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Jeschurun · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November 1918) · p. Seite 693

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 693 (sequence 85)
Language
German
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Die Juden in Rußland und Polen. 693 So bildete die polnische Judenheit. unbeschadet ihrer mit ganzem Herzen geübten Hingabe an die Erkenntnis und Übung der Religion, dennoch keine Hierarchie, keine Priesterherrschaft. Sie war vielmehr in Übereinstimmung mit dem demokratischen Ideal der Bibel ,.ein Reich von Priestern % in dem alle Menschen ebenbürtig geschaffen waren, mit demselben Anspruch, die gleiche Auszeichnung, zu erlangen. Die Autorität des offiziellen religiösen Führers wurde häufig, so tief auch die Verehrung für ihn war,, durch den Einfluß des ,.Lamden“ oder Laien-Gelehrten unterstützt, erreicht und sogar übertroffen. Man kann vielleicht unter Anwendung der Ausdrucksweise von Carlyle sagen, daß die polnische Judenheit eine ״Heroarehie״ war, eine Herrschaft von dem Helden ausgeübt, der die Ideale und Willensregungen seiner Nebenmensehen beherrschte, dem Helden, der von dem in das Gewand des polnisch-jüdischen Lamden gekleideten Mann der Wissenschaft dargestellt wurde. Literarische Fruchtbarkeit. Der literarische Ausdruck dieser polnisch-jüdischen Kultur, d. h. ihr Niederschlag in geschriebenen Werken ist nicht minder ein Produkt des sechzehnten Jahrhunderts. Es war im Beginn dieses Jahrhunderts, daß Rabbi Jakob Pollak (st. 1541), der berühmte Rabbi aus Böhmen, der zuweilen für den Erfinder der geistreichen Methode talmudischer Dialektik gehalten wird, die recht bezeichnend unter dem Namen ״Pilpul״, wörtlich ״Pfeffer״, bekannt ist, aus Prag nach Lublin übersiedelte und dort eine Jeschiba zur Förderung der talmudisehen Studien gründete. Sein Schüler Rabbi Schaiom Schachna (st. 1558), den wir schon früher als Oberrabbiner Kleinpolens kennen gelernt haben, wird als der Vater des polnischen Talmudstudiums angesehen, das wiederum durch seine berühmten, auf diesen Seiten häufig erwähnten Schüler Rabbi Moses Isserles (nach den Anfangsbuchstaben seines Namens Rema genannt, st. 1572) und Rabbi Salomon Luria (nach dem gleichen Prinzip Maharschai genannt, st. 1573) auf polnischen Boden verpflanzt wurde.

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