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Der Orient · 1842-02-12 · Heft 7 (12.2.1842) · p. Seite 54

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 7 (12.2.1842)
Date
1842-02-12
Page
Seite 54 (sequence 11)
Language
German
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54 Angriff gegen dieses vom dogmatischen Standpunkte aus, von vorgeschnebenen Satzungen und Regeln geschah, die sogar an sich manches Schwankende in dieser Hinsicht haben; es konnte daher nicht schwer fallen, Nachweise zu liefern, daß das Gebetbuch den religiösen Anforderungen genüge: ja man wird nach mancher erschienenen Broschüre zu schließen versucht, die Redaktion sei von der Unantastbarkeit dieser Satzungen durchdrungen gewesen und habe sie sich zur festen Norm gemacht. Aber wir glauben, sowohl von der einen als der andern Seite ist hierin gefehlt, daß man beim Buchstaben, beim Citiren des auf Papier und Pergament Geschriebenen stehen bleibt und nicht das im Herzen Geschriebene berücksichtigt. Was dem Gemüthe zu seiner Erhebung, zu seiner Anhänglichkeit an Gott, zu der, Leiden und Widerwärtigkeiten besiegenden, Hingebung noththut, dieses ist das wahrhaft Gebotene, spricht auch keine Regel und Satzung dafür. Letztere sind mehr, wie einer unserer srühern Schriftsteller bemerkt, für das Aeußere: für das Wesen des Glaubens, für die göttlichen Forderungen in uns findet keine Abgrenzung durch Buchstaben und Satzung statt. Und solches gilt nicht minder für die religiösen Gefühle : wovon das Gemüth sich ergriffen fühlt, was im Volke durch dessen innige Anhänglichkeit daran lebendig ist, das wolle man ja nicht mit der Kälte des Verstandes und mit Berufung, daß nicht gegen Satzungen verstoßen wurde, ihm wegdemonstriren. Daß es durch dieses in ihm Lebende sich zu Gott gezogen fühlt, ist die heiligste Satzung, die kein Spruch, keine Regel umzustoßen vermag: daß wir, so wir dieses Lebendige in ihm ertödten, ihm mehr rauben als wenn wir es von andern tobten' Satzungen und Regeln dispenst'ren, ist Jedem, der in seinem Volke lebt und über dessen Gefühle denkt und forscht, klar; und es kann daher mancher Unwille über jene scheinbare Reverenz gegen das Bestehende, das nach gelehrten Citaten und Nachweisungen nicht angegriffen sein soll, kaum unterdrückt werden. Das unter und in uns Lebende, das nach oder ohne Satzung zu einem kräftig und tief Gefühlten erwuchs, muß berücksichtigt werden: wird dieses übergangen, beruft man sich in der Voraussetzung, daß das Gefühl nicht Worte finden und seine Ansprüche nicht durch Verstandes gründe vertheidigen könne, auf Nichtübertrettmg der Satzung und Regel, so scheint eine Verkennung des Gemüthes zu Grunde zu liegen und gehet schon hieraus die Nichtbesähigung, über unsere Gefühle zu urtheilen und Reformationen vorzuschlagen, hervor. Das uns Durchwehende und Durchdringende sei die Satzung: und was sich überlebt haben wird, das kann im Gegenteile nicht durch Satzung wieder aufgefrischt werden. Wird das Volk das hebräische Gebet zurückweisen, wird es weder an seiner Form noch an seinem Inhalte mehr Gefallen finden, dann muß ihm Anderes, und wenn auch vor der frühesten Mischna diese Gebete anempfohlen wären, gegeben werden. Nicht die Regel, nicht die Theorie, nicht die Kritik darf je auf das Umstoßen der religiösen Gefühle einwirken: und wollen wir sie läutern, ihnen eine edlere Richtung geben, so laßt vor Allem uns ihre Nichtverletzung im Auge behalten, wollen wir erwägen, daß der schnelle Uebergang nur Verwirrung in den Gemüthern veranlassen und sie jedes Haltes berauben würde. Dieser Vorwurf kann übrigens dem Kempelvereine, in sofern er sich wirklich in dem Falle befindet, daß das in so vielen Gemüthern Lebende für ihn schon ein Ueberlebtes sei, nicht treffen; denn dann wurde es ihm heilige Pflicht, zu resormiren und ein ihm Genügendes zu geben. Ob letzteres ihm gelungen, daran zweifeln wir sehr; denn nicht auf das Uebertragen der Gebete, sondern auf deren gänzliche Umänderung hätte er sein Augenmerk richten und sich der engen Fesseln der Satzungen und Normen für die rfon entwinden müssen. Doch liegt uns hierüber zu urtheilen weniger ob, und stellen wir es den Besuchern des Tempels anheim, in wie fern sie in diesem neuen Gebetbuche sich befriedigt finden. Hingegen glaubten wir unfern Tadel über manche gewaltsame und unnöthige Aenderung um so unverhohlner ausdrücken zu müssen, als der Tempelverein sich doch nicht ganz von dem Bestehenden trennen wollte; so wie wir auch durch die auffallenden Jnconsequenzen und Jncorrectheiten uns über den Mangel einer Liefern besonnenen Würdigung auszusprechen veranlaßt sahen. Der Unterzeichnete, hat wie jeder Leser erkennen wird, sich nicht von dem Bestreben, sich die Gunst einer Partei zu erwerben, leiten lassen; und er kann daher sein Urtheil hinsichtlich des Verfahrens des Herrn Bernays nicht zurücknehmen. Es genüge zu bemerken, daß die Direktion des Tempelvereins einen Dr. G. Ri esse r zu ihrem Mitgliede zählt: einen Mann, der für die Rechte seiner Glaubensbrüder mit dem hmgebendsten Eifer in die Schranken trat und für sie mit unerschütterlicher Geisteskraft kämpfte; einen Mann, dessen Name schon dafür bürgt, daß die Mitglieder des Tempelsvereins keineswegs zu verketzern und als Abgefallene anzusehen seien. Der Tempelverein hat an seiner Spitze Dr. G. Salomon, der schon seit vielen Jahren durch seine Predigten Licht nach Innen und Außen verbreitet: ihm kann das Verdienst, aus viele der jetzigen jüdischen Volkslehrer eingewirkt und sie zu allgemein verständlichen Vorträgen angeregt zu haben, nicht abgesprochen werden: und wie er für seinen Glauben und seine Brüder fühlt, hat er in seinem Sendschreiben an Th. Hartmann zur Genüge bezeugte Es sei daher fern, solchen Männern nahe treten zu wollen; und muß auch im Interesse der Religion und der Wissenschaft sich die Stimme gegen das neue Gebetbuch des Tempelvereins erheben, so verbleibt nichtsdestoweniger jenen Männern die Achtung jedes Billigdenkenden und erblickt er in diesem Gebetbuche nur einen jener Mißgriffe, deren sich der Sterbliche, wie hehr und groß er gestellt sei, mitunter nicht erwehren kann. fötanith

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