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Jeschurun · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November 1918) · p. Seite 692

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 692 (sequence 84)
Language
German
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692 Die Juden in Rußland und Polen. Zuweilen war es der Vater, zuweilen der Sohn oder Schwiegersohn, zuweilen war es ein armer Student oder Bachur, dem Nahrung und Obdach geboten wurden, um ihm die Fortsetzung seiner Studien zu ermöglichen; bisweilen konnte man alle diese zusammen unter einem Dach beieinander linden. Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, daß eine Gemeinde von fünfzig Männern in ihrer Mitte dreißig zählte, die den Titel Morenu besaßen, der auf der Stufenleiter der höheren Bildung ungefähr dem modernen Dr. phil. entspricht. Und doch war wcderv die Gefahr einer geistigen Überproduktion noch die Besorgnis vor einem gelehrten Proletariat zu befürchten. Denn die polnischen Juden hielten sich streng an die talmudische Vorschrift, daß die Thora לשמה, um ihrer selbst willen, um der geistig-seelischen Selbstveredlung willen studiert werden müsse und nicht zum ״Spaten, um damit zu graben44, herabgewürdigt werden dürfe. Diese weit ausgedehnte Verbreitung jüdischer Gelehrsamkeit erscheint um so bemerkenswerter, wenn wir den geistigen Hochstand der polnischen Judenheit bedenken, der bei einem Gelehrten die intime Vertrautheit mit der fast uferlosen talmudischen und nachtalmudischen Literatur bedingte, dem -Meer des Talmud״, wie sie häufig bezeichnet wurde, das jede irgendwie erfaßbare Gestaltung menschlichen Lebens und Denkens bedeckte, in vielen Fällen aber auch die Kenntnis der Mystik, die als ein integrierender Teil des Judentums galt. Die Juden Polens haben in voller Wahrheit nach dem idealen Bilde gelebt, das der Prophet Jesaja gezeichnet: ,,Alle deine Kinder werden vom Ewigen belehrt44, und man muß gerechter Weise hinzufügen, daß auch der andere sehnsüchtige Wunsch, den der Prophet im gleichen Verse ausspricht, von ihnen während des goldenen Zeitalters ihrer Geschichte nicht weniger verwirklicht wurde: ״Groß wird der Friede deiner Kinder sein*4. Die Schatten des Streites und der Uneinigkeit flohen vor dem Lichte der Erkenntnis, außer bei מלחמתה של תורה, beim Kampfe der Thora, dem heftigen, wenn auch friedlichen und unschädlichen Kriege auf dem Schlachtfelde der Gelehrsamkeit.

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