Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1842)
- Date
- 1842-01-08
- Page
- Seite 15 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Witt, der nur an das gewöhnlichste praktische Leben, an die dürre Gerichtssprache, an das trockene Verhältniß zwischen einem Anwald und Clienten gewöhnt ist, keinen höheren Sinn, keine tiefere Empfindung, keinen klaren und lichten Geist mitgegeben hat; sondern ich will jetzt nur weiter fragen, wie man so sinnlos fein kann, den Juden mit dem Zigeuner auf gleiche Stufe stellen zu wollend Ja, es ist so, Herr Witt halt zuverlässig den Zigeuner, der ohne alle Moral, ohne alle Neligion, ohne alle Spur von Cultur, nur vom Diebstahl, in viehischer Blutschande u. s. w. lebt, für gleichbedeutend mit dem Juden, dessen Heiligthum es ist, nicht allein die erste Idee eines ewigen, einigen und gerechten Gottes gehabt zu haben; welcher hohe und treffliche Poesien und Schriften aufweiser, sondern der selbst der Grund des Christenthums ist, was wir den Juden leider, und ich wiederhole es, leider niemals in Anschlag gebracht haben. Hätten wir denn ohne diese Juden, welche Sie so verhöhnen, welche Sie zum Lande hinausgejagt haben wollen, hatten wir denn ohne sie das Christentum gehabt? Sagen Sie, Herr Advokat Witt, halten Sie denn das auch nicht für einen Grund, den Juden eine freundliche, erleichternde Hand zu bieten.? Und wer hat den Spalt der Kluft größer zwischen uns, Christen und Juden, auseinander gerissen, das Gesetz Mosis und der Propheten, seiner Ausleger und Vertreter zwischen Jehova und Volk, oder die scholastische Weisheit unserer Katheder? Jesus war nur ein Jude, lebte nur als ein Jude, und lehrte nur ein gelaucertes Judenthum, das sich, wenn wir nicht gar zu blödsinnig und pedantisch sein wollen, unter den sogenannten aufgeklärten Juden bald einsinden wird, oder vielmehr schon jetzt eingefunden hat. Denn, Herr Advokat Witt, lassen Sie uns nicht gar zu sehr an den veralttten Begriffen der Geschichte und Gesellschaft kleben, lassen Sie uns mit den Ideen der Zeit forcschreiten, weil auch Jude und Judenthum in ihrer größeren Hälfte fortgeschritten sind und täglich fortschreiten. Oder halten Sie solch' eine Zuckung für nichts, wenn das Judenthum sich zusehends dem Christenthum anschließt, wenn man in Breslau die Beschneidung abzuschaffen sucht, wenn gerade nicht der leichtsinnige, sondern der geistig hellere Theft immer weniger auf Ceremonien giebt, und sich befleißigt, rechtschaffen zu fein, was oft mehr werth ist, als christlich noch so fromme Gebehrden. Ja, Herr Witt, Sie erschrecken vielleicht, wenn ich Ihnen sage, daß das gelauterte Jude nthum im Gru nde schon ein Christ enth um ist, ein solches nämlich, wie Christus es gelebt hat. Aber die Ceremonien! Sprechen wir nicht darüber, die Ceremonien machen im Christenthum eben so wenig den Christen, als sie demnach aus unserm Gesichtspunkte im Judemhume den Juden machen sollten. Es zeugt daher von einer großen Unkunde des heutigen Judenthumes, wenn es auf Seite 8 des Schriftchens heißt: „Die Juden verharren in der Strenge des Ceremonialdienstes, der weder für unsere Zeiten noch Sitten, noch unser Klima paffend ist, kein Reformator steht unter ihnen auf, sie suchen ihre moralische Größe nur in der Schroffheit. Sie wollen Juden bleiben, nicht sich accomodiren, nicht sich anschließen/' — Was Herr Witt hier unter „Reformatoren" verstehen will, ist mir nicht klar,, da ich meine Begriffe über einen Glaubensreformator, wie unser Luther, sehr gut und bestimmt geordnet glaube. Ein Reformator in unserm Sinne kann ja nicht unter ihnen auferstehen, weil sie Jehova's sind und niemals eine unfehlbare, das Reich Christi, d. h. Gottes, vertretende Macht auf Erden anerkannt haben. Moses ist nur Mensch und Prophet und nichts, weiter. Ihr Herr , Herr ist kein Pabst, sondern Gott allein, dem die Ehre. Und sagen wir es nur gerade heraus, ein so altes religiöses Institut, wie der Mosaismus, das sich auf ein Atter von sechstausend Jahren zurückführt, und schon deshalb heilig und ehrwürdig ist, das würden auch wir als Menschen, als Christen nicht so schlechtweg nach den Verhandlungen und ihren Erfolgen von zehn, zwanzig Jahren aufgeben, selbst wenn es dem Vortheile einer Emanckpation, der Gleichstellung als Staatsbürger gälte! Voss einer gleichen Unkunde und Beschränktheit zeugt es, wenn der Verfasser von den Juden verlangen "will, daß sie unsere Sonntage und Fasttage mirfeiecn sollen. Feiern wir denn etwa, oder vielmehr werden wir als Protestanten in katholischen Ländern gezwungen, oder können wir gezwungen werden, die vielen dortigen Festtage mitzuhqllen? Oder, um der Sache genau auf den Grund zu dringen,'weiß Herr Witt nicht, daß regelrecht unser Sonntag nur eine Abweichung, aus Laune und Egoismus hervorgegangen, vom jüdischen Sabbath ist, da man sich in den ersten Christengemeinden vereinigen zu müssen glaubte, den Sonntag nicht mit den Juden zu feiern, weil es unchristlich sei, einen jüdischen Feiertag beizubehalt-n? Doch Herr Witt ist kein Theologe; er hat dieses hingeschleudert wie io manches Andere. , Ohne Herrn Witt bei so manchen Kraftsprüchen festzuhalten und ihn nach Beweisen zu fragen, wie z. B. bei den Worten: „Es gelingt ihnen nur allzuwohl, Sympathie für sich zu wecken, wenigstens den Widerstand gegen sie zu lahmen. Alle Mittel und Künste werden dazu ausgeboten" — wo man doch ersuchen möchte, einige dieser Mittel und Künste namhaft zu machen, damit man — wahr? — doch künftig denselben Vorbeugen könne; denn was von der Redaction einiger Tagesblätter, in deren Anvertrauung die Gleichgültigkeit der Christen zu weit gegangen sein soll, gesagt wird, ist doch wohl nur ein wahnvolles blindes Geräusch, sonst bitte ich um Data, den dummen Christen, die sich ohne Herrn W i t t's Vermittelung so bethören ließen, die Augen zu öffnen. Aber ach, unsere Tageblätter sind ja fast alle hektische und nervenschwache Gestalten! — Ohne mich dabei aufzuhalten, will ich nur noch einen Passus beleuchten, wo Herr Witt sich in die krassesten Widersprüche verwickelt, die, wle gesagt, die ganze Dmklhätigkeit desselben nicht allein in einem zweifelhaften Lichte erscheinen lassen, sondern auch einen schlechten Begriff von seiner Definition juristischer KunstausdrüEe, von seinem Wortverstande auskommen lassen. S. 9 heißt es: „Wenn ein Candidat der Theologie vom Auslande bei uns Prediger werden will , so muß er sich erst das Indigenatsrecht erwerben, was so leicht eben nicht ist; dann, wenn er es erworben hat, ist er erst berechtigt, gleich Andern um ein Amt sich zu bewerben. Die Juden nun wohnen unter uns, und dieses Factum allein soll ihnen schon das Indigenatsrecht, das Recht eines Christen., eines Holsteiners, Zunftrechte und was noch mehr für Rechte mit Einem Schlage, für nichts und wieder nichts geben. Das ist doch höchst sonderbar! Nein, es ist impertinent (!]!)! Nur ein Jude kann eine solche Forderung stellen." Hatte der Verfasser doch diesen „impertinenten" Passus nicht gebraucht, wodurch er sich in die eigene Schlinge stürzt, um sich seinen Gegnern zu. überliefern. Wie kann er behaupten, daß die Juden nur des halb, weil sie unter uns wohn en, das Indigenatsrecht erworben zu haben glauben; sind sie denn nicht eben so gut wie wir in diesem Lande geboren, welches ihnen den vollen juristischen Begriff, des Jndigenats giebt, und warum sie gleiche Rechte mit uns ansprechen, wie^ oben schon gesagt ist. Man könnte auf