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Der Orient · 1842-03-05 · Heft 10 (5.3.1842) · p. Seite 74

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 10 (5.3.1842)
Date
1842-03-05
Page
Seite 74 (sequence 3)
Language
German
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- 74 — Idee von einem christlich-hebräischen Gottesdienste und andere dergleichen Anglomanien, und selbst wenn die Gesellschaft alle christlichen Formen zu opfern geneigt wäre, selbst wenn sie die Schriften des sogenannten alten Bundes als Norm proelamiren wollte: durch dieses Alles würde beim Judenchume, das wie das Christenthum ein historisch Gewordenes ist, nichts ausgerichtet. Aber diejenigen unter uns, die für die Emancipation unserer Brüder im Osten zu wirken im Stande sind, die zur Förderung eines Eo- (omsationsplans des heiligen Landes von Juden, durch Gesinnung und durch Ansehen ihrem Volke manche Kräfte weihen können, sollten in so kritischen und bewegten Zeiten nicht die Hände in den Schooß legen und feiern. Deutschland. Breslau, 21 Febr. Das neueste Heft der wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie bringt gleich zu Anfang eine Abhandlung des Herausgebers selbst, des Herrn Dr. Geiger, „die Aufgabe der Gegenwart" überschrieben. Möchten doch alle Rabbinen und Geistlichen eben so offen und freimüthig zu dem Publikum sprechen, wie es der gelehrte Verfasser jenes Aufsatzes thut; möchten sie doch alle eben so unumwunden und ohne Rückhalt ihre Ansichten vom Judenthume darlegen/ ihre religiöse Meinung bekennen. Nur solche Offenheit kann zum Ziele führen; wer an sich hält, gleichviel aus welchen Rücksichten, wer anders denkt als er scheint und spricht, der fördert Nichts, tragt Nichts zum allgemeinen Besten bei. Der Hr. Dr. Geiger spricht es klar und offen aus, daß er ein Reformer im weitesten Sinne des Wortes sein will, daß er nur das gelten lassen will, was ihm gut dünkt, daß die Autoritäten der alten Rabbinen, ihn den neuen Rabbinen nicht davon abhalten werden, dem Folge zu leisten, was die Gegenwart zu fordern und zu erheischen scheint. Bin ich auch dieser Ansicht durchaus nicht zugethan, ja läuft sie der meinigm auch schnurstracks entgegen, so bin ich'doch nicht so verblendet, das Verdienstliche des Hm.Drl Geiger zu verkennen, er gehört zu den Wenigen der, neuen Rabbinen, die den Widerspruch ihrer Gemeinden und des Publikums überhaupt nicht fürchten; ihm gilt es gleich, ob durch seine Äußerungen sich seine Parthei um ein Bedeutendes, mehrt oder nicht. Er hat nur die Sache im Auge, (egt sein Glaudensbekenntniß offen ab, und ein Jeder weist was er von ihm zu halten hat, was er von ihm erwarten und verlangen darf. Es kann daher den geschätzten Vers, durchaus nicht Wunder nehmen, wenn er von einer andern Seite Widerspruch findet, ja es kann ihm nur lieb sein, wenn man sich eben so offen gegen ihn ausfpricht, als ec gegen andere. Hr. Dr. Geiger will das biblische Judenthum anerkannt wissen, und klagt darüber, daß theils der Muth gefehlt, theils politische Gründe davon abgehalten haben, demselben Geltung zu verschaffen. Ich glaube den Herrn Dr. Geiger recht zu verstehen, wenn ich der Meinung bin, ihm sei die Tradition lästig, die mündliche Ueberlieferung sei eine überflüssige Muckende Zugabe, deren Annahme das Judenthum durchaus nicht bedingt. So denken gewiß noch manche seiner Amtsbrüder, aber auszusprechen wagt es Keiner. Und warum nicht? Die Wahrheit hat die Kritik nicht zu scheuen, das Sonnenlicht kehrt sich nicht'um die Klage der Eule. Wie sieht es aber um die Ansicht selbst aus? Mir deucht sie eine durchaus verwerfliche, ja widersinnige. Ein rein biblisches Judenthum hat in der Wirklichkeit me existirt, ja kann nicht existiren, ist eine fixe Idee. Die Bibel ist gar nicht zu verstehen ohne Tradition, ist ein verschlossenes Buch, dessen Inhalt nicht zu entrathseln ist. Oder hält Hr. Dr. Geiger die Israeliten zu Moses Zeit für so gebildet und gelehrt, daß sie den Gesetzgeber ohne alle Erläuterung verstanden hätten? Weist nicht die Bibel selbst an unzähligen Stellen auf eine mündliche Auseinandersetzung hin? Wie kurz und brachylogisch ist nicht so manches Gebot aufgeführt, das ohne 'Tradition gar nicht zu verstehen ist. Wohl möglich, ja wahrscheinlich, daß sich in diese Tradition manches Fremdartige und ,Unechte mit eingemischt, aber ganz ohne Tradition können wir nicht bestehen. Wer es sich aber unterfangen will, das etwanige Fremdartige auszuscheiden, der nehme sich wohl in Acht, daß er das Kind nicht mit dem Bade ausschütte, daß er nicht frevle und Hand anlege an Gottes Wort; die wahre Tradition auch nur in Einem Punkte beeinträchtigt zu haben, ist Frevel und Sünde, und besser schernts fürwahr, auch das Unechte, zumal da es gewiß unschädlich ist, mit aufzunehmen, als ein Gotteswort angetastet zu haben. — s — Rußland. Petersburg, 12. Febr. In Bezug auf das vor einiger Zeit den Juden gestattete Recht, in Riga ihren Wohnsitz nehmen-zu'dürfen, wogegen die dasige Kaufmannschaft Protest eingelegt,- ist jetzt vom Kaiser' nachstehendes Gutachten des Reichsrathes bestätigt worden: ,,1) Denjenigen Hebräern, welche thatsächlich bis jetzt ihren beständigen Aufenthalt in Riga gehabt haben, soll es erlaubt sein, sich bei dieser Stadt einzuschreiben und daselbst wohnhaft zu bleiben, ohne jedoch des Rechts der Bürgerschaft zu genießen oder unbewegliches Eigenthum erwerben zu dürfen. 2) Den Hebräern, nicht nur aus andern Gouvernements, sondern auch aus der Vorstadt Schlock, ist es von nun an definitiv verboten, nach Riga überzuziehen und sich daselbst wohnhaft zu machen. 3) Den Hebräern „ welchen es kraft dieses Reglements

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