Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 699 (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
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Strenggläubigkeit und Volkstum. 699 jeden Versuch wehren müssen, diesen Mittelpunkt durch andere, etwa Land, Sprache oder die Idee der Volksgemeinschart zu ersetzen. Aber es ist ebenso wahr, daß wir uns aus lauter Erbitterung und Vorsicht gegenüber jenen, die das Judentum verweltlichen, d. h. das jüdische Volk schon in der Art seines Volkseins , assimilieren wollen, nicht verleiten lassen dürfen, Selbstverständlichkeiten — und dies sogar auf Kosten unserer strengen Glauben spflichten — anzufechten. Die Nationalisten und Zionisten mögen ein jeder soviel Sünden auf seinem Kopf haben, als es ihrer Köpfe gibt, so kann das doch nicht die Tatsache umbringen, daß wir ein Volk sind, daß uns der Allmächtige so genannt hat — עם ,אומה ,לאום ,גרי sind schlechterdings nicht anders zu übersetzen — und damit ausdruckte, daß er uns als Volk haben wolle für die Dauer aller Zeiten. Da hilft kein sich Winden. Gottes Wort mag man deuten, aber man darf an ihm nicht deuteln. Man darf sich nicht zu dem lästerlichen Schlüsse treiben lassen, daß er anderes gesagt und anderes gemeint habe. Gewiß, wir sind sein Volk, ein Volk, das sich von den anderen Völkern dadurch unterscheidet, daß es in der Erfullung des göttlichen Willens seinen tiefsten Sinn, seinen eigentlichsten Zweck, den Mittelpunkt seines Seins sieht. Dazu sind wir auserwählt worden, ja. Aber eben als Volk und nicht als etwas anderes. So wie der Mensch seine Aufgaben auf Erden nur in seiner menschlichen Form erfüllen kann, sein Menschsein sich behaupten muß, um es zu. können, so können wir den besondern Sinn unseres Volkseins nur erfüllen, wenn wir unser Volkstum behaupten. Diese Pflicht ist so klar, daß ihr strenggläubige Juden selbst dann* folgen müssen, wenn etwa die Empfindung in ihnen aufkommt, ohne den Ballast des Volkstums Gott und seiner Lehre; leichter dienen zu können. Denn wer möchte es wagen, ihn berichtigen, die eigenen aus der Not und den Irrtümern der Zeit geborenen Anwandlungen über den Ewigkeitsplan des Allmächtigen stellen zu wollen?