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Der Orient · 1842-02-12 · 7 (12.2.1842) · p. Spalte 105-106

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
7 (12.2.1842)
Date
1842-02-12
Page
Spalte 105-106 (sequence 5)
Language
German
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105 Jüdische Altertumskunde. Die Beschneidung bei den Israeliten (Strabo). IW die Operation entfernten Organe hervorzugehen scheint. Zu dieser Annahme könnte die Ordensregel der strengen Sekte der E ssa e r unter den Israeliten, welche zur Zeit unsres Strabo in voller Blüthe gestanden haben muß, berechtigen. Diese Sekte, mochte aus religiösem Fanatismus und zur Erhaltung ihrer physischen Keuschheit, und moralischen Sitcenreinheit unter andern ascetischen Vorschriften, auch die der Verschneidung mit ausgenommen haben, wie doch bekanntlich auch das Heirathen von Frauen bei dieser Gesellschaft untersagt und die Ehe und die Kindererziehung als weltliche, von der stillen Betrachtung ablenkende Momente in dieser Brüderschaft verpönt waren. Hier finden wir denn auch schon bei den Essaern die vorgebildete und deutlich ausgesprochene Idee des im spätem christlichen Mittelalter beiden Mönchen eingeführten Cölibats, dessen Einführung zwar Gregor dem Großen zu verdanken ist, dessen Entstehung jedoch-wie wir hier sehen, bei den Essaern zu suchen sei. — Ueberhaupt finden wir eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen der einfachen, harten Sittenordnung und dem züchtigen Lebenswandel der israelitischen Sekte der alten Essäer zu Christus Zeiten einerseits und den strengen Ordensregeln der Baarfüßler, Flagellanten und anderer christlicher Mönchs- Orden im Mittelalter andererseits; und nicht ohne Interesse dürfte es sein, hier daraus hinzudeuten, wie die Idee der Ascetik und einer gewissen Reinheit des Lebenswandels aus dem grauesten Alterlhume her durch die Sekte der Pythagoräer, der Stoiker, der Essäer, der Styliten, Flagellanten, Baarfüßler, Quaker, Herrnhuter,- Chassidim (im eigentlichen Wortsinn) und Trappisten bis auf die neueste Zeit herab mit einer gewissen Consequenz sich Nachweisen und im Zusammenhänge verfolgen laßt. Jedenfalls können wir die Sekte der Essaer als ein Prototyp aller spätem christlichen Mönchsorden ansprechen. Wir geben hier unsre subjektive Ansicht, zu der uns die Erklärung des Ausdruckes ixropixl bei Strabo brachte, und überlassenes dem individuellen Urtheile eines Jeden, den angeführten Ausdruck nach einer der angegebenen Weisen zu erklären. So viel aber steht fest, daß das Wort hropal hier als Beschneidung unmöglich aufgefaßt werden kann, da es Hier in Verbindung mit, und dicht hinter dem Worte Ttsgiro^a], welches der eigentlich bezeichnende und technische Ausdruck bei den Griechen für circiimcisio, Beschneidung ist, sich findet. Auffallend bleibt es jedoch, daß Strabo beide Ausdrücke tceql- und hropm hier im Pluralis gebraucht hat, gleichsam als wollte er andeuten, daß dergleichen Operationen an mehreren Theilen des menschlichen Körpers zu verschiedenen Zeiten vorgenommen werden könnten. Strabo scheint selber bei dieser Angabe sich keiner klaren Ansicht über die Bedeutung der gebrauchten Ausdrücke vollkommen bewußt gewesen zu sein, denn er umgiebt diese Gebräuche mit dem Nimbus emes dunkeln Aberglaubens, indem sie, nach seiner Angabe, ihren Ursprung einzig und allein der 8siGidca[iovia verdanken. Untec ösiGiöcniiovict versteht Strabo Furcht vor Dämonen, wie wir etwa heute Geister- und Gespensterfurcht sagen würden, ein Anerkennen dunkeler, im Finstern waltender Machte. Diese östäiöcufiovlct des Strabo erinnert an die spätere kabbalistische Ansicht von bösen und guten Geistern, die ursprünglich aus Chaldäa stammt. Ob aber dem Strabo bei der Annahme, daß die Beschneidung blos aus Aberglauben entstanden sei, irgend eine historische Basis oder eigene genaue Erfahrung zu Grunde gelegen hat, oder ob er dieses blos als hypothetisch hingestellt wissen will, ohne für dessen Richtigkeit Bürgschaft leisten zu wollen, können wir bei der Entfernung der Zeit und dem Mangel an andern Beweisstellen aus gleichzeitigen Autoren ebenso wenig, als aus unsrer Stelle selbst beweisen. Wir möchten uns zur letztem Ansicht, der zu Folge die von Strabo angenommene Herleitung der Beschneidung aus Dämonenverehrung einer Hypothese gleich zu achten ist, zu bekennen deswegen für geneigt uns erklären, weil wir schon eben bei Herodot und Diodor, die doch als glaubwürdigere Historiker in ihren Berichten mehr Vertrauen, als Strabo verdienen, auf eine ähnliche willkührliche Annahme in Betreff der von ihnen nur oberflächlich gekannten Israeliten, und namentlich der Beschneidung, aufmerksam zu machen Gelegenheit fanden; und somit tritt die Stelle aus dem Strabo uns als ein neuer schlagender Beleg entgegen, daß man den exoterischen Schriften in Bezug auf israelitische Alterthumskunde durchaus kein vollgültiges Urtheil zugestehen darf. Bedenkt man überdies, von welchem Standpunkte aus unser Strabo den Gesetzgeber Moses betrachtet, wie er ihn mit Orpheus, Musaus und Amphiareus in Parallele zu stellen keinen Anstand nimmt, ihn geradezu für einen persischen Magier, einen indischen Gymnosophisten halt und nachdem er die verschiedenen Arten von Zauberern, Zeichendeutern, Schlangenbeschwörern und Weissagern bei den mannigfaltigen alten Völkern durchgegangen ist, mit dem fast wegwerfend und verächtlich klingenden Satze: Toiovvog 8b ug r\v xal 6 McoG-rjg, d. h. von dieser Art etwa war denn auch der Moses, schließt; so wird man sich nicht wundern, wie er auch die Beschneidung aus 8tiGi8aiiiovici herzuleiten wagen konnte. Schließlich bemerken wir noch, daß die hiervon Strabo vocgetragene, vornehm philosophisch klingende Ansicht, daß Moses nur ein Persischer Zauberer gewesen sei, in der jüngsten Zeit wieder aufgetaucht und von mehrern kritischen Bibelexegeten,wie von B o h l e n, V a t k e, als eine neue originelle Idee aufgefangen wurde, wahrend sie schon, wie sich hier zeigt, Strabo vollkommen kannte und vortrug. (Fortsetzung folgt.)

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