Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 688 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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688 Die Juden in Rußland ־and Polen. Interesse für ihre Brüder in den andern Ländern, und diejenigen, die mit der Lage der heutigen Juden in Deutschland vertraut sind, werden über den Witz der Weltgeschichte lachen, wenn man ihnen erzählt, daß ganze Scharen deutscher ״Schnorrer44, besonders wenn sie mit jüdischer Gelehrsamkeit begabt waren, von der edelmütigen und zuweilen allzu leichtgläubigen Neigung der Juden Polens lebten. Verkehr mit Nichtjuden. Doch waren die polnischen Juden ihren christlichen Nachbarn* nicht so völlig entfremdet, wie man vielleicht nach ihrem Verhältnis in späterer Zeit glauben könnte. Freilich ein intimer Verkehr mit der nichtjüdischen Umgebung war ausgeschlossen, vor allem durch das Verhalten dieser Umgebung selbst. Die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden beschränkten sich, wenn wir unser ״anheimelndes44 Gleichnis weiter ausspinnen wollen, auf gelegentliche Begegnungen auf dem Korridor. Für solche Begegnungen jedoch waren die polnischen Juden ausreichend vorbereitet. Wir haben bereits auf die Tatsache hingewiesen, daß trotz aller Abschließung die Juden Polens weiter die polnische Nationaltracht trugen, deren Überbleibsel, an ihren slawischen Ausdrücken wie Kaftan, Kapote, Djupitze u. s. w. noch zu erkennen, heute als ein Wahrzeichen jüdischer Orthodoxie gelten. Die Juden trugen, hier wieder trotz aller offiziellen "Verbote, gelegentlich Schwerter, und manche jüdischen Häuser waren an den Wänden mit Waffen ausgeschmückt, etwas, was man sich in späteren Zeiten kaum vorstellen konnte. Selbst das intime Gebiet der jüdischen Kochkunst war, wie noch aus den Namen mancher polnisch-jüdischer Gerichte zu ersehen ist, nicht unzugänglich gegen den Einfluß der christlichen Umgebung. Was ihr geistiges Leben anbetrifft, so hören wir von einer Anzahl polnischer Juden, die im Jahre 1501 ihren Doktorgrad in Padua erwarben, und ein Jahrhundert später, im Jahre 1623, fühlte ein neidischer polnischer Arzt das Bedürfnis, seinem Arger über erfolgreiche jüdische Nebenbuhler in einer besonderen.