Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Seite 103 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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103 gigkeit des menschlichen Sinnes und Geistes, daß er sich wenn auch als von Gott gegeben, doch so selbstständig im Leibe constituirt, daß er als sein eigener Gesetzgeber mit den Worten der Schrift (5 B. M. 29, 18) sich brüstet: „Es geht mir wohl, weil ich wandele, wie es mein Herz denkt". Worill hat nun diese Lndifferentistische Hintenansetzung des Gesetzes ihren wahren Grund? Offenbar in der Gegenwart, d. h. man vergißt über dem zeitlichen Gennßtrieb oder Weltansicht, seine religiös geschichtliche Vergangenheit, und leugnet sofort die genirende prästabilirte Zukunft. Einziges wirksames Heilmittel kann folglich dagegen kein anderes sein, als die geschichtlichen Erinnerungen wieder geistig beleben, dem Gesetze seine absolute Bedeutsamkeit, erringen law sichern, und den Seelenblick auf die göttlich künftige Verheißung hinlenken, um so die in der Gegenwart locker und lose gewordenen Bande und Beziehungen durch regen lebendigen Hinblick auf Ursprung und Ziel zu befestigen und zu stärken. Wenn nun ad 2) der fragliche Verein bei seinem Entstehen vor 23 Jahren eine namhafte Anzahl Gemeindeglieder gefunden haben will, die allem religiösen Leben gänzlich entfremdet waren, so konnte doch augenfällig diese Entfremdung nicht Folge der alten gottesdienstlichen Formen sein, da bekanntlich der öffentliche Gottesdienst kein wesentliches Hauptstück des jüdisch-religiösen Lebens ausmacht, sie war vielmehr die natürliche Folge der Nichtachtung des alten göttlichen Gesetzes uud der traditionellen Anwendungen. Also jüdischen Indifferentismus fand er vor und wie steuerte er ihm? Durch Ausstattung eines gerade dem gegenwärtigen Geschmack zusagenden, dem Triebe durchaus keinen göttlichen Zwang anlegenden Cultus, zu dem die Flitter von allen Religionen zusammengetragen worden, durch sogenannte moralische Vorträge, die den eigenen Verstand und Sinn zum kritischen Weurtheiler des göttlich gegebenen Gesetzes und der Tradition erheben, die Ewigkeit des Gesetzes in die Schwebe bringen und so die jüdisch-religiöse Vergangenheit über die fortgeschrittene Gegenwart aufgehen lassen, und endlich durch ein kastrirtes Gebetbuch, dem man alles biblische Leben und Seele als Wiederherstellung Zions und Jerusalems im Glanze der Vollübung des Gesetzes und Opfer in Gottesanschauung muthwillig ausgeschnitten, und dafür in die Muffaph-Gebete Formeln eingeschoben, die nur dann auf fortdauernde religiöse Bedeutung und Wirksamkeit Anspruch hätten, wenn die Messianischen Erwartungen, als bereits erfüllt, und im Geiste wirkend, geglaubt werden, was doch von einem sich nennenden echt israelitischen Verein nicht zu erwarten steht. Es liegt hiernächst klar vor, wie der Verein, weit entfernt dem in der zerreißenden Gegenwart wurzelnden Indifferentismus der Juden durch Belebung und Kräftigung seiner urkundlichen religiösen Vergangenheit und Zukunft, mittelst jener neuen Einrichtung entgegenzuwirken, vielmehr die ewige Bedeutung des Gesetzes rejp. Vergangenheit geschwächt, wo nicht aufgelöset (und allen die nach ihres Herzensdünkel wandeln sagen sie, es wird nichts Böses auf euch kommen Ierem. 23. 17.), die Erwartungen der Zukunft ausgestrichen, und die ästhetisch und rhetorisch ausgeputzte Gegenwart so hoch cmporgehoben, daß der Prediger seiner erbaueten Heerde Zurufen möchte: „Hier ist Dein Zion" und dieses neue Zion hat dem Indifferentismus, ihm den Rückweg zu Schrift und Gesetz sperrend, einen heuchlerischen Erbauungsmantel umgehangen, auf daß er sich nicht mehr als abtrünnig vor dem alten ehrwürdigen Gesetz schüchtern zu verstecken brauche, sondern dem Iudenthum höhnisch und frech entgegen treten mag: Deine Vergangenheit ist veraltet! Deine Zukunft kindisch! ich aber als gereifter klarer Geist erbaue mich selbst in der fortgeschrittenen Gegenwart, in einem neuen (nicht mehr Opfer-) Tempel, in dessen adytis der gesunde Menschenwille zeitgemäße Orakel ertheilt. Und diese aus dem Wesen des Vereins deducirte Einwirkung auf den jüdischen Indifferentismus hat mir eine zwanzigjährige Erfahrung factisch bestätigt, ich habe keinen Indifferenten gesehen, der durch den Tempelbesuch seinen Indifferentlsmus gegen das Gesetz abgelegt hätte, wohl aber manchen, der durch diesen Besuch seine Hochachtung gegen das Gesetz verloren, oder gar praktisch indifferent wurde. Darum, und weil eben diese langjährige Erfahrung mir das Wirken und Treiben dieses Vereins, nicht als ein das religiöse Leben in der Gemeinde förderndes, vielmehr unterminirendes bewährt hat, sehe ich mich im Interesse der frommen bis heute durch das neue Treiben Gottlob! noch nicht entwurzelten großen jüdischen Gemeinde innigst gedrungen: im Angesichte des allmächtigen lebendigen Gottes Israels, der sein Gesetz in Jakob gesetzt, und darin ewig zu erhalten verheißen: Einer hohen Staatsregierung, die alle ihrer Obhut anvertrauten biblischen Religionszweige väterlich wahrt und schützt, Einem würdigen Vorstande, der mit unverrücktem Eifer und Treue die väterliche Religion in ihrem Glanz und ihrer Würde zu erhalten strebt und wirkt, feierlichst zu erklären, daß jedes Weitergehen von dem bisherigen Geschehenlassen resp. negativen Bestand eines solchen alles inneren biblischen Lebens ermangelnden, ja beides verläugnenden Erbauungswesens zu einer positiven Constituirung irgend eines neuen Lokals zu diesem Behufe als eine öffentliche Autorisation der Negation des biblischen Lebens von jüdisch-theologischem Standpunkt aus angesehen werden, und allmählig den Untergang des religiösen Lebens in der Gemeinde herbeiführen müßte. Nach dieser Deduction geht meine gutachtliche Ansicht dahin: