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Der Orient · 1842-02-12 · Heft 7 (12.2.1842) · p. Seite 55

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 7 (12.2.1842)
Date
1842-02-12
Page
Seite 55 (sequence 13)
Language
German
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55 Schreibe n. Hochwürdige Herren Prediger! Hochzuverehrende Herren Direetoren! In einem Schreiben vom 12. und 28. November v. I. liefen Sie, unter gütiger Beisendung des neu erschienenen Gebetbuches für den israelitischen Tempel zu Hamburg, die ehrenvolle Aufforderung an mich ergehen, Ihnen mein Gutachten über dieses Gebetbuch zur Steuer der Wahrheit zukommen zu lassen, da ein feindlicher Angriff von Seiten des dortigen Chacham Herrn Bernays es als verdammenswerth erklärt und den Gebrauch desselben untersagt. Wenn Gegenstände, derer sich die Polemik bemächtigt, -- wie bei dem in Frage -stehenden, über den theils in Zeitungsartikeln, Lheils in Flugschriften, worunter ich die des ehrenwerthen Hrn. Dr. Salomon als die mir vollständig bekannte anführe, sich Stimmen vernehmen ließen — die Aufmerksamkeit in hohem Grade erregen und zu einer strengen rücksichtlosen Kritik auffordern, um einen Standpunkt zu erringen, auf welchem wir über dem Kampfe stehen und die Gründe sowohl dieser als jener Partei nach ihrem innern Gehalte zu würdigen vermögen: so ist bei der vorliegenden, die heiligsten Interessen berührende Frage, die, abgesehen von Rede und Gegenrede, von Verdammung und Vertheidigung, von Autorität und Erklärung der Incompetenz dieser Autorität, eine tief in das religiöse Leben eingreifende Reformirung in Vorschlag bringt und dem Blicke des Forschers sich als mit mehren Zeitfragen tief verzweigt manifestirt, die Pflicht des ruhigen parteilosen Prüfens um so unverbrüchlicher; und darf weder die Besorgniß, als Zelot oder Heterodox ausgerufen zu werden uns von der Kundthuung unserer Ueberzeugung zurückhalten, noch die verwerfliche Rücksicht, uns der einen oder der andern Partei angenehm zu machen, zu einseitigem Urtheile verleiten. Ich habe das neue Gebetbuch einer strengen Kritik, indem ich alle Stellen genau durchging, unterworfen und es stellte sich mir das Urtheil fest, daß Herr Bernays in der Art, wie er seine Meinung über dieses Gebetbuch aussprach, ein einem Geistlichen und Rabbiner nicht würdiges Verfahren eingeschlagen habe. Herr Bernays hat in mehrfacher Hinsicht gefehlt. - Er vergaß, daß nicht verketzernde und gehässige Gesinnung, sondern Milde und Liebe nur belehren, daher derjenige, der das Göttliche zu vertreten berufen ist, sich von individuellen Rücksichten so wie von Fanatismus fern halten muß. Und sei auch die Absicht, für Gott zu eifern, treibt, die Sorge um das Heilige, mit Wort und Ausspruch hervorzutreten, so liegt dem wahrheitliebenden denkenden Manne ob, das Edle der Triebfedern von dem Unedlen zu scheiden, dem Fanatismus, der gern sein Gebilde an Gottes Stelle setzt, keinen Einfluß zu gestatten und daher die Verdammung auf die engsten Grenzen zu beschränken. Daß Hr. Bernays mit blinder Heftigkeit austrat und sich zu der Annahme verleiten ließ, die aus diesem Buche Betenden gehören nicht dem Iudenthume an, muß ihm eine harte Rüge, wie solches Hr. Dr. Salomon gethan, zuziehen z und muß solcher Fanatismus im Namen aller mit der Bildung fortschreitenden Rabbiner mit Unwillen zurückgewiesen werden. Nicht minder ist Hr. Bernays sehr zu tadeln, daß er über 'den in Frage gestellten Gegenstand sich nicht erhebend, das Ganze des gegenwärtigen Iudenthumes aus den Augen verlor und den finstern Geist dahin geschwundener Jahrhunderte wieder heraufbeschwören will. Ist doch dieses eine tyeuer genug erkaufte Errungenschaft, daß wir einander dulden und ertragen lernten und nicht den Bruder, der in dieser oder jener Ansicht, in der Nichtbeachtung manches Herkömmlichen von uns abweicht, als ketzerisch und gottvergessen verdammen und verfolgen. Das Göttliche im Iudenthume soll bewahrt werden: und kann auch das leichtsinnige, der Zeit und ihren Genüssen sich anschmiegende Aufgeben des von den Vätern Ererbten nicht Billigung erhalten, muß auch das mit dem Heiligsten unter dem Scheine, Licht und Aufklärung zu verbreiten, oft getriebene frivole Spiel mit dem tiefsten Unwillen erfüllen, so darf doch nicht allgemein solche Absicht vorausgesetzt werden: muß die ehrenwerthe Gesinnung jener Männer, die dem Iudenthume viele Opfer zu bringen bereit sind und mit inniger Liebe an ihm hängen, die mit warmen Eifer das Iudenthum gegen Außen vertreten und' es seinem innern Werthe nach geltend zu machen suchen, muß das Streben den Namen „Jude" hochzustellen und ihm die ihm gebührende Achtung zu verschaffen, mit Anerkennung berücksichtigt und mit vollster Gerechtigkeit gewürdigt werden. Nicht die Gesinnungen zu unterjochen, sondern die Gemüther zu gewinnen und sie einander zu nähern soll das Ziel sein: der Weg aber, den Hr» Bernays eingeschlagen hat, ist der des Unfriedens und der Zwietracht, der zur Absonderung und Zersplitterung führt, einen feindlichen Gegensatz, ein zerstörendes, vernichtendes Ankämpfen erweckt, statt die lebendigen Elemente in Israel in eine innige Verbindung zu bringen: ist der Weg, auf welchem der finstere Geist der gegenseitigen Anfeindung und des innern Zerwürfnißes von Neuem ins Leben gerufen wird. Nicht minder ist die stabilistische Tendenz des von Herrn Bernays ergangenen Jnterdicts — njTPD — zu misbilligen. Welche Gefahr man auch von dem Fortschritte fürchten mag, da er mitunter in zu rascher Progression vorwärts eilt, so können ihm doch nicht Fesseln, die ihn ganz hemmen, angelegt werden, noch wollen wir je solches versuchen, da der Fortschritt, so lange er nicht in ein zügelloses Verwerfen ausartet, als ein Göttliches und in unserer Bestimmung Bedingtes sich manifestirt. Mit den Waffen des vor mehren Jahren ausgesprochenen Jnterdicts auftreten wollen, ist eine Verkennung der Zeit und ihrer Bedürfnisse, legt ein kaum zu entschuldigendes Uebersehen des Damals und des Jetzt an den Tag: zeugt von einem Stillstände, der den Anforderungen an einen geisteshellen Rabbiner" durchaus nicht entspricht und der, ist er erkünstelt und mit Bewußtsein hervorgerufen, um so ver-

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