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Der Orient · 1842-03-26 · 13 (26.3.1842) · p. Spalte 205-206

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
13 (26.3.1842)
Date
1842-03-26
Page
Spalte 205-206 (sequence 7)
Language
German
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205 206 Politisch - theologische Rhapsodien (aus Breslau). nalitäL sich historisch entwickeln lassen, und darum sperrt er uns vorsichtig von den üblen Einflüssen der germanischen Nationalitäten ab — warum sollte das unglaublich sein? hat ja der löbliche Frankfurter Senat ehedem in zarter Fürsorge nur deßwegen des Nachts das Iuden-Vierrel verschlossen, damit die theuern Bewohner desselben, wie der selige Börne commentirt, sich in der freien Nachtluft keinen Schnupfen holen sollten! — 3. Gewisse populär-politische Fragen, zumal solche, die ihrer Erledigung .und Nealisirung in der Praxis sofort entgegen gehen, finden heute, wo selbst das vulgäre bürgerliche Bewußtsein, so zu sagen, durch unberechenbare contagiöse Einflüsse von allgemeinen vernünftigen Ideen über Staat und Bürgerthum, wehr oder weniger tingirt ist, beim Volke leicht Anklang und Besprechung. Daß auch die Juden aller Klassen hier den schwebenden Fragen über ihre Angelegenheiten überhaupt ein lebhaftes Interesse widmen, ist ein günstiges Zeichen einer bürgerlichen Reife und Mündigkeit, die über ihre Bestimmung nicht gleichgültig ist, sondern durch Erörterung und Räsonnement sich zu einem klaren verständigen Begreifen ihres Zustandes hinanarbeiten will. Die Art und Weise aber wie dies geschieht, zeigt, daß im Großen und Ganzen schon eine vernünftige Einsicht über ihre: eigene Stellung zum Staate unter ihnen. populär geworden ist, indem sie einerseits den christlichen Illusionen über sie gegenüber, das Bewußtsein geltend machen : daß sie endlich aufhören müssen der weltgeschichtliche Kreisel und Spielball zu.sein, den das Hin- und Herschleudern und die Peitschenhiebe der Nationen so viele Jahrhunderte hindurch in zitternder Beweglichkeit erhalten haben; daß ihre politische Bestimmung nicht einem fatalistischen Fluch unterworfen, und nicht die rastlose unstet - ahasverische Irrfahrt sei, die ihnen der christliche Mythus angedichtet habe; und indem sie andrerseits ihre eignen irrigen Vorstellungen über ihre historische Bedeutung und ihre Zukunft in der Art ausgegeben haben, daß sie in Europa sich nicht mehr wie im Exil, sondern wie in ihrer einzigen und wahren Heimath fühlen; daß sie die Resignation auf alle bürgerliche Rechte, die notwendig aus ihrer schwankenden vagabondarischen und temporären Stellung und . aus der Aussicht auf eine baldige Erlösung früher hervorgehen mußte, mit einem weltbürgerlichen Selbstbewußtseitt vertauschen, wobei sie alle desfallsigen An - und Aussichten auf eine staatlich organisirte particulare Nationalität, die beim jüdischen Volke ohnehin nur als vage fabulöse Ahnungen vorhanden waren, ohne jemals in den Consequenzen ihrer concreten Verwirklichung begriffen oder nur klar durchdacht worden zu sein, ohne alle Mühe und Überwindung für nun und für alle Ewigkeit in die Schanze schlagen. Dies ist ein höchst bedeutendes Moment in der innern Bewegung der Selbstemancipation; die theologische und die politische oder sociale Seite coincidiren hier in einem Punkte,^durch dessen Ueberwindung der Geist mit einem Schritt in zwei Richtungen vorwärts gekommen ist. Ich zweifle nicht, daß die Wissenschaft, in absoluter kritischer Berechtigung , ohne Beihülfe des Lebens, die Negation des fraglichen Dogmas von der Restauration des heiligen Landes u.st w. durchsetzen kann; obwohl bei den neuesten theologischen Debatten, deren Gegenstand im Grunde eben dieses Dogma war, es zu keinem bestimmten unzweideutigen Resultat gekommen ist. Daß sich aber im populären Bewußtsein die Ueberwindung des dogmatischen Hindernisses behufs einer bürgerlichen Erhebung vollführe, dazu ist das Zusammenwirken von Umständen, der Einfluß des schöpferischzerstörenden Lebens nothwendig. Das Leben stellt hier wie oft eine unentrinnbare Alternative; das schwankende unentschiedene juste-mMeu muß dem diktatorischen Entweder — Oder eine Antwort geben und sich auf die eine oder die andere Seite flüchten. — Dieser Prozeß, den das Individuum leicht durchmacht, wiederholt sich auch mit consequenter Totalität in der Masse, .wenn diese nur durch die lebendigen Impulse einer freien erleuchteten Theologie auf den rechten Weg gedrängt wird. So wird man sich nicht wundern, hier, wie gesagt, im Allgemeinen eine richtige Würdigung der schwebenden Verhältnisse zu finden, wenn man bedenkt, daß Breslau, seitdem es dem freien wissenschaftlichen Principe in der Religion einen Heerd und eine bleibende Stätte geweiht hat, ein Mittelpunkt vieler anregenden theologischen Bewegungen geworden ist. Ganz abseit von den anerkannt wohlthätigen Einflüssen einer würdig repräsentieren Theologie, einer auf moralische Veredlung und religiöse Erleuchtung tendirenden Kanzel , und der sämmtlichen geistlichen Praxis, liegen noch sehr viele indirecte unberechenbare Wirkungen für die totale Bildung und Erhebung einer Gemeinde, in dem bloßen Bewußtsein ihrer nahen und freundschaftlichen Beziehung zum Geiste des Jahrhunderts. Und um diesem Bewußtst in ein fundamentales Moment, einen wissenschaftlichrealen Inhalt zu geben, hat Herr Dr. Geiger, neben seiner eigentlichen theologischen Aufgabe, sich eine zweite allgemeinere und umfassendere gestellt, deren glückliche Lösung ihn nun schon im zweiten Jahre beschäftigt. Die Vorlesunge.n über jüdische Geschichte in politischer, socialer und literarischer Beziehung, deren, sonderbarerweise, so viel ich weiß, noch kein professionirter Eorrespondent gedacht hat, sind gerade eine der fruchtbarsten Seiten seiner' praktischen Wirksamkeit. Weil der Kreis derselben kein beschränkter ist, sondern über alle Thatsachen und Erscheinungen jener drei Richtungen sich ausspannt, weil in denselben im entsprechendem Maße Biographie, Charakteristik und Kritik hineingezogen wird, und namentlich die Angelpunkte in der Bewegung des Geistes- und der stete lebendige Kampf desselben gegen die retardirenden Mächte von innen und außen, gehörig beleuchtet werden, bieten sich dem gewandten Darsteller unendlich viele Gelegenheiten zu Anknüpfungen an die Gegenwart, zu Analogien oder doch feinen Beziehungen auf die Zustände des religiösen Lebens dar. Neben dem positiven wissenschaftlichen Gewinn, nehmen die Zuhörer, größtentheils Männer, die dem Iudenthume ein lobenswerthes Interesse widmen und für sich

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