Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Seite 102 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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102 2. , . . An das hochlöbl. Vorsteher -Collegium der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg* Die intendirte Umgestaltung der »cw. ,;t„m Supremi Senatus <1. <L 17. SepLbr. 1819 vor der Hand geschehen gelassenen neuen Errichtung eines Locals zum Betzufe der öffentlichen Erbauung am Sabbat in ein geräumiges eigenes Gotteshaus des sich nennenden neuen israelitischen Lenupelvereins betreffend. Wohllobliches Collegium! Die tieserschütternden Besorgnisse , die das nebenrnbrizirte Vorhaben, sobald es ruchbar wurde, in der Gesammtgememde machte, veranlaßten mich dieselben verbunden mit den weinigen bereits am 8* Febr. Ln dem sub ba. A. abgegebenen Schreiben einem wohllöbl. Collegio geziemend darzulegen, worauf mir am 18+ Mai die ehrende Erwiederung geworden, daß dasselbe die geeigneten Schritte bereits eingeleitet hätte. Wenn nun, nachdem jenes Beginnen als ein die. innere und äußere Existenz der Gemeinde ernstlich gefährdendes von mir bezeichnet wurde, ich doch von Seiten des löbl. Collegii durch verehrliches Anschreiben vom 20. d., unter Uebermachung der Supplik des Vereins ein Gutachten über deren Inhalt abzugeben aufgefordert werde, so kann dieser ehrenden Aufforderung Absicht und Zweck kein anderer sein, als daß ich neben meiner bereits ausgesprochenen Ansicht über den Gegenstand selbst, auch den Inhalt respect. die Motiv irung des Gesuches einer ernsten theologischen Prüfung unterwerfen, und deren Resultat in gedrängter Uebersi'cht porlegen sollte. Diesem gemäß werde ich mich aller tiefer gehenden Diskussionen über die theologische Frage selbst hier enthalten. Es hatten überdies solche, die gelehrtesten und anerkanntesten europäischen Rabbiner schon vor 23 Jahren erschöpfend behandelt, das Ergebniß vorgelegt und veröffentlicht, und ihr einstimmiges Verdammungsurtheil hatte die tröstliche Folge,/ daß die bei den Juden seit Jahrtausenden unerhörte Keckheit auf eigene Faust ein Gebetbuch zu machen, Zu drucken und zu verkaufen, nirgends weitere Nachahmung gefunden hat. Dagegen werde ich mich rein aus den Inhalt der Supplik selbst beschränken, der nach Abstreifung der.bekannten anmaßlichen Sprache aller'Neuerer, die. von Ruhmredigkeit, Selbsterhöhung und Herabdrückung des Bestehenden als veraltet und geschmacklos strotzt, sich daraus reducirt: . „Es habe vor 23 Jahren eine verderbliche Indifferenz in die Gemeinde einzureißen gedroht, der habe der Verein großen Lheils ein Ende gemacht; um nun auch die künftige Generation und schon die jetzigen minder Bemittelten vor dieser Gefahr zu schützen, bedürft es eines geräumigeren Locals, um einem Jeden die Lheilnahme an diesem echt israelitischen Gottesdienst zu sichern." > : Also ist des Vereins angegebener Charakter, und Streben, dem jüdischen Indiffermtismus entgegen zu arbeiten. . Ergiebt es sich aber aus der näheren Betrachtung der Natur des jüdischen Indiffermtismus einerseits und der Leistungen des Vereins andrerseits, daß letzterer nicht allein nicht geeignet ist ersterem zu steuern, vielmehr ihm einen religiösen Anstrich verleihet und ihn daher percurirt, so dürste es, nach dem Geiste der Supplik selbst nicht gerathen sein, ihm grosseren Raum, Dauer und Festigkeit zu geben, sondern man müßte, grade zum Zweck der Behinderung des Jndifferentismuö, Boden und Wirken des Vereins auf alle Weise schmälern und eindämmen. Es liegen also zwei Fragen zur Erledigung vor 1) Was ist jüdischer Indiffermtismus? 2) Was ist und leistet der Verein in dieser Hinsicht? Stellt man sich zur Beantwortung dieser Fragen aus den einfachen biblischen Standpunkt, da zeigt sich klar, wie das Iudenthum auf der allgemein biblischen Ueberzeugung fußend , daß des Menschen Geistes- und Gemüthskrafte ohne besondere geoffenbarte resp. äußerlich gegebene göttliche. Mittheilung und Hilft das eigne zeitliche und ewige Heit zu beschaffen, unzureichend sind — diese Hilfe und Heilsordnung in einem das ganze praktisch thätige Leben durch Ver- und Gebote umschlingendes Band — Gesetz — welches ihm Gort unmittelbar im Worte gegeben, und im Geiste traditionell in der Zeit fortgepflanzt hat, vornehmlich bestehen laßt, und gewährt es selbst der gottgeheiligten Gesinnung nur in so fern religio e Bedeutung, als solche in jenem Gott ver- und gebotenem praktischen Leben, sich äußerlich werkthätig zu machen im Stande sei. Es zeigt sich ferner, wie das Iudenthum noch in seinem gegenwärtigen verkümmerten Dasein, wo ihm Mittel, Wege und Boden zur vollständigen Ausübung seines göttlichen Gesetzes abgehen, dennoch seiner göttlich-historischen Stützpunkte nicht ermangelt, nämlich Vergangenheit und Zukunft; der Vergangenheit, wo der Gottheit lebendiges Walten über den reinen Wandel in ihren Gesetzen und Wegen lohnend und strafend als Erzieherin Israels sich sichtbar machte, und der Zukunft, wo sie wieder in die verheißene Stätte zum Aufbau eines nicht neuen, sondern alten, aber von der inneren Heiligung begleiteten äußerlich reinigenden Opfertempels heilig und hehr einkehren wird. Und von diesem zugleich vor- und rückwärts schauenden, göttlich-historischen Geiste sind seine Gebete ausschließlich durchdrungen und getragen; gestützt auf seine gottbeseelte Vergangenheit, die verheißene zukünftige Gottesgegenwart ersehnend, fleht der Jude auf die Gegenwart himmlische Erhaltung und: Segen-herab.; Nach diesem, nach den biblischen Buchstaben documentirten Wesen unb Sinn des Iuoenthums ist. ad 1) jüdischer Indiffermtismus nichts anders, als Nichtanerkennung eines göttlich bindenden Gesetzes, also auch Nichterwartung seiner künftigen Wiederherstellung, dann Unabhän-