Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Seite 100 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360215--2400-3529194- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 100 es nicht unzweckmäßig sein, hier noch einige kurze Andeutungen^unseres Standpunktes überhaupt voranzuschicken. Seit der Negierung Kaiser Ioseph's 11. übt der in Deutschland erwachte Geist der Humanität und Aufklärung unausgesetzt auch auf den Israeliten eine wohlrha'tige Wirkung. Ueberall äußerte sich immer lebhafter der Wunsch zur Übernahme aller bürgerlichen Pflichten, überall das regste Streben, in Sitte, Sprache und .Bildung den christlichen Mitbürgern nicht nachzustehen, und Dank sei es der edlen Erhaltung eines verjüngten Menschengeistes! nur in wenigen Staaten Europa's hat man in der neuern Zeit die Juden in der Verfassung gelassen, in die sie zur Zeit der blinden Glaubenswuth versetzt worden sind. Werfen wir den Blick auf Lübeck , so sind wir hier in politischer Hinsicht allermeist auf das Gebiet der Hoffnung angewiesen; aber die Hoffnung, es werde mit der Zeit alles besser werden, ist eine wohlgegründete, sie stützt sich auf die herrschende strenge Gerechtigkeit und Gesetzmäßigkeit. Unsere Hoffnung ruht auf dem Glauben, daß die langsam, aber gründlich aufklärende Zeit es noch am Ende unbestreitbar herausbringen müsse, was ererbtes Vorurtheil und unbegründete Meinung sei, und was in der ewigen Wahrheit und in dem unantastbaren Recht seine Wurzel habe; sie ruht auf der Ueberzeugung von dem biedern Charakter Lübecks, welcher sich auf die Dauer nicht verleugnen kann. Doch thöricht wäre müßiges Hoffen ohne die beharrlichste Anstrengung zur eignen Förderung unserer edelsten Zwecke. Fern sei es von uns, alles Bessere unthätig von oben herab zu erwarten. In dem Innern des Lebens muß es ja begründet und bedingt sein, was tiefer in das Leben eingreifen soll. Und wollen wir die Veredlung des Lebens in seinem Keime mit Erfolg beginnen, woher anders als von der sorgfältigen Erziehung und Iugendbildung, worin alles Heil zu erwarten ist? Aus der Jugend ersprießt uns eine glückliche Zukunft; und aus der Schule — die Erlösung. Wohl uns, daß diese allbekannten Grundsätze auch immer allgemeiner unter uns bekannt geworden, und von solchem Gefühle innigst durchdrungen, strebte unsere Gemeinde dahin, eine eigne jüdische Schulanstalt ins Leben zu rufen, und nach Beseitigung mancher Schwierigkeiten gelang es unter Beihülfe der Staatsbe- . Hörden endlich im November 1837 die Schule zu eröffnen. Auf ihr und ihrem Gedeihen ruht die Hoffnung, daß es dereinst um die Kinder besser stehen möge, als jetzt um die Vater; jetzt muß das rohe Aufwachsen vieler Kinder aus der Gemeinde aushören, das Dasein einer jüdischen Schule läßt dies erzwingen. Nicht die Absicht, das Jüdische und Christliche von einander zu trennen, hat diese Schule entstehen lassen; sondern das bezweckten ihre Stifter vorzugsweise, .daß. durch einen folgerichtig fortgesetzten Religionsunterricht eine festere Grundlage für die sittliche Ausbildung der Zugend gewonnen werde; mehr geistige Hülfsmittel und mehr sittliche Kraft, als ehedem nöthig gewesen sein mögen, muß die jetzige Zeit'ihren Kindern mit auf den Lebensweg geben, wenn sie redlich in irgend einem Kreise ihr Fortkommen finden sotten. Die Kinder unserer Gemeinde haben Äeides doppelt nöthig, sotten sie irgend einmal aus der traurigen Lage, in der jetzt ihre Väter sind, sich empor arbeiten. — Dazu jene Schule, welche eben deshalb eine Anstalt ist, die in ganz besonderem Maaße der wohlwollenden Berücksichtigung des Staates sich erfreuet. Sie hat eine Lücke ausgesüllt, deren Dasein den Staat selbst nicht ehren konnte , sie will ferner das Ihrige thun, um jenem Verderbnisse, welchem ohne sie ein nicht kleiner Theil der Staatsangehörigen unbezweifelt anheim fallen würde, von innen heraus enrgegenzuarbeiten; sie verfolgt, wenn gleich bisher Privatangelegenheit der Gemeinde, doch einen für den Staat im .Ganzen höchst wichtigen Zweck. Was die Anstalt bisher geleistet hat, . ist bereits in drei öffentlichen Prüfungen an den Tag gelegt und berechtigt zu der Annahme, daß solche Hoffnungen nicht betrügerisch seien, so wie zu der Erwartung, daß sie auch in Zukunft allen zeitgemäßen Anforderungen immer mehr entsprechen werde. Hoffentlich können schon jetzt Schulen hiesiger Stadt, in welche Schüler der M oislin g er Schule übergegangen sind, Zeugniß darüber geben, mit welcher Vorbereitung und welcher Gesittung ihnen unsere Schule ihre Zöglinge zusühren kann. Wem aber die Leistungen noch nicht sichtbar, die Erfolge noch nicht sprechend genug sind, dem dürfen'wir entschuldigend zurufen, man sehe nur zu, wie langsam und schwierig das Gute, so oft es dem Herkommen und der eingewurzelten Gewohnheit entgegen ist, auch anderwärts gedeiht und reist, wo es doch planmäßig von oben herab geleitet wird; wie könnte sich denn unter uns Alles auf einmal nach der Theorie gestalten, da fast alle bessern Bestrebungen von dem guten Willen Einzelner ausgehen und gehalten werden. Die Bestimmung dieser Anstalt war aber auch von Anfang an, nächst der Ausbreitung einer echt religiös-moralischen Bildung, die arme Jugend vom Kleinhandel abzuziehen, dieselbe besonders zur Erlernung nützlicher Handwerke und Gewerbe anzuleiten und sie für das Leben mit einem tüchtigen, unbefangenen, geradem Sinn dergestalt auszurüsten, daß sie die Vorurtheile und Hindernisse, die ihrer im Leben warten, wo nicht besiegen — doch mindestens nicht verdienen möchte. Die Schule sollte also bei ihrer Gründung eine Elementarschule für künftige Handwerker sein, und um die arme Jugend für diesen Stand bilden zu können, sind die Unterrichtsgegenstände so abgegrenzt, daß der ganze Bildungsgang dem künftigen Berus entspräche. Folgende sind also die in der Schule betriebenen Lehrgegenstände: Religion und Sittenlehre, deutsche Sprache, welche grammatisch gelernt und orthographisch richtig geschrieben und gesprochen werden sott, Schreiben, Rechnen, so weit man es im gemeinen Leben braucht, einige Realkenntniffe aus der Erdkunde, Naturlehre und Naturgeschichte. Solche Kinder indeß, welche Talente für höhere Schulen entwickeln, werden auch vom ersten Lehrer außerhalb der Schulzeit und zwar im Lateinischen und Französischen vorbereitet. Soll nun diese Schule in zunehmendem Maaße alles das