage? Nun, warum bekennt sich denn der Tempel nicht zu dieser Ansicht? Warum nimmt er sich nicht die nest London Synagogue zum Vorbilde? Wie sich Hr. Haarbleicher aus diesem Dilemma herauswinden will, mag er selbst Zusehen, nur möge ec nicht wieder aus dem Verstecke.„Ein Tempeljude" Heraus mit solchen Waffen um sich schlagen. Auch Hr. Dr. Salom on hat im Interesse des Tempels geschrieben, und wird bald wieder, wie ich höre, zu seinem Gunsten sich vernehmen *) Es werden einige sehr gründliche Schriften über diesen Gegenstand noch erwartet. ' Red.