Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-03-26 · Heft 13 (26.3.1842) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 13 (26.3.1842)
Date
1842-03-26
Page
Seite 98 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360201-2360215--2398-3529192
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

98 ncten Synagogen waren doch gefüllt) war ich im Tempel, und, ich muß es zu meiner eigenen Schande gestehen, ich fühlte mich etwas unheimlich. Es hatte den Anschein, "als beabsichtigte der H. Dr. A. lediglich seinem Kollegen dem Hrn. Dr. Heß, mir-und noch zwei bis drei Zuhörern ^(den VJDW mit eingerechnet) etwas vorzupredigen. Ein ähnliches Gefühl mochte einer einzelnen auf der Gallecie befindlichen Dame inwohnen, denn sie entfernte sich sehr bald. Wohlweislich ist von der verehrlichen Tempeldireßtion die Bestimmung fest gesetzt worden, daß ein pD Männer kein nothwendiges Requisit ist und Gottesdienst wie Predigt gingen vorsi'ch. Hr. Dr. A. wende mir nicht ein, daß am uv DniDD seine Zuhörer sich drängen. Welches Bethaus ist an diesem Tage nicht gedrängt voll? Ist nicht ein jeder Meßbesuchende froh, nur ein Plätzchen zu erhalten? — Am hdkd wurde ich am Eingänge des Tempels von einem Tempeldiener ungehalten, der mit einer Büchse in der Hand mich um einen Beitrag ansprach; ich erwiderte, daß ich heute am Feiertage kein Geld bei mir führte; darauf zuckte er mitleidig mit den Achseln und ließ mich eintreten. Es war wiederum leer, füllte sich aber zur Zeit der Predigt. Schon an der äußerst geringen Zahl der Gebetbücher war zu sehen, daß nur die Wenigsten hiehergekommen waren um zu beten, und auch die benutzten Bücher warm vom mit einem Komplimente an seine Verwandten, Freunde und Bekannten ausgetheilt, was man so gewö hnlich „liDD sein" nennt. Die St.-Thomas-Chorschüler, die von der Gallerte Herab ihr Schema singen, brauchen auch kein Gebetbuch, denn sie singen von Noten oder auch aus dem Kopfe. So kommt es, daß die frommen Besucher des Tempels nur sehr spärlich sind, und wenn Hr. Dr. A. nach alle dem eine solche Behauptung für gewagt und anmaßend halt, so führe ich ihm dagegen an, daß ich es mir habe daran gelegen sein lassen, die Gesinnung seiner Zuhörer zu erforschen, daß mich sichere mannigfache Erfahrung/ unzweideutige Aeußerungen, ja Hr. Dr. A. selbst, der sich zu wiederholten Malen über die Lauigkeit im Besuche des Gottesdienstes öffentlich ausgesprochen, dahin gebracht haben, die Tempelbesucher im großen Ganzen nach jenen drei Klassen zu rubriciren. Daß dennoch vielleicht der Eine oder der Andere sich einsindet um wahrhaft andächtig zu sein, wer kann das bestimmen? Auch die so viel gepriesene Ordnung im Tempel ist nicht so weit her als vielleicht mancher mit den bestehenden Verhältnissen Unbekannte glauben dürfte. Es sei mir erlaubt nur eine Scene zu beschreiben, aber eine Scene, die fast bei jedem Gottesdienste wiederkehrt. Wenn die Vorlesung aus der Thora beginnen soll, ist: der Küster immer sehr geschäftig und rührig; cs gilt das; große Werk ausfindig zu machen. Na- : mentlich halt es gemeiniglich mit dem ]ro und 'h sehr; schwer, nach solchen Exemplaren werden genaue Forschungen und Nachsuchungen angestellr; oft kommt man glücklich zum Ziel, öfter auch nicht. Aber selbst im glücklichen Falle thürmen sich neue Schwierigkeiten und Hindernisse aus; der aufgerusene jrD hat keinen rr^D; da außer den beiden Predigern nur noch der Küster im Besitze eines solchen ist, so muß natürlich dieser den seinigen hergeben und in der Regel wandert er weiter von einem zum andern, bis zum letzten, der ihn dann dem Küster zustellt. ZurVervollständigung muß ich auch noch berühren, daß, wenn 5pr. Dr. A. in seinem Gutachten meint, daß er unter den Theilnehmern am Gottesdienste ganz streng Orthodoxe zahlt, ich meines Wissens nur Einen derartigen kenne, und zwar einen langen hagexn Mann aus Köthen; wenn in diesem einzigen der Hr. Dr. A. eine ganze orthodoxe Partei oder deren Repräsentanten erblickt, dann freilich muß ich mich des Weitern begeben. 93., Bambevg, 7. Marz. Durch Entschließung des Königs wurde das Gesetz, welches die Bekenner des mosaischen Glaubens von allen richterlichen und Verwaltungsämtern ausschließt, auch auf das Justiz- und Administrationswesen des Militärs ausgedehnt, jedoch mit dem besondern Bemerken, daß Israeliten fortwährend für jede andere Bedienstung vorgeschlagen und befördert werden können. (Karlsr. Ztg.) Heidelberg, 10. März. Ein junger Mann aus Frankfurt a. M., Dr. Heinrich Oppenheim, ist vor wenigen Lagen zum Wirkungskreise eines Privatkonten an hiesiger Universität zugelaffen worden. Dr. Oppenheim gehört der israelitischen Religion an, und seine Ernennung zu einem akademischen Lehramt erscheint uns nicht ohne allgemeinere Bedeutung in der gegenwärtigen Epoche, wo es sich für einen großen Lheil der israelitischen Deutschen darum handelt, ob sie von der Stellung, die sie sich durch ihre gesteigerte Bildung und ihren deutschen Sinn mühsam erkämpft, wieder in den Ghetto einer tiefen und weiten Absonderung zurückgedrängt werden sollen. Das Factum beweist, welch ein humaner Geist die großherzogl. Regierung beseelt und wie sehr sie die Ansoderungen eines voranschreitenden Jahrhunderts zu würdigen versteht; und vielleicht wird dieser Vorgang, in Verbindung mit mancher andern gleichzeitigen Erscheinung,, nicht ohne Rückwirkung auf die Bekenner desselben Glaubens in Norddeutschland und auf die Sicherung ihrer bedrohten Lage bleiben. Dr. Oppenheim wird seine Vorlesungen (aus dem Gebiete des Staatsrechts) im nächsten Semester eröffnen. (F.J.) Berlin, 11. März. Heute sind es dreißig Jahre, daß Friedrich Wilhelm UI., groß im Unglück wie wenige Fürsten, jenes bekannte Gesetz vollzog, durch das seine Unterthanen jüdischen Glaubens aus ihrer politischisolirten Stellung herausgebracht und der Gesammtheit der Staatsbürger einverleibt wurden. Dieses Gesetz vom 11. März 1812 verdient unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine ganz besondere Beachtung und Würdigung, da die zur Berathun-g vorliegende neue Juden v er fa ssu mg bekanntlich einem gerade entgegengesetzten Princip folgt, und es vor Allem wichtig wäre zu ermitteln, ob jene Verfassung von 1812 in Princip und Inhalt so entschieden ungeeignet ist, daß die Gesetzgebung den stetigen Fortgang der socialen Entwickelung gewaltsam abbrechen und eine retrograde Richtung verfolgen müßte. Einen interessanten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.