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Der Orient · 1842-02-12 · Heft 7 (12.2.1842) · p. Seite 56

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 7 (12.2.1842)
Date
1842-02-12
Page
Seite 56 (sequence 15)
Language
German
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— 55 damwlicher erscheint Die Zeit, Oräkelsprüche vom Dreistuhle herab zu ertheilen und Blitzstrahlen Hinzuschleudern ist vorüber; und welcher helldenkende Lehrer wird sie, die dem eigentlichen Geiste-des Glaubens stets fremd war, zurückrufen wollen-! Daher dürste es Herrn Bernays nicht genügen, unter Berufung auf zweifelhafte Autoritäten einen in einer sehr veralteten Form abgefaßten Machtspruch ergehen zu lasten : mit den Waffen der religiösen und geistigen. Uederzeugung hätte gekämpft werden sollen, wäre nachzuweisen gewesen, worin, gefehlt, was verdorben und wie zu verbessern sei; auf solchem Wege allein ist der Verirrte wieder zugewinnen und Jener, der noch nicht geirrt vor Abirrung zu retten: das stolze, categorische unmotivirte Absprechen, wen überzeugt es, welche Kraft entwickelt es, zu wessen Gunsten soll es wirken? Der Vernünftige stehet darüber weg , denn er erkennt in ihm nur ein absolutistisches Streben, ein Geltendmachen geistlicher Rechte, das dem Wesen der Religion fremd ist; der Nichtdenkende wird zwar durch solche Machtsprüche eingeschüchtert werden, aber er verliert mehr als er gewinnt; Vorurtheil, Aberglaube und Obscurantismus werden befördert: und dieses sollte das Ziel des religiösen und geistigen Strebens sein? . Die Weise, in der Hr. Bernays verfahren, scheint mir daher sehr tadelhast; er hat nach meiner Ansicht die ungeeignetsten und unserer Zeit am meisten widersprechenden Mittel zur Bekämpfung des neuen ihm nicht zusagenden, Gebetbuches ergriffen. Ich wende mich nun aber von Hrn. Bernays ab und ,ache zu,dem Gebetbuche.über., .um den Weg, welchen die Redaerion eingeschlagen, die Richtschnur, die sie sich dabei gesetzt, die Absicht, von der sie sich leiten ließ, aus Dem, was dieses Buch bietet, zu erforschen: und hier dringt sich mir die traurige Ueberzeugung auf, daß, welches auch die Absicht der Herren Redactorm gewesen sein mag, ein Dreifaches vermißt werde: d a s w i fs e n sch a f t liehe Princip, der heilige, R e form irun gen so l ch e r Art n o th wendige Ern st, das Eingehen in das Gemüth und seine Forder u n g e n. Was nun auch immer die Veranlassung zu diesen Mangeln gewesen sei, vielleicht daß die »Herren Redactoren die Rcdaetion theilweise Vornahmen und sich über manchen Punkt nicht einigen konnten, oder daß das Herannahen der Festtage Eile gebot und die Verwendung der gehörigen Sorgfalt nicht erlaubte, das Buch in feiner Absolutheit betrachtet ist, Sie verzeihen meine Herren! das harte Wort, ein in vieler Hinsicht verfehltes und dürfte nach meinem Dafürhalten auf Billigung und Anempfehlung nicht Anspruch machen. Schon daß das Buch nackt hingestellt wurde, und mit Ausnahme einiger dürftigen Notizen kein Motiv für das Beidchaltene und Weggelassene angibt, erweckt gegründeten Zweifel, ob ein wissenschaftliches Princip hier der Regulator gewesen sei. Wenn an Hrn. Bernays zu rügen ist, , daß er trocken sein Verdammungsurtheil hinwirst, so muß diese Rüge nicht minder die Redactiorr treffen, die ebenfalls in der Aus¬ ' Verlag von C. L. Fritzsch'e. lassung und Aenderung mancher Gebetstücke ein Verdammungsurtheil ausspricht, ohne eine Motivirung anzugeben. Ist doch dieses das Wesen der Wissenschaftlichkeit, daß sie nichts erbetteln-und erschleichen -will, nicht das Gewand, des stolzen vornehmen Verwersens umthut und mit dem Nimbus einer allen Widerspruch verächtlich zurück'weisenden Suprematie zu glänzen sucht, sondern im Bewußtsein ihres guten Rechts ihre Ueberzeugung zu einer allgemeinen zu machen strebt und mit Gründen, deren Gültigkeit nicht in Abrede gestellt werden kann, hervortrittt Die Redaction hat, was sehr zu bedauern ist, in dieser Hinsicht sogar noch mehr als Hr. Bernays gefehlt: diesem stand eine mehrhundertjährige Geschichte zur Seite, er will erhalten wissen, was seit vielen Jahrhunderten ein Gemeingut der Natron geworden, was in allen israelitischen Rethäusern Deutschlands wiederhallt, wovon Lausend und abermal tausend Gemürher ergriffen sind und woran sie mit unbeschreiblicher-Innigkeit hängen: wie will nun der Le mp elverein, diese wenig mehr als zwanzig Jahre zählende und nur von einer schwachen Minderzahl'getragene Anstalt als Autorität austreten, was soll das Verlangen rechtfertigen, daß wir unser Bedenken in Fesseln schlagen und uns ohne weiteres einem unmotivirten Eklekticrsmus fügen? Und vom letztem Punkte vorzüglich ausgehend wird der Zweifel an einem wissenschaftlichem Prinzipe dieser Reformirung um so gewichtiger. Jeder Eklekticismus erregt durch seine Unselbstständigkeit Verdacht, den er nur dadurch Zu entkräften vermag, daß er das Gepräge eines harmonisch das Ganze durchdringenden und belebenden Geistes an sich trägt, daß in. ihm ein geläutertes, das' Schroffe der Gegensätze ausgleichendes Prineip sich bekundet: daß er nicht ein mechanisches Amalgama einzelner abgerissener Gedanken und Stellen, sondern ein in sich gegliedertes systematisch verbundenes Ganzes bildet. Die Redattion hat, je nachdem es ihr gefiel, hier einen dort einen itiDD JiDD angenommen, hat hier einen Stützpunkt in irgend einem ziemlich unbekannten i#Y]ß oder selten ins Leben getretenen Gebrauch gesucht, dort zu sehr einer. Eonjekturalkritik vertraut. Die Redaction suchte aus, was ihr zusagte und verwarf mit solchem Rechte. Wie kann nun ein solches Verfahren Anspruch auf Geltung machen, da hier mit Recht die Frage rege wird, warum wurde dieses ausgesucht und jenes verworfen, da hier kein Ganzes, sondern nur ein durch keinen innern Geist zusammengehaltenes uud durch Nichts begründetes Conglomerat, das mitunter den Schein der Willkürlichkeit an sich trägt/ wahrzunehmen ist? Dieselbe Kritik, welche die Redaktion bei einigen Stücken und Stellen geübt, hätte auch auf Entfernung anderer einwirken sollen, dieselbe Auswahl, die sie bei einigen Sefardischm Stücken und Stellen traf, hätte auch bei andern berücksichtigt werden sollen; und so sehen wir bei allem Nachdenken und Forschen nicht ab, warum die Redaction an dieser Stelle das „Bisher"' cm der andern das „Nicht weiter" ausgesprochen ü (Fortsetzung folgt.) Druck von I. H. Nagel.

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