Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-03-19 · Heft 12 (19.3.1842) · p. Seite 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 12 (19.3.1842)
Date
1842-03-19
Page
Seite 90 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2360092-2360201-2360214--2389-3529174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

90 und so wählte man ihn, und kredenzte ihm einen großen Pokal. Eben so wenig laß ich Wollstein, das man zum zweiten anführt, als einen Beweis des Fortschritts gelten. Auch Wollstein mag keine besondere Ausnahme. machen, wenn gleich es wahr sein mag — denn ich kenne den Ort nicht— daß daselbst eine größere Anzahl intelligenter Männer, als anderswo, vorhanden ist. Ein Hauptgrund der dortigen Rabbinerwahl lag vielleicht in dem Rufe des Herrn Dr. Hirschfeld selbst. Er,hatte, so weit er in Berlin bekannt war, dort stets so gelebt, daß er allgemein als streng rechtgläubig galt und selbst dem strengsten Rabbinismus keine Veranlassung zum Leumund gab. Und bei allen dem Ware es dem im Finstern schleichenden Rabbinismus doch gelungen, ihn um sein Ansehen zu bringen, wenn er nicht durch seine talmudischen Kenntnisse den sogenannten Gelehrten zu imponiren gewußt hatte. Und trotz dieser allgemeinen Anerkennung, die ihm die Häupter der Orthodoxie zugewandt, so daß selbst strenggläubige Rabbiner ihm ihre Söhne anvertrauen, sieht sich der Mann doch genothigt, in dem alten Rabbinismus zu verharren, um von dort aus zu wirken. Er kennt seine Stellung und darf darum keinen Schritt wagen, der sicher ohnehin unzweckmäßig wäre; und dabei ist doch derselbe entschieden streng, und trotz eines alten Rabbi den religiösen Observanzen zugethan. Wie kann von seiner Anstellung ein Schluß für den Fortschritt der Provinz gemacht werden? Rechnen Sie dagegen nur aber, wie viele Wahlen im ganz entgegengesetzten Sinne auf diese eine kommen. Um nur ganz in der Nähe Ms. zu bleiben. In G. ♦ ♦ wurde ganz um dieselbe Zeit ein Mann gewählt, der sich weder durch seine talmudischen Kenntnisse auszeichnet, noch sonst durch etwas ,hervorragt, aus dem einfachen Grunde, weil er sich fein polnisch tragt und so sehr heilig ist, daß er selbst Tuch zu tragen für Sünde halt. Und dieser Mann behauptet, Cabbalist zu sein, und theilt Amulette aus. In seiner Antrittsrede sprach er's aus, daß es der Gemeinde um seinetwillen gut ergehen werde. Daß in solcher Weise der Mann sich Anhang verschaffen kann, leuchtet eben so ein, als daß er im Stande ist den Einfluß jedes Andern ihm Entgegenwirkenden zu zerstören» Denn das Volk hört nur gar zu gern solche Reden, in denen ihm verheißen wird, daß im Müssiggehen durch die bloße Heiligkeit seines Hirten gebratene Tauben ihm in den Mund geflogen kamen. Ich könnte Ihnen, wenn ich nicht fürchtete, Ihr Blatt damit zu besudeln, schändliche Anekdoten von' demselben erzählen. Aber nichts desto weniger hat der Mann seinen Anhang, und ihm gleich werden viele ans Ruder gebracht, die im gleichen Sinne wirken. Hat doch letzthin ein Rabbiner den Herrn Pleßner bei einer Einweihung — mirubile diclu — der Gottlosigkeit beschuldigt, und sein Anhang war nahe daran, diesen freisinnigen Mann zu steinigen. Wie will man bei solchem Zustande der Dinge von Fortschritt sprechen. Es soll zwar nicht in Abrede gestellt werden, daß der Geist im Allgemeinen sortzuschreiten beginnt, daß durch die Wollsteiner Wahl und den glücklichen Erfolg eine außerordentliche Anregung den Gemüthecn gegeben wurde. Die Jugend fangt an sich der wahren Frömmigkeit zuzuwenden, und die früher das Judenthum abgelegt und den Juden in sich zu verleugnen gesucht batten, beginnen Antheil zu nehmen an den Gemeindeangelegenheiren, um das Ersprießliche und Heilsame durchzusetzen; selbst das Alter sieht ein , daß bei Verharren in dem bisherigen Zustande das Heiligste gefährdet sei, und das Heranwachsende Geschlecht ausarten müsse. Haben doch in der ganz jüngsten Zeit zwei Gemeinden Wreszna und Strzemeszna öffentlich durch das Amtsblatt bekannt machen lassen, daß sie einen zeitgemäßen Rabbiner suchen! Aber gute Vorsatze sind noch immer keine wirkliche Besserung. Für jetzt ist noch immer das Stabile so vorherrschend, daß das Neue sich nur durch die Autorität des Alten halten kann. Der alte Schlendrian dominitt noch im Ganzen und Großen; und er ist durch manche Vorgänge gewitzigt, jetzt sogar schlau geworden, und benützt nach seiner Manier, die Umstände. Er schmiedet das Eisen, weil es noch glüht. Es war trotz des Widerrufs in einigen jüdischen Blättern, gar nicht unwahr, was man vor einiger Zeit dem Publikum vortischle, daß eine Partei die Regierung angegangen sei, alle diejenigen, die den Sabbat entweihen und sich den Bart rasiren, nicht zum Eide more^idalev-zuzulassen. Allerdings soll es proponict, aber eben so entschieden zurückgewiesen worden sein. Eine andere authentische Thatsache ist, 'daß von einigen Rabbinern ein Rundschreiben veranlaßt worden sei, in dem sich die Rabbiner verpflichten sollten, keinen wissenschaftlich gebildeten Mann ein Zeugniß zu geben, und bei vorkommenden Wahlen vereint dahin zu wirken und das Volk zu bearbeiten, daß solch gottlose Creaturen, wie Männer der Wissenschaft es sind, nicht ankemmen. Gottlob hat nie zwischen den Bösen Friede und Eintracht geherrscht: cVr^ )\S\ Aus Mangel an Eintracht, weil manches Privalinteresse gefährdet schien, unterblieb es; vielleicht wohl auch, weil die, die es wollten, ein solches Schreiben nicht anzufertigen im Stande waren, und so groß ist die Unwissenheit dieser Obscucanten, daß dieses ganz glaublich erscheinen darf. Diese Männer schweigen durchaus nicht, und wenn sie auch das Licht scheuen und die öffentlichen Organe respectiren, so wirken sie desto nachdrücklicher, wo es nur irgend angehet, im Finstern schleichend» Ein Edict, welches manchem vielleicht bis jetzt ganz unbekannt sein mag, ist schon vor drei Jahren erwirkt worden, daß bei Rabbinerwahlen, wenn nur die geringste Opposition, die in ihrem Gewissen sich beeinträchtigt glaubt, sich vorfindet, und wie leicht findet sich bei den vielen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.