Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 687 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Juden in Rußland und Polen. 68/ Fehlen des Luxus. Denn trotz aller Erwerbssehwierigkeiten, denen die Juden Polens schon im sechzehnten Jahrhundert ausgesetzt waren, gelang es ihnen dennoch, ihr Auskommen zu finden, und Rabbi Salomon Luria. ein berühmter Zeit־ genösse, teilt gelegentlich mit, daß selbst die jüdischen Bettler ohne Ausnahme imstande waren, am Sabbath ein reines Hemd anzuiegen. Ein Lufthauch von Ruhe und Frieden durchzieht die Wohnr'äume der polnischen Judenheit. Durch eine straffe Organisation geeint und in Zucht gehalten waren die Juden Polens von dem Geist der Disharmonie und Uneinigkeit bewahrt, der während des gleichen Zeitabschnittes die Gemeinden Deutschlands spaltete. Ein hervorstechender Charakterzug im polnisch-jüdischen Leben war גמילות הסדים Erweisung von Liebeswerken — das ist die anspruchslose Bezeichnung, unter der Philanthropie im Wörterbuch der Rabbinen steht. Nathan Hannover, ein vertrauenswürdiger Geschichtsschreiber, der im folgenden Jahrhundert schrieb, gibt eine begeisterte Schilderung dieser liebevollen Veranlagung der polnischen Juden, und wir erfahren zu unserer angenehmen Überraschung, daß ihre Liebestätigkeit nicht nur ein spontaner Ausbruch des weichen jüdischen Herzens war, sondern daß sie sich in der Form einer systematischen und wohlorganisierten Tätigkeit äußerte. Die polnischen Juden sorgten nicht nur freigebig für die leiblichen Bedürfnisse ihrer Armen* sie waren ebenso besorgt für ihre geistigen Nöte, und in Übereinstimmung mit der talmudischen Mahnung: ״Achtet wohl auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thora aus“ l wurde Bildung das unveräußerliche Recht eines jeden Juden. Es mag möglicherweise nicht nach dem Geschmack unserer modernen Frauenrechtlerinnen sein, aber es spricht für das Verständnis polnischjüdischer Menschenliebe, daß nach dem Zeugnis desselben Schriftstellers kein jüdisches Mädchen, mochte es aurh noch so arm sein, das achtzehnte Lebensjahr erreichen durfte, ohne glücklich im Hafen der heiligen Ehe gelandet zu sein. Die polnischen Juden zeigten das gleiche menschenfreundliche