Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 9 (29.2.1842)
- Date
- 1842-02-28
- Page
- Seite 70 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360211--2366-3529124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 Seiten der Vorgesetzten auch die äußere Reinlichkeit, der Anstand und die blühende Gesichtsfarbe in erfreulichem Wachsrhume begriffen war. Ueber die ausgezeichneteren Persönlichkeiten, die ehemals oder jetzt als Direktoren einst oder noch als Lehrer, oder endlich als frühere Schüler mir der israelitischen Freischule in nähere Beziehung getreten waren oder noch jetzt in einer solchen zu ihr stehen, behalte ich mir kurze biographische Notizen vor. -Auch sollen, falls dies bis dahin nicht von anderer Hand geschehen, statistische Auszüge auS dem mit Klarheit und Sachkenntniß geschriebenen Programme des Hrn. Dr. Kley gegen werden. Leipzig, 8. Febr. (Beschluß.) Wenn man die Zulässigkeit einer solchen gemischten Ehe vom Standpunkte der Gesetzgebungspolitik aus prüfen will, so muß man sich vorher das Wesen der Ehe vergegenwärtigen. Ihre Grundlage ist ein physisches Verhältnis', ihre Substanz ist ein sittliches Verhältniß, welches jedoch nur mit seiner äußerlichsten und darum dürftigsten Seite in das Rechtsgebiet hineinragt uvd von diesem namentlich die Form der Eingehung erhält (weil die Ehe auch ein Rechtsverhältnisist, muß die Form der Eingehung derselben an eine juristische Thatsache geknüpft werden). Endlich ergreift die Religion, wie alles Irdische, so auch die Ehe, um sie zu läutern, zu verklären und zu heiligen. Niemand trägt Bedenken, die Ehen der Juden unter einander, der heidnischen Römer, der Namenchristen für wahre -gültige Ehen und sittliche Verhältnisse zu erklären, wenn sie gleich der höhern christlichen Weihe entbehren. Wenn daher auch mit den Ehen zwischen Juden und Christen notwendig ein Indifferentismus verbunden wäre, welcher sich mit dem den Christen und Juden gemeinsamen Glauben an einen per-; sönlichen, allmächtigen, allweisen, liebenden und gerechten Gott, an das Sittengesetz, Unsterblichkeit und Vergeltung nach dem Tode begnügte, so würde man einem solchen Verhältnisse doch darum den zur politischen Existenz der Ehe erfoderlichen Grad von Sittlichkeit nicht ab sprechen können. Wollte man aber das Hinderniß nicht im Mangel am wahren Glauben, sondern umgekehrt in dem Vorhandensein eines verschiedenen Glaubens finden, der den sittlichen Begriff der Ehe, Gemeinschaft aller Lebensverhältnisse, zerstöre, so ist Dem zu entgegn.n: Je tiefer die Verschiedenheit, desto stärker muß allerdings die gegenseitige Liebe sein, um sie zur Einheit zusammenzuhalten. Daß zwei Menschen bei aller religiösen Differenz einander herzlich lieben können, wird Niemand läugnen. Diese Liebe wird in beiden Theilen ein ernstliches Bestreben zur Aufhebung des religiösen Gegensatzes Hervorrufen, und somit m dem Anstreben zur Einheit die Einheit selbst vorhanden sein. Man meint wohl, solche Bekehrungsversuche würden, statt zur Einheit, zur Uneinigkeit und zu einem fortwährenden heimlichen Kriege führen. Das ist aber nur dann wahr, wenn die Bekehrung auf einem abstract verständigen Wege durch Religionsdispute oder gar. durch Intriguen versucht wird. Diesen Weg einzuschlagen ist allerdings lieblos, unsittlich und verderblich. Die wahre Liebe achtet und liebt die Eiaenthümlichkeit des Andern und will, daß derselbe, ohne diese aufzugeben, mit Freiheit das Wahre erwähle. Damit nun aber . der Andere in Wahrheit wählen könne, muß jeder Thekl ängstlich bemüht sein, nicht die Eigenthümlichkeit seines Glaubens zu verstecken (was ohnedies schon als Verläugnung der erkannten Wahrheit und als Mistrauen in den Gatten unsittlich wäre), vielmehr sein ganzes Leben in Wort und Wandel zum Ausdruck und zur Darstellung seines Glaubens zu machen und durch dieses Leben zu zeigen, daß der Glaube, dessen Ausdruck es ist, die Kraft besitze, „vor Gott und vor Menschen beliebt zu madjen", d. h. zu beseligen und zu heiligen. Dies ist die für Ehegatten verschiedenen Glaubens unter einander allein richtige, aber auch gebotene Missionsrhätigkeit. Mit dieser wird sich aber auch jeder wahrhaft, d. h. nicht blos in äußern Handlungen, fromme Christ oder Jude begnügen können und müssen. Denn einmal würde er nie glauben, er thue für das Seelenheil seines Ehegarten zu wenig, da das Streben, den eignen Glauben im ganzen Leben darzustellen, einen ununterbrochenen angestrengten Kampf mit der Sünde erfodert; und andererseits weiß cr, daß aller Erfolg in Gottes Hand liegt und er, das gute Mittel-ernstlich brauchend, vertrauungsvoll die Erreichung des Zweckes Gott anheim stellen, nie aber, um nur den Zweck zu erreichen, das die sittlichen Rechte des Andern kränkende, also unsittliche Verfahren der Proselytenmachern Anschlägen darf. „Aber die religiöse Erziehung > der Kinder aus solchen Ehen ist rein unmöglich!" O dieses Heuchlergeschlecht, dessen Christenthum nur mit der Verachtung Andersglaubender bestehen kann, und verloren ist, sobald man in die Lage kommt, Juden achten und lieben zu müssen. „Vordem Gedanken an eine Ehe mit Juden schaudert unserm christlichen Gefühle!" Nun, es will euch ja auch Niemand zwingeneinen Juden zu Heimchen; aber mit welchem Rechte wollt ihr, daß euer Schauder, den ihr zwar einen christlichen nennt, von dem ich aber glaube, daß er vom Vater des Hasses, dem Teufel, stamme, für Menschen , die gesunder organisirt sind, maßgebend sei? „Das sind die frechen modernen Ansichten der französischen Philosophie, wir aber wollen bei der guten alten deutschen Sitte bleiben und die Religion achten." Darauf mag euch Dr. Luther, der wohl eben so deutsch und eben so christlich war als ihr, die Antwort geben: „Die fünfte Ursache, die der Papst erdichtet hat, die Ehe zu wehren, ist Unglaube, nämlich daß ich keine Türkin, Jüdin oder Ketzerin nehmen soll. Mich wundert, daß sich die Freveltyrannen nicht in ihr Herz schämen, so öffentlich wider dm heiligen Text Pauli 1 Kor. 7 sich setzen, da er spricht: Will ein heidnisch Weib oder Mann bei dem Christen-Gemahl bleiben, so soll er sich nicht von ihr scheiden. Und St. Petrus 1 Petr. 3 sagt, daß die christlichen Weiber sollen guten Wandel führen, daß sie damit ihre unchristlichen Männer bekehren, wie St. Augustin's Mutter Momca thut. Darum wisset, daß die Ehe ein äußerlich leiblich Ding ist wie andere weltliche Handtierung. Wie ich nun mag mit einem Heiden, Juden, Türken, Ketzer effen, trinken, schlafen, gehen, reiten, kaufen, reden und handeln: also mag ich auch mit ihm ehelich werden und bleiben. Und kehre dich an der Narren Gesetz, die solches verbieten, nichts. Man findet wohl Christen, die ärger sind im Unglauben inwendig, und derer das mehrer Theil, denn kein Jude, Heide oder Türke oder Ketzer. Ein Heide ist eben sowohl ein Mann und Weib von Gott wohl und gut geschaffen, als St. Peter und St. Paul und St. Lucia. Schweig denn, als ein loser, falscher Christ!"