Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1842)
- Date
- 1842-03-12
- Page
- Seite 86 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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86 belassen worden. So wie daher die Anhänger und Verrheidiger des Alten und Herkömmlichen viel zu weit gegangen zu sein scheinen^ so wird der Freund eines vollkommen geläuterten und zeitgemäßen Gottesdienstes wünschen müssen, daß man noch einen Schritt weiter gegangen wäre, da, wie sich weiter unten ergeben wird, eine weitere Reduetion, selbst vom talmudischen Standpunkte aus, sich hätte rechtfertigen lassem Nichts desto weniger muß das Gebetbuch im Ganzen als ein .guter Versuch zur Rückkehr von dem Mißbrauche zu dem guten, alten Brauch, welches zugleich eine Rückkehr von der erstarrten zu der lebendigen und belebenden Form ist, angesehen werden. 2) Erweckung und Belebung der Andacht und Erbauung, die theils durch die lange Dauer des Gottesdienstes und noch mehr durch die Unverständlichkeit der Gebete säst völlig aus der Synagoge verschwunden war. Daher die Abkürzung vieler Gebete und der pentateuchischen Lectionen, die Aufnahme neuer erbaulicher Gebete und Gesänge in hebräischer und deutscher Sprache, die Responsen zur Beförderung der Theilnahme an dem Gottesdienste von Seite der Gemeinde und die fortlaufende, den hebräischen Text begleitende Uebersetzung. In dieser Beziehung ist geschehen, was unter den gegenwärtigen Umständen möglich war: die Wahl der hebräischen, aus dem sefardischen Machsor entlehnten Gebete kann glücklich genannt werden; die deutschen Gebete sind kräftig, dem lebendigen, religiösen Gefühle entquollen und acht israelitisch; die Responsen erhebend, an paffenden Stellen angebracht, die Uebersetzung gut, den Sinn des Originals treu wiedergebend. 3) Ausscheidung aller Gebete und Ausdrücke, in welchen ein gegen Andersgläubige und Andersgesinnte feindseliges Element waltet, und die sich im Laufe trauriger Jahrhunderte eingeschlichen haben. Daher die Entfernung des Mmn ax, vieler )xbo ÜOX und anderer Stellen, in welchen sich ein erbittertes Gefühl, ein nach Rache dürstendes Gemüth oder überhaupt eine inhumane Gesinnung kund gibt. Hierin ist das Gebetbuch eonsequent und durchgreifend. Ohne Rücksicht und ohne Schonung hat man jede Spur einer menschenfeindlichen Gesinnung aus den Gebeten getilgt und mit Entschiedenheit sich alles dessen entäußert, was nur immer an die Trauer einer finstern, dahingeschiedenen Zeit, an einen Kampf mit den Wekennern einer andern Religion erinnern könnte. Es ist dieses nicht das geringste Verdienst dieses Gebetbuches; denn nichts verträgt sich weniger mit einem richtigen Begriffe .von Gott, nichts weniger mit dem allgemeinen Gebot der Liebe, nichts weniger mit einer geläuterten Ansicht vom Gebete selbst, als solche Gesinnungen und Wünsche des Haffes, um deren Verwirklichung man die höchste Liebe anflchet. Zu oft waren auch dergleichen Gebete Veranlassung zu heftigen Angriffen auf Juden und Judenthum, als daß man eö der Tmpelgemeinde nicht Dank wissen sollte, ^hierin die Initiative ergriffen und ohne Rücksicht auf Alter und Autorität alles das aus der Liturgie entfernt zu Haben, was nur im Entferntesten Menschenfeindschaft athmet und mit der Liebe gegen die Brüder, ohne Unterschied des Glaubens, nicht bestehen kann. 4) Entfernung von Gebeten und Gebetsstellen, in welchen der Wunsch und die Sehnsucht nach der Rückkehr nach Palästina und der Wiederherstellung des Tempels und des Opsercultus sich ausspricht. Daher die Veränderung der Grellen ^rp ü!n{& hhbBa. “pjabo in don d'EOD der Sabbare und Festtage, des rf?nn:p \n im Mussaf der Festtage u. a. Wenn nun in dieser Beziehung ein bedeutendes Schwanken sichtbar ist, indem man die obengenannten und noch einige andere Gebete modisicirt, aber es doch nicht gewagt hat, eine gleiche Purisieation mit allen, als z. B. rby\ n$n u. a. vorzunehmen, so dürfen wir dieses den Verfassern des Gebetbuches nicht allzuhoch anrechnen; es ist dieses die Wirkung der Erschütterung, welche das Dogma vom Messias, mit welchem die Wiederherstellung der Nationalität, die Wiederaufbauung des Tempels u. s. w. zusammenhängt, erfahren hat. Die neueste Zeit hat besonders den politischen Theil dieser Lehre in Frage gestellt, aber nach keiner Seite hin theoretisch entschieden; mithin ist praktisch auch noch keine Ansicht mit Entschiedenheit geltend zu machen. Erst wenn es ausgesprochen sein, wird, daß wir unter der Hoffnung auf eine Erlösung nicht die Rückkehr nach Palästina, die Wiederherstellung des Tempels und die Herrschaft Israels über alle Völker, sondern die Erlösung der Menschen vom Wahn und Unglauben, den Sieg und die Ausbreitung verwahren Religion und die Verbrüderung der Nationen zu verstehen haben; erst wenn das Bewußtsein zum Durchbruch gekommen sein wird, daß das Judenthum keine andere Mission habe, als die Idee eines einzigen, höchst vollkommenen Gottes festzuhalten, bis sie Eigenthum der ganzen Menschheit geworden ist, wird eine Ausscheidung des Nationalen vom Reinmenschlichen und eine durchgreifende, entschiedene Geltendmachung des letztern möglich sein. Bis dahin werden nur partielle Versuche gemacht werden können, und mehr als ein solcher ist das vorliegende Gebetbuch in dieser Hinsicht auch nicht.' Fragt es sich nun weiter, ob einer einzelnen israelitischen Gemeinde die Befugniß zustehe, solche wesentliche Veränderungen der Liturgie vorzunehmen, ohne sich schismatisch von dem Ganzen zu trennen, so muß dieses unbedingt bejaht werden, wenn, wie das hier der Fall ist, der Grundtypus festgehalten wird, welchen der Talmud für dieselbe ausgestellt hat. Bei 1 den Gebeten muß Nothwendiges von Zufälligem, oder besser, Typisches von Accessorischem, wohl unterschieden werden. Zu dem erstern gehören yfiw mit den Benedictionen vor und nach demselben und rten, welche der Talmud schon als Gebete kennt und als nothwendige Bestandtheile des Gottesdienstes bezeichnet: Berachot Abschnitt 1 und 4. Orach Chajim 61 und 89. Alle Gebete vor -q-q und nach pp r.^DH oder ri^DH .jnttf kamen erst allmählig hinzu, waren ursprünglich nur für einzelne Fälle, Handlungen und Situationen, aber nicht dazu bestimmt, daß man sie täglich nach einander hersagen solle,