Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1842)
- Date
- 1842-03-19
- Page
- Seite 91 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Machinationen nicht eine, der Rabbiner ein Maturitatszeugniß für Kmntniß der rituellen Entscheidung sich vom hiesigen Rabbiner einzuholen habe. Welcher Geist für Fetzt also in unserer Provinz noch herrscht und an der Tagesordnung ist, wird jeder leicht ermessen; und uun denke man sich von Männern, die in diesem Geiste wirken, Vorschläge, welcher Act diese, sein mögen. Wahrlich, dieses Edict des Königs, von den Juden Vorschläge einzubolen, klang hier überall wie Ironie, wenn wir bedenken, welche Personen sie machen sollen. Im Interesse unseres Glaubens wünscht man, daß die hochherzige Proposition des Königs noch gar nicht realisirt würde. Eine Regulirung des Eultus erscheint noch als 'Nebensache. Was liegt daran, ob wir in theatralischen Chorälen den Gottesdienst verrichten; das gehört zum religiösen Luxus; wir aber brauchen Kleider, um unsere Schaam zu bedecken. Wir haben zunächst hahin zu streben, daß der Geist, der durch den mittelalterlichen Druck noch niedergebeugt ist, aus dem Argen hervorgearbeitet werde. Wenn die Regierung es ernst mit unserer Fortbildung meint, so hat sie für die alten Kinder in demselben Sinne, wie für die jungen zu sorgen. So wie sie darauf bestand, daß die Lehrer wissenschaftliche Bildung haben müssen, hat sie nicht minder zu verordnen, daß auch die Dolkslehrer zeitgemäß gebildet seien. Auch das Volk muß über seine wahren Interessen belehrt werden; es kann aber nicht wahrhaft belehrt werden von Männern, die selbst unwissend sinv und die Welt nicht kennen. Leipzig, 1« März. Das in seinen Mittheilungen und Beurcheilungen reichlich ausgesiattete „Panorama der Gegenwart", redigirt von Jos. Mendelssohn in Hamburg, dringt in Nr. 22 unter der Aufschrift: „Zwei Lübecker Fragen für das Jahr 1842 aus authentischen Notizen zusammengestellt", - einen lesenswerthen Artikel über die die Juden betreffenden Journalstreingkeiten in Lübeck, welcher auch für das Ausland nicht ohne Interesse ist. Wir glauben unfern Lesern einen Dienst zu erweisen, wenn wir.den die Juden betreffenden Theil desselben hier mittheiren. ' „Es wissen vielleicht nur Wenige unter unfern Lesern —- denn wer sollte einem beschäftigten Privatmanns zumuthen, sich stets mir den Quellen bekannt zu machen — daß es sich gegenwärtig in Lübeck, unserm Nachbarstaate, in Lübeck, der freien und Hansestadt, um zwei wichtige Fragen handelt. Wir meinen nicht jene beiden-kritischen Fragen: „Woher rührc der jetzige Verfall Lübecks?" und: „Wie läßt sich dem ferneren Verfalle Vorbeugen?" sondern zwei andere, die in.jenen beiden ersten, wie der Kern in der Schaale, verborgen liegen.' Mit einem Worte — die Revision der Lübeckischen Verfassung und das künftige Schicksal der im Lübeckschen Gebiete wohnenden Juden sind jetzt in der Travestadt an die Tagesordnung gekommen und gewissermaßen zum Tagesgespräche geworden. Die Idee einer durchgreifenden Umformung, einer kräftig unternommenen Revision der dort bestehenden, mir ihren Wurzeln weit in's Mittelalter hineinreichenden Verfassung, gährt zwar schon seit langer Zeit in den Gemüthern, aber erst seit dem Anfänge dieses Jahres haben sich die „Neuen Lübeckischen Blätter", das einzige dort erscheinende Wochenblatt, dieser Frage völlig und entschieden bemächtigt — die Discussion hat mit Würde begonnen und wird, mit Energie geleitet, hoffentlich eines günstigen Resultats nicht entbehren. Wir fürchten nicht, daß auch diesmal die vorgeschlagenen Verbefferungen wieder 'ad uettr. gelegt und die Reformpläne in die alte Rüstkammer exilirt werden. Altem Anscheine nach will der Lübecker Senat einen zeitgemäßen Fortschritt, ja, er will einem solchen selbst einen Theil seiner herkömmlichen Rechte, seiner ihm durch die alten Gesetze eingeräumten Gewalt opfern; — aber auch die Bürgerschaft soll (und sollte) dem Geiste unserer Zeit ihren lange verweigerten Tribut darbringen. Möchte sie sich doch bald dazu entschließen, damit nicht neben der Unbehaglichkeit, welche die Lübecker über ihre gesunkene äußere Macht empfinden, auch die Unzufriedenheit mit den inneren Einrichtungen des Staates überhand nehme! Naher, als es beim ersten Blicke scheinen sollte, steht damit die andere Frage, die Vecbefferung des Schicksals der im Lübecker Gebiete wohnenden Juden, in politischem Rapport. — Wie an vielen andern Orten, haben auch in Lübeck die Juden bisher nur den abstoßenden Pol am Magnete, der für sie selbst, nicht immer zu ihrem Voctheile, zum anziehenden, verbindenden geworden ist, kennen gelernt. Zunftgeist, Brodneid und Idiosynkrasie bilden die Dceizahl der bösen Genien, die den Juden den Weg zum Ziele bürgerlicher Entwickelung versperrten. Es sind beinahe 25 Jahre, her, seit die Juden aus Lübeck vertrieben und in unfreiwillige Landbewohner umgeschaffen wurden. Wer Lust und Belieben trägt, wird demnach bald ein Jubiläum feiern können, — ein Jubiläum neuer Art, eine Feier zum Preise der Inhumanität. Doch — Spott und Scherz bei Seite — das Unrecht hat bittere Früchte getragen. Und nicht für die Juden allein. Auch für die christlichen Bürger Lübeck's ist durch jenen Akt der Unduldsamkeit nichts gewonnen worden. Unheil mußte daraus entstehen, Unheil ist entstanden. DieMoralität der Juden ist gesunken und aus einer Krankheit, der man vielleicht ganz hatte Vorbeugen können, ist ein Geschwür geworden, besten Heilung selbst die Feinde der Juden als unumgänglich nothwendig, als Pflicht und Gerechtigkeit anerkennen. Die Juden haben diesen Zustand nicht verschuldet; sie haben ihn nie für normal gehalten, sie haben seit Jahren an der Verbesserung ihres Gemeinde- und Schulwesens — und, wie selbst die Gegner zugestehen, mit Erfolg — gearbeitet. Aber auch mit der vor 25 Jahren in Amtswirksamkeit und Einfluß stehenden Generation wollen wir nicht rechten; vielmehr sind wir die Letzten, welche die Schatten vergangener Jahrhunderte und moderner Intoleranz heraufbeschwören möchten. Jetzt kommt es lediglich darauf an, das Bessere nach Kräften zu fördern und sich durch kein böswilliges Geschreiirre, durch keine Verläumdung vom guten Vorsätze abwendig machen zu lassen. Bereits im Jahre 1839 erließ der Senat zu Lübeck eine Verordnung, folgenden Inhalts: „Die Zünfte sind schuldig, jüdische -Knaben, welche bei einzelnen Amtsmeistern in die Lehre genommen sind, als Lehrburschen in das Amt ein- und auszuschreiben". — Diese Verordnung hat 12*