Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Spalte 203-204 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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293 204 Politisch - theologische Rhapsodien (aus Breslau). reinkünstlerischen Zwecken will man orientalisch zustützen? — ' Weiß ichs —! bin ich ein Diplomat der aus der Luft Kabinetsgehcimnisse schnüffelt? Vielleicht hat man moralische Absichten mit uns im Sinne. Geht an die -Quelle der Weisheit, holt Euch in der Bibel Rath, die ist überdies; jetzt eine beliebte fast fashionable Lectüre, da finden sich Prophezeiungen aller 2Crt, seht was ihr gebrauchen könnt. Es steht aber geschrieben: „Wächter, was ist es an der Nacht, Wächter, was ist es an der Nacht? — Und der Wächter spricht: Wohl gekommen ist der Morgen, doch ist es auch noch Nacht: wenn ihr beten wollt, betet, kommet zurück kehret wieder!"— (steht wirklich in der Bibel. Jes. 21, 11. 12.) 2. Ein politischer Hellseher hat es versucht, in einem jüngst erschienenen Traumbüchlein die vagen Ahnungen zu deuten, und die romanrischen Illusionen, die in gewissen Sphären noch über jüdische Religion und Nationalität herrschen mögen, durch ein kräftiges Wort der Wahrheit zu zerstören. Das Büchlein führt den Titel: „Die gegenwärtig beabsichtigte Umgestaltung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Preußen" und hat das geharnischte Motto: facta loquuntur, das uns noch von den seligen „Vier Fragen" in theurem Angedenken steht. Unser Büchlein hat mit diesem Lapidar-Schristchen auch besonders das lakonische' knappe Wesen gemein, wie es denn ohne viel Redens und Aufhebens, ohne oratonsche/Salbung und Winkelzüge so recht auf seinen Gegenstand loögeht und sich ganz eng an ihm hält. Es unterscheidet sich aber von demselben zu seinem Nutzen dadurch, daß es nicht oppositionell sich den bestehenden Staatsformen enrgegenstellt und sich so von vornherein die Anerkennung seiner berechtigten Momente verscherzt, sondern daß es ein Projekt der innern Politik vom Standpunkte des reinen Staats-Interesses beleuchtet, die falschen Voraussetzungen, auf denen dasselbe beruht, aufdeckt, und so die mißlichen Consequenzen der Realisirung desselben klar herausstellt. Es sagt also: daß wir Juden weder durch Vaterland, noch Sprache, noch Bildung, irgend eine andre als eine preußisch-deutsche Nationalität haben, daß unsre Religionsübungen nie einen Conflikt mit den Pflichten des Staats- Bürgers oder -Dieners herbeiführen können, noch je in praxi herbeigeführt haben, daß mithin der Staat in diesem Sinne weder Nationalität noch Religion zu respectiren habe; daß ferner der Staat, durch ein gewaltsames Jsoliren der jüdischen Interessen, gerade unserer freien, geschichtlichen Entwickelung, die er eben befördern möchte, hemmend in den Weg trete; und daß endlich diese ganze Absperrungs-Theorie be-; denkliche Verwicklungen in der administrativen Praxis erzeugen müsse, und wenn sie an diesem Punkte nicht von vornherein scheitert, sie sicherlich dem Staate mehr Schaden als Vorrheil bereite. — Was dem Büchlein aber einen besondern Werth giebt, und den Verfasser auch andrerseits als einen würdigen Anwalt der Juden herausstellt, ist die Gesinnung und die Haltung, die es auszeichnet: es ist aus dem vollen Bewußtsein unsrer gegenwärtigen Stellung zur Zeitbildung, zur Wissenschaft hervorgegangen; es basirt unsre Ansprüche auf geschichtliche Berechtigung und bittet nicht um Gnadengeschenke; es macht keine diplomatischen Coneesstonen, um andrerseits wiederum eine Eoncession zu erschleichen, es ist offen und frei. Und das thut uns noth! Es dürste vielleicht noch manche unter uns geben, die den mittelalterlichen Zumuthungen des Staats mit abgenutzten Mitteln und piis fraudibus.im Geschmack jener Zeit entgegentreten möchten. Den Schafspelz der demüthigen Frömmelei ein wenig anziehen, bis man die Brocken der allerhöchsten Gnade erhascht hat; die abgetragenen Kostüms aus der Rumpelkammer der Geschichte hervorholen und damit die Mumien der antiquirten Theologie aufputzen, um theatralische Ruhr-Effekte zu erpressen; die friedlichen resignirend - gedrückten Greise künstlich gruppiren, daß sie mit den ehrwürdig-wallenden Bärten unsre junge Keckheit ein wenig beschatten; — o nein! das darf nun und nimmermehr geschehen! Nein ihr zahmen Proletarier! Die Errungenschaft eines dreißigjährigen redlichen Arbeitens im Dienste des Geistes wollen wir nicht opfern für Rechte, die wir ohne sie ja sicherlich weniger verdienen; und wenn wir es wollten, wir könnten es nicht; jeder Moment der fortschreitenden Geschichte ist unwiderruflich gewonnen, und die belebenden Elemente, die seit dreißig Jahren in den trägen Lauf unsres Blutes gedrungen sind und ihre Wunder gethan haben, lassen sich nimmermehr ausscheiden. Laßt es euch gesagt sein, mir dem Schild oder auf dem Schild! ehrenvoll müssen wir aus jedem Kampf mit den Zeitgewalten hervorgehen. Momente, wie der jetzige, wo sich ein Blatt in unserer Geschichte, gleichviel ob vorwärts oder rückwärts wendet, sind für uns eine wahre Zeit der Prüfung, sie sind die Barometer unsrer geistigen Atmosphäre, wir müssen zeigen, welchen Grad in der Höhe der Zeit wir einnehmen. Die Geschichte liebt es zuweilen, an unfern Leibern ihre Experimente anzustellen: warum sollen wir durch ein feiges Abstreifen und Desavouiren unsres eigenstes Wesens ihr dic Resultate verderben? Die Orthodoxie aber zum Anwalt unsrer Sache herauszustellen, wäre überdieß eine sehr, ungeschickte Strategie, sie bringt uns alle wieder in die traulichen Ghetti's, wo man sich „ungestört und in aller Behaglichkeit dem religiösen dolce far niente ergeben kann. Der Beweis Liegt auf der Hand. Man sollte nicht glauben: in gewissen., Schichten der vulgären Orthodoxie, die wegen der reichlich bei ihr vorhandenen wahlverwandrschaftlichm Elemente, die faule Lust, in die man uns sperren soll, mit instinktarügem Vergnügen wittert, macht sich eine gemeine Schadenfreude über die vereitelten Bemühungen der Modernen bemerkbar! O über die Gläubigkeit die alles gläubet, o über die zahme Unvernunft, die sonst so fanatisch und aufsäßig zu sein weiß, wie läßr sie sich kirren, wenn man ihr die rechte Lockspeise vorfltzt. Freilich der Staat duldet nichts, was die Satzungen unsrer Religion nur im geringsten verletzen könnte, und darum befreit er uns von dem beschwerlichen Militairdienst; der Staat will unsre orientalische Ratio-