Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 711 (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Strenggläubigkeit und Volkstum. 711 stehender, bis in die fernsten Verästelungen des Lebens wirkender Kulturkomplex, der sich aus fremder unjüdischer Lebensweise und Weltanschauung gebildet hat, zur Verbindung mit ,תלמוד תורד nicht taugt. Und nun haben wir in den letzten Zeitläuften nicht nur ahnungslos eine solche Verbindung gemeint und gefördert, sondern wir sind jetzt, da wir uns einem דרך ארץ gegenübersehen, den die Ostjuden in vielhundertjährigem Aufbau auf Grund gerade ihres rnin-Lebens herausgebildet haben, sogar geneigt, ihn mit aller Unfreundlichkeit abzulehnen. Ja, wir gehen sogar mitunter, weil es auch unter den Volksjuden des Ostens Abfall vom Gottesgesetze gibt, soweit ihn aus ihrer andauernden Volkliehkeit zu erklären, — statt daß wir uns erinnern, daß er in letzter Linie auf den westjüdischen Zusammenbuch zurückgeht und dieser gerade mit der unterbrochenen Volkliehkeit sehr innig zusammenhängt. Es ist fast unglaublich: Da unsere arme westjüdische Orthodoxie, die alle Hände voll zu tun hat, um sich ihre paar Getreuen zusammeuzuhalten und tatsächlich nur auf die wenigen ganz starken, ganz widerstandsfähigen, ganz willensmächtigen Naturen angewiesen ist, die ausharren, obwohl ihnen das Fremde, daß Thora-Fremde unmittelbar auf der Haut sitzt und ins Blut zu dringen droht, wie es der jüdischen Menge bei ihnen zu Lande schon längst ins Blut gedrungen ist. Dort eine große gläubige jüdische Masse, durch eine warme, dichte thoraentstammte Hülle eigenen Volkslebens, durch einen eigenen, höchstens der Vervollkommnung noch entbehrenden דרך ארץ vor der fremden Geisteswelt geschützt. Und doch neidet jene Gruppe dieser Masse die Hülle nicht, die es für sie selber nicht mehr geben kann, sondern dünkt sich noch über solche Bagatellen erhaben. Sie dankt dem Allgütigen nicht, daß wenigstens der größte Teil des Volkes die Hülle noch hat. Sie denkt nicht daran, was aus ihr selber werden soll, wenn sie nicht einmal mehr den tröstlichen Blick auf den Osten haben wird, den sie heute noch hat, wenn dieser jüdische Osten selbst dort angelangt sein wird, wo sie heute ist — bei einer kleinen Zahl von bis auf die Haut bedrohten Standhaltern. Sie sieht