Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1842)
- Date
- 1842-04-09
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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117 diesem Vereine, sondern es wird auch von allen Seiten mit Eifer darauf hingearbeitet, die Mitglieder desselben mit einem reichen Unterhaltungsstoffe zu versehen. In dem Lokale der (bisherigen) Börsenhalle sind der Union für jeden Abend fünf Zimmer eingeräumt. Spiel mit niedrigem Satze, Gesellschaftsspiele, Lektüre, Gespräch, Konversation in neueren Sprachen, Conzerte und Vorlesungen werden hier mit einander abwechselnd, den Frohsinn, die Geselligkeit, die Intelligenz und später wohl auch manche praktisch-nützlichere Zwecke befördern helfen. Außer den ordentlichen Mitgliedern, unter denen jener oben erwähnte Gymnasiast zugleich als Mitdirektor des Vereines wirkt und ein anderer Jude, der hiesige Musik- (Violin- und Clavier-) Lehrer, Herr Julius Seligmann, Schüler der berühmten Quartettspieler Gebrüder Müller in Braunschweig, Componist und Dirigent der am 31. Oetober bei Gelegenheit des 25jährigen Jubiläums der hiesigen israelitischen Freischule aufgeführten Cantate, selbst ein ehemaliger Zögling dieser Schule, welcher die stattsindenden Conzerte leiten wird, hat der Verein auch mehrere achtbare ältere Männer zu Ehrenmitgliedern erwählt, unter denen sich auch Herr Dr. Gabriel'Rie ß er und Herr Ca ssuto befindet. Jener hochverehrte Mann wird in erst zu bestimmenden Stunden über einen bis jetzt noch nicht näher angezeigten Gegenstand Vorlesungen halten; Herr Caffuto aber, Cachäm der hiesigen- - portugiesisch - jüdischen Gemeinde, Dolmetscher der höchsten Behörden in amtlichen, einen Lranslateur erheischenden Fällen, ein vielbeschäftigter Privatlehrer"), leitet in der Union die Conversation in mehreren neueren Sprachen. — Während wir in dem voranstehend Berichteten unbedenklich einen großen segenverheißenden Fortschritt wahrnehmen und davon, wenn nicht alle Zeichen trügen, sehr günstige Folgen für die socialen Verhältnisse der Juden durch Beseitigung manches Vorurtheils, durch Ausglättung mancher Schroffheiten im geselligen Umgänge mit Andersgläubigen weissagen — und um so eifriger wünschen, je mehr wir von den Vortheilen gegenseitiger Annäherung überzeugt sind — müssen wir zwar im Folgenden unseren Ton bedeutend herabstimmen, bleiben aber auch da noch zu schönen Hoffnungen berechtigt.— Es handelt sich diesmal um die in neuester Zeit im Freistaate Lübeck versuchte theilweise Verbesserung des Zustandes der dortigen Juden. Wenn wir in Bezug auf jüdische Verhältnisse von Lübeck und Bremen reden, so fällt uns jedes Mal der virgilische Vers ein: iiikandum regina jubes renovare dolorem. Denn wo,ist jemals ärger mit den Juden verfahren worden, als in jenen beiden freien Städten? Doch das alte Unrecht sei vergessen und vergeben, wenn sich nur, sei es auch erst nach 24 Leidensjahren, der Wille und die Kraft zur Reue und zur Sühne zeigt. Von Bremen können wir leider noch nichts Erfreuliches der Art melden; vielmehr steht dort an der Spitze der dasigen höchsten Untern'chtscm statt (des Gymnasiums) ein als Philologe, Aesthetiker und Pädagog mit Rechthochgeachteter Gelehrter, Direktor Web er, der aber in seinen sonst, so trefflichen „Schulreden" gehässige Anspielungen auf dre Juden förmlich bei den Haaren herbeizieht, obgleich er in seiner theologischen (rationalistischen) 'Richtung gegen das „Krummacherthum" mit Pa nie l u. A. das Panier der Geistes- und Gewissensfreiheit emporzuhalten sich' rühmt. Dieselbe rationalistische Partei in Bremen, der wir sonst so gern unfern Beifall zollen, wo es sich um den Kampf gegen 2) Er unterrichtet auch in der Schule des Herrn Dr. Jsler im Englischen; außerdem lehrt er Französische Spanisch, Portugiesisch und Holländisch. die Dunkelmänner unseres Jahrhunderts handelt, war es auch, die in ihren Streitschriften gelegentlich und doch ohne irgend eine Veranlassung die Juden angriff, aber von Herrn Rabbiner Hirsch (jetzt in Emden) zwar etwas weitschweifig, aber mit gutem, selbst von Staatsmännern lobend anerkanntem Recht und Erfolge, nach Gebühr zurechtgewiesen wurde. — In Lübeck ist es in diesem Augenblicke anders, wenn wir auch nur von einem Anfänge, einem Keime, einem ersten Schritte reden dürfen. Aber der erste Schritt ist ja, nach einem alten Sprüchworte, der schwerste und verdient daher doppelte Anerkennung und zwiefache Aufmunterung. — Der Lübecker Senat erließ nämlich im Herbste vorigen Jahres eine Verordnung, zufolge deren die Zünfte schuldig seien, jüdische Knaben, welche bei einzelnen Amtsmeistern in die Lehre genommen sind, als Lehrburschen ein- und auszuschreiben. Mehrere Meister erklärten sich darauf bereitwillig zur Annahme jüdischer Lehrlinge; aber die Zünfte sahen in jener Verordnung einen Eingriff in ihre althergebrachten Rechte und nahmen gegen jene Meister eine drohende Stellung an. Da erhoben sich, zumal unter den christlichen Kaufleuten, zahl- und einflußreiche Stimmen für die Errichtung eines Vereines zur Beförderung der Handwerke unter.den Israeliten und zu Gunsten der sie in die Lehre nehmenden Meister. Die Statuten des Frankfurter Vereins sollten zu Grunde gelegt und in den Neuen Lübeckischen Blättern (1842) zur allgemeinen Kenntniß gebracht werden. Dagegen mm, so wie gegen den Charakter der Juden überhaupt trat Dr. Ave Lallemenr, Advokat zu Lübeck (Verfasser einer Schrift über das Hamb. Musiksest von 1841) mit bitterböser Rede auf, die von ungereimten und gehässigen Anschuldigungen gegen die Juden strotzte (Nr.' 41 — 5i der N. L. Blätter. Jahrgang 1841). Dessenungeachtet beharren die Freunde der Reform bei ihrer Ansicht, ja sie müssen darin-um so mehr bestärkt werden, je größere Gefahr ihnen aus der Fortdauer des jetzigen Zustandes der im Lübecker Gebiete wohnenden Juden erwächst 3). Die Juden ihrerseits, von denen Einige zufolge einer altern Gerechtsame in der Stadt selbst wohnen (vor mehreren Jahren wurde noch einer jüdischen Familie das Recht, da zu wohnen, ertheilt), die Uebrigen größtentheils im Dorfe (Flecken) Moisling (nach einer amtlichen Mittheilung zu Ende des Jahres 1840 im Ganzen 446 Seelen) und der Rest vereinzelt im Landgebiete und (2 Personen) im Badeorte Travemünde sich niedergelassen haben, haben in Moisling eine, nach glaubwürdiger Mittheilung 4) gut eingerichtete, von einem jüdischen und einem christlichen Lehrer geleitete und meist durch Beiträge von Christen erhaltene Schule, und erkennen das Unerträgliche ihrer Lage in seiner ganzen Heroigkeit. — Die Redaktion der N. L. Blätter (1841 Dr. Dettmer, 1842 Dr. jur. Curtius — sie wechselt alljährlich unter acht Ausschußmitgliedern der Lübecker gemeinnützigen Gesellschaft) hat übrigens den Erwiederungen gegen Hrn. Dr. Ave) eine kürzere in Nr. 53. von 1841 enthaltene ist Ihnen bereits zugekommm, eine längere von Hrn. Dr. Nießer steht im Anfänge des neuen Jahrganges jener Blätter) die Spalten ihres Wochenblattes 3) Mein theurer Universitätssreund, Dr. Dettmer, Collab. am Catharineum (Gymnasium) zu Lübeck und Mitbesitzer einer Pensions-Anstalt daselbst, der kurz vor Neujahr zum Besuche hier war, sagte mir selbst: Wir (die Christen) haben die Juden nach Moisling „deportirt"; kein Wunder, wenn, bei solcher Beschränkung, wie die ist, in der sie jetzt leben, Moisling zur „Verbrecherkolonie" wird. 4) Des Dr. Dettmer u. A.