Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 709 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Strenggläubigkeit und Volkstum. 709 Gewiß ist eine eigene jüdische Spracheג) nicht grundsätzliche Vorbedingung dafür, daß jemand ein strenggläubiger Jude sei. TJnd gewiß gibt es tausende und tausende von Juden, die nichtjüdischer Mutter־ und Umgangssprache und doch strenggläubig sind, ebenso wie es andererseits, der größeren Anzahl der Ostjuden entsprechend, zehntausende gibt, die z. B. jiddisch sprechen und doch keine Spur mehr von Gläubigkeit aufweisen. Aber erstens geht aus diesen Fest- Stellungen selbst noch keinesfalls hervor, daß ein Strenggläubiger etwa Bedenken tragen müßte, sich zu einer jüdischen Sprache zu bekennen, sich für sie einzusetzen, sie zu pflegen. Und zweitens beziehen sie sich nur auf die Wirkungen, die die eigene Sprache auf die Gläubigkeit in jedem einzelnen Falle, nicht aber auf die, die sie auf die Gläubigkeit des Volkes als solchen ausübt oder nicht ausübt. Gerade insofern hat sich die eigene jüdische Sprache zusammen mit den anderen weltlichen Lebensäußerungen der Ostjudenheit, als gläubigkeitsfördernd erwiesen. Hätten die Ostjuden nicht diese sozusagen natürlichen ס'גים, es würde bei ihnen in puncto Jüdischkeit heute nicht anders aussehen als im Westen. Daß wir uns, wie gegenüber so manchen anderen Dingen, auch gegenüber der Kunst davor hüten müssen, unversehens in den allgemeinen Wirbel hineingerissen zu werden, daran ist nicht zu zweifeln. Wir vertragen nun einmal zwei Dinge nicht: nicht die Kunst als Religion, was ja auch die!Religion als Kunst bedeutet, und nicht die Kunst als Gelegenheitsmacherei. Und da in der Welt um uns so ziemlich alle Kunst wenigstens nach einer von diesen beiden Richtungen hin, wenn nicht nach beiden, strebt, wir aber von unserer Umgebung mindestens soweit beeinflußt sind, daß wir uns eine andere Kunst nicht mehr vorstellen können, sind wir eben gegen alle Kunst mißtrauisch. Allein wir sollten uns dem unsere Vorx) Die große Streitfrage Hebräisch-Jiddisch, welche die Ostjudenheit heute so mächtig bewegt — hier nur Unterfrage — sei für eine besondere Betrachtung auf gespart.