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Jeschurun · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November 1918) · p. Seite 708

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 708 (sequence 100)
Language
German
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708 Strenggläubigkeit und Volkstum. Lager hinüber müssen, in dem sie sich mit der gleichen Ahnungslosigkeit, mit der ihre Väter Gefolgschaft gegen das jüdische Volkstum leisten, allmählich gegen das alte rechtgläubige Judentum aufwiegeln lassen! Muß denn wirklich die polnische Juden heit in Schimpf und Schande enden, das polnische Judentum der Auszehrung verfallen, — aus keinem anderen Grunde, als weil wir nicht verstehen wollen, daß wir die weltlichen Nationalisten nicht zu fürchten brauchen, wenn wir uns nur nicht selber Blößen geben. IV. Wir strenggläubigen Juden haben sicherlich allen Anlaß, uns gegen den Sprachgötzenkult fanatischer Hebraisten und Jiddischisten sowie überhaupt dagegen zu verwahren, daß die Judenheit auf das Niveau einer Wald- und Wiesennation, wie sie zu hunderten auf der Erde gedeihen oder nicht gedeihen, hinabgedrückt werde. Wir können nicht anders, als uns gegen die Auffassung auflehnen, als ob es für ein Volk, um sich sehen lassen zu können, in erster Linie darauf ankomme, daß es noch ein paar Romane oder Dramen auf dem Büchermarkt, noch ein paar Premieren auf die Bühne bringe. Wir werden stets mir ein Lächeln haben für den neuen jüdischen Kultur־ betrieb mit Rekorden, für die nationale Seligkeit, die schon durch die hebräische oder jiddische Übersetzung irgend eines Russen oder Skandinaviers erzeugt wird. Wir werden uns auch niemals dazu verstehen, in den Volkstümlichkeiten des täglichen Lebens etwas zu sehen, was mit der Jüdischkeit irgendwie wetteifern, oder gar so etwas, was Jüdischkeit ersetzen könnte. Aber daraus folgt doch nicht, daß wir eigensinnig an den tatsächlishen Wirksamkeiten vorübergehen sollen, die einerseits unserem wundersamen, ewigen und heiligen Hebräisch, andererseits dem reichen, von fromm-volkhaftem Gute förmlich strotzenden Jiddisch eignen; daß wir es nicht mit Genugtuung begrüßen dürfen, wenn uns die Vorsehung schöpferische Menschen schenkt, die uns das äußere und innere Leben der Juden in künstlerischem Gleichnis darstellen und daß wir den ganzen herrlichen Reichtum jüdischer Volksart geringschätzen und vernachlässigen müssen.

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